Den Impuls zu diesem Film hat womöglich ein Zeitungsartikel aus dem Jahr 2024 gegeben: Allein in der Hauptstadt werden 7.000 Menschen per Haftbefehl gesucht. Deutschlandweit sind über 146.000 Personen flüchtig, davon fast 1.500 wegen Mordes, Totschlags oder versuchter Tötung. Auf Basis dieser Zahlen hat sich Krimi-Routinier Jürgen Pomorin alias Leo P. Ard den Auftakt zur 102. Episode des ZDF-Dauerbrenners "Ein starkes Team" ausgedacht: Vom Balkon aus sieht ein Mann am Abend, wie sein Auto abgeschleppt wird. Er rennt in Boxershorts auf die Straße, doch der Wagen ist weg. Die Mitarbeiterin des Abschleppunternehmens bringt ihn zum Betriebshof und macht Feierabend.
Am nächsten Morgen entdeckt sie die Leiche des Seniorchefs, Klaus Bröser (Hilmar Eichhorn). Das abgeschleppte Fahrzeug ist verschwunden, die Aufnahmen der Überwachungskamera sind gelöscht, das Kennzeichen ist noch nicht an die Polizei übermittelt, aber die junge Frau hat es sich notiert, und so scheint der Fall in Rekordzeit gelöst: Der Besitzer des Autos wird wegen schwerer Körperverletzung mit Todesfolge gesucht, sein Wagen stand vor der Wohnung seiner Freundin, dort wird er auch verhaftet.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Natürlich ist das nicht das Ende der Geschichte, schließlich sind gerade erst 15 Filmminuten verstrichen, denn nun kommt Pomorin zum zweiten Thema seiner Geschichte: Abzocke beim Abschleppen. Zwielichtige Firmen betreiben ein regelrechtes "Car-Napping", indem sie im Halteverbot abgestellte Autos ohne entsprechenden Auftrag der Polizei oder des Ordnungsamts an den Haken nehmen und für die Auslösung überhöhte Summen verlangen; im Grunde erfüllt das den Tatbestand von Nötigung und Erpressung.
Ein vor allem nachts aktiver "Abschlepp-Nomade" treibt’s besonders toll: Kai Zemke zieht von Stadt zu Stadt, bleibt aber nur so lange, bis die Behörden auf ihn aufmerksam werden. Natürlich kriegt er regelmäßig Krach mit den eingesessenen Unternehmen, und da Niklas Kohrt den Mann reichlich halbseiden verkörpert, scheint der Fall erneut geklärt, denn Zemke hatte eine aggressive Auseinandersetzung mit Bröser. Der hatte kurz zuvor beim Betrugsdezernat angekündigt, er sei einer großen Sache auf der Spur, wolle aber erst mal Beweise sammeln. Mehr als Drohungen und Verbalinjurien hat sich Zemke jedoch nicht zu Schulden kommen lassen, wie ein von seinem Fahrer aufgenommenes Video beweist.
Vielschichtiger und darstellerisch prominenter ist eine dritte Ebene. Handelnde Hauptfigur ist der Sohn eines früheren Konkurrenten von Bröser, aber die treibende Kraft ist der Vater, wie sich später zeigt, zumal ohnehin klar ist, dass Michael Mendl nicht nur als stummer Pflegefall verpflichtet worden ist: Gerhard Trojetzki ist nie über den Tod seines älteren Sohnes in den frühen Neunzigerjahren hinweggekommen; nun hat er nur noch wenige Wochen zu leben.
Sein zweiter Sohn, Daniel (Sebastian Urzendowsky), war eine der letzten Personen, mit denen Bröser Kontakt hatte. Die beiden alten Männer sind vor gut dreißig Jahren zu Feinden geworden; Daniel wollte erreichen, dass sie sich versöhnen, bevor sein Vater stirbt. Aber auch bei Familie Bröser ging es dramatisch zu: Nach dem zweiten Herzinfarkt hat Vater Klaus den Betrieb seiner Stieftochter Nicole (Anja Schneider) überschrieben, aber eigentlich hält er Frauen in diesem Gewerbe für deplatziert, deshalb wollte er die Führung wieder an sich reißen.
Somit hätte auch Nicole ein Motiv; ihre junge Mitarbeiterin allerdings ebenfalls, wie Otto Garber und Linett Wachow (Florian Martens, Stefanie Stappenbeck) schließlich rausfinden. Als Nicole entführt wird, kommt wieder Zemke ins Spiel, denn als neues Vorstandsmitglied der Berliner Abschleppunternehmen wollte sie seine fragwürdigen Methoden öffentlich anprangern.
Das klingt zwar nach dem üblichen Krimischema – eine oder einer der diversen Verdächtigen wird’s schon gewesen sein –, aber dafür versteht Pomorin sein Handwerk viel zu gut. Der Film ist gerade wegen der vielen Handlungswendungen sehenswert, zumal schließlich noch der erst 1994 ersatzlos aufgehobene Paragraf 175 des Strafgesetzbuches (Homosexualität) eine entscheidende Rolle spielt.
Die Umsetzung (Regie: Sven Fehrensen) entspricht mit ihrem soliden Handwerk zwar einem guten Krimi-Niveau, doch die Spannung ist selbst beim Finale sehr überschaubar. Gelegentliche Aufnahmen aus der Vogelperspektive bieten eine gewisse optische Auflockerung, aber sehenswert ist "Abgeschleppt" neben der Geschichte vor allem wegen des ausnahmslos gut geführten Ensembles, zumal die verschiedenen Team-Geplänkel wie stets für sympathisch beiläufige Heiterkeit sorgen. : Solide inszenierter Krimi mit interessanter Story aus dem Berliner Abschlepper-Milieu: Der Tod eines Unternehmers führt schließlich zurück in die frühen Neunziger.


