Aufs Muster der meisten Reihen und Serien übertragen heißt das: Wir klappern alle Verdächtigen ab, und am Ende ist der Fall gelöst. Schon allein deshalb fällt "Das letzte Opfer", Fall Nummer 101 für das "Starke Team", komplett aus dem Rahmen, denn zum einen ist das LKA-Trio gar nicht zuständig, als zum wiederholten Mal eine erdrosselte Frau gefunden wird, und zum zweiten scheint der Fall ohnehin gelöst, als der vermeintliche Serienmörder nach fünfzehn Filmminuten unter bizarren Umständen ums Leben kommt. Anders als gewohnt verzichtet das Drehbuch zudem weitgehend auf die üblichen Schmunzeldialoge. Zum Ausgleich hat sich Timo Berndt einen Gaststar ausgedacht, der dem Ensemble bei seinen heiteren Zwischenspielen prompt die Show stiehlt.
Ähnlich ausgezeichnet wie die Vorlage ist die Umsetzung. Angesichts immer höherer Kosten bei gleichzeitig stagnierenden Budgets bleibt den Produktionsfirmen kaum noch Spielraum. Mit ihren vielen Gesprächen, in denen die Teammitglieder den Fall erörtern, sehen Reihenkrimis daher mittlerweile wie Vorabendserien aus. Das ist hier zwar nicht völlig anders, doch Bettina Braun (Regie) und Felix Beßner (Bildgestaltung) haben zumindest versucht, den Plaudereien optisch ein bisschen Abwechslung zu verleihen. Öfter mal die Kameraperspektive wechseln, eine etwas höhere Schnittfrequenz sowie eine andere Farbgebung und Lichtsetzung als sonst erweisen sich als ebenso wirkungsvoll wie die schlichte Idee, ein Gespräch einfach mal nach draußen zu verlagern. Die Musik (Dirk Leupolz) ist ebenfalls von besonderer Qualität; die Tonspur ist ohnehin sorgfältig gestaltet.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Aber der Knüller ist die handlungsreiche und überaus clever konzipierte Geschichte. Berndt ist ein sehr fleißiger Autor und gerade beim ZDF vielbeschäftigt. "Sarah Kohr" ist mehr oder weniger seine Schöpfung, "Die Toten vom Bodensee" hat er lange geprägt, für "Marie Brand", "Wilsberg", "Friesland" und "Ein starkes Team" schreibt er ebenfalls regelmäßig. Krimis nach seinen Drehbüchern sind oft ungewöhnlich und zuverlässig sehenswert, aber diesmal hat er sich selbst übertroffen, zumal schon der rätselhafte Auftakt die Neugier weckt. Mindestens so wichtig wie die Geschichten sind gerade bei Reihenkrimis die Entwürfe der gern namhaft besetzten Episodenrollen. Prominente Mitwirkende und daher als Figur automatisch verdächtig sind diesmal Jessica Ginkel und Franz Dinda, doch die Meriten gebühren vor allem Maja Bons, die nicht zuletzt dank ihrer Jugendlichkeit derart viel frischen Wind in den Film bringt, dass ihre Rolle Ensemblepotenzial hat: Luisa Knapp betreibt den Podcast "Berlin Crimes", taucht regelmäßig an allen möglichen Tatorten auf, ignoriert die Absperrungen und ist in sämtlichen Abteilungen der Polizei als Nervensäge verschrien. Diesmal jedoch erweisen sich ihre Recherchen als äußerst nützlich.
Nach dem Fund einer weiblichen Leiche in einem Park spricht alles dafür, dass es sich um das fünfte Opfer eines Frauenmörders handelt, der die Stadt seit einiger Zeit in Atem hält. Nils Makowski (Lucas Reiber), der junge Kollege von Otto Garber und Linett Wachow (Florian Martens, Stefanie Stappenbeck), glaubt das nicht, aber dem LKA-Team sind die Hände gebunden: Die Ermittlungen obliegen einer Soko, deren selbstgefällige Leiterin (Katja Weitzenböck) Makowskis Unbehagen ignoriert. Ausgerechnet Luisa bestärkt seine Zweifel: Kürzlich hat sich ihr eine Frau anvertraut, die nicht nur wusste, wer der Mörder ist, sondern zudem überzeugt war, das nächste Opfer zu sein. Luisa hat sie überredet, nicht zur Polizei zu gehen, um die Story erst mal selbst auszuschlachten; und nun ist Antonia Kriesche verschwunden. Zumindest für die Soko hat sich der Fall kurz drauf allerdings erledigt: Ein vom eigenen Auto überrollter Stadt- und Friedhofsjäger ist eindeutig der gesuchte Mörder. Da der Mann seine Opfer vor ihrem Tod einige Tage lang gefangen gehalten hat, gibt es begründete Hoffnung, dass Antonia noch lebt. Aber wo? Und wer ist der "Copykiller"?
Es tut dem Film gut, dass Makowski diesmal zur treibenden Kraft der Ermittlungen wird, aber selbst Lucas Reiber hat keine Chance gegen den Blickfang der Revierszenen: Wachow hat aus Antonias verwaister Wohnung ein Dr. Lüdenscheid getauftes Frettchen mitgebracht. Das Tier büxt umgehend aus, treibt fortan fröhlich zwitschernd allerhand Unfug im Revier und beschert dem Film eine sehr witzige Schlusspointe.


