"Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute": Der Märchenschluss bezieht sich zwar auf Paare, ist in der Filmgeschichte jedoch seit über hundert Jahren die Voraussetzung für Fortsetzungen. Fürs Fernsehen gilt das erst recht, heute noch mehr als vor fünf Jahrzehnten; damals waren ARD und ZDF zwar konkurrenzlos, aber Leuchttürme waren schon immer wichtig.
Mit der 2016 gestarteten "Ku’damm"-Reihe ist der Produktionsfirma UFA das Kunststück eines modernen Klassikers gelungen. Dank dreier weiterer Staffeln ist die Familien-Saga mittlerweile zu einer Chronik der Bundesrepublik geworden. Der Auftakt, "Ku’damm 56", erzählte aus Sicht der drei jungen Töchter einer Tanzschulinhaberin die Zeit des Wirtschaftswunders, "Ku’damm 59" war eine Hommage an den Rock’n’Roll.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Beide Staffeln boten dank Sonja Gerhardt, Maria Ehrich, Emilia Schüle sowie Claudia Michelsen großes Schauspiel, Kostüm- und Szenenbild waren ein Fest, und die Drehbücher von Grimme-Preisträgerin Annette Hess ("Weissensee") garantierten ein ungemein kurzweiliges Auf und Ab. Einzig bei "Ku’damm 63" fehlte das gewisse Etwas; vielleicht auch, weil Hess hier nur noch als "Creative Producer" fungierte.
Die vierte Staffel knüpft dagegen in jeder Hinsicht wieder an die früheren Mehrteiler an. Außerdem hat sie einen ganz erheblichen Mehrwert zu bieten: Das Publikum von ARD und ZDF ist im Schnitt Mitte sechzig; in der zweiten Hälfte der Siebziger waren viele dieser Menschen Teenager. Entsprechend nostalgische Gefühle werden schon allein die Hits wecken, die in "Ku’damm 77" in Hülle und Fülle erklingen. Den Rest besorgt die gewohnt ereignisreiche Handlung.
Dank einer einfachen, optisch und erzählerisch jedoch enorm wirkungsvollen Hess-Idee konnte Regisseur Maurice Hübner der vierten Staffel zudem eine gänzlich neue Anmutung geben: Zur siebten weiblichen Hauptfigur neben der strengen Matriarchin Caterina, ihren drei Töchtern sowie den zwei Enkelinnen wird eine Mitarbeiterin des Sender Freies Berlin, die eine Dokumentation über die Tanzschule "Galant" und die Geschichte der Familie Schöllack drehen will.
Aufgrund des regelmäßigen Wechsels in die Perspektive der TV-Kamera ändert sich nicht nur der Look: In den Interviews geben die Frauen Einblicke in ihr Innenleben, zumal Linda Müller (Massiamy Diaby) wegen ihrer Anwesenheit auch in heiklen Momenten mehr und mehr zur Vertrauensperson wird; bis sich schließlich offenbart, dass ihr Interesse keineswegs nur beruflicher Natur ist.
Neben den ausnahmslos vorzüglichen Darstellungen sowie der tollen Arbeit jener Gewerke, die das authentische Lebensgefühl der Siebzigerjahre rekonstruieren, resultiert die Faszination der Filme, die das ZDF heute, morgen und übermorgen zeigt (alle Folgen stehen als sechsteilige Serie in der Mediathek), aus dem Schicksal der Töchter: Monika (Gerhardt), als Teenager ein Filmstar und später erfolgreiche Sängerin, hat ihr Dasein gänzlich dem Erfolg ihrer tänzerisch hochbegabten Tochter Dorli (Carlotta Bähre) untergeordnet.
Helga (Ehrich) ringt mir ihrem Alkoholproblem und verguckt sich erneut in einen Mann, der ihr nicht gut tut. Eva (Schüle) sitzt nach dem Tod des Gatten im Gefängnis und schafft nach ihrer Entlassung für ein veritables Wunder, als sie das "Galant" rettet: Die einst für eine Reichsmark erstandene Tanzschule soll den rechtmäßigen jüdischen Besitzern zurückgegeben werden.
Zeitbezogene Einschübe wie diesen gibt es immer wieder. Die Anschläge der RAF sind im Hintergrund ein Dauerthema, die Drogentoten vom Bahnhof Zoo nur um die Ecke; ausgerechnet Dorli, die kommende deutsche Meisterin, sorgt dafür, dass das Thema unversehens in den Mittelpunkt rückt. Carlotte Bähre ist nicht nur wegen ihrer furiosen Tanzeinlagen die Entdeckung des Films; ihre beeindruckend reife Leistung ist nachwuchspreiswürdig. Die zweite Enkelin hat ebenfalls ihren eigenen Kopf: Friederike (Marie Louise Albertine Becker) will nicht als erste Schöllack-Frau Abitur machen, sondern Berlins erste Polizistin werden.
Wie in den anderen Staffeln spielen die Männer zwar nur Nebenrollen, aber die haben es in sich. Mit Hilfe eines cleveren Kniffs ist es Hess gelungen, Sabin Tambrea auch diesmal mitwirken zu lassen, obwohl sich Monikas Mann in "Ku’damm 63" das Leben genommen hat. Helgas homosexueller Ex Wolfgang (August Wittgenstein) landet nach seiner Übersiedlung in die DDR im Bautzener Stasi-Knast. Schade nur, dass Florian Stetter als ihr Geliebter und Wolf im Schafpelz vorhersehbar exakt die gleiche Rolle wie in der "Katharina Tempel"-Reihe des ZDF verkörpert.


