Krebs: Psychoonkologie soll Ängste der Patienten auffangen

Krebs: Psychoonkologie soll Ängste der Patienten auffangen
Für Anneliese G. kam die Diagnose völlig überraschend: Eigentlich sollte der Kölnerin (69) nur ein Stück entzündeter Darm entfernt werden. Doch als sie nach der Operation wieder aufwachte, trat der behandelnde Arzt mit einem betretenen Gesicht vor ihr Bett. Die vermeintliche Entzündung hatte sich als eine seltene Art von Darmkrebs entpuppt - ein Schock.

Für die an sich so rüstige und lebensfrohe Frau brach eine Welt zusammen. "Sie war völlig fertig und konnte damit überhaupt nicht umgehen", erzählt ihre Tochter Sandra. "Sie hatte auf einmal schreckliche Angst." Weder der behandelnde Arzt noch ihr Hausarzt konnten G. davon überzeugen, dass ihre Überlebenschance groß war. "Dazu fehlte das Vertrauensverhältnis", sagt Tochter Sandra.

Zehntausende von Deutschen werden jedes Jahr mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Für die meisten ist der Befund ein Schock, den sie nur mühsam bewältigen. Viele Betroffene quälen sich mit Fragen wie: Warum gerade ich? Habe ich etwas falsch gemacht? Hinzu kommt die Angst vor der Behandlung, den Nebenwirkungen und der Frage, ob man die Krankheit überleben wird.

Menschen begleiten

Gegen die psychischen Probleme bei einer Krebserkrankung kann die Psychoonkologie helfen. Darunter versteht man eine psychologische Fachrichtung, die sich nach der Diagnose Krebs mit den emotionalen Belastungen von Patienten und ihren Angehörigen beschäftigt. "Wenn das Todesurteil droht, fällt man aus dem üblichen Leben heraus", sagt der Diplom-Psychologe und Psychoonkologe Fritz Propach aus München im Gespräch mit dem epd. Dann sei es wichtig, die Menschen mit ihren Ängsten aufzufangen: "Eine psychoonkologische Therapie ist eine solche Form der Begleitung. Sie will die Lebensqualität der Patienten verbessern."

Im Kern geht es darum, Patienten den Umgang mit der eigenen Angst zu erleichtern und ihnen dabei zu helfen, mit dem Risiko eines Rückfalls zu leben. Eine Krebserkrankung kann den Verlust des Arbeitsplatzes oder der Selbstständigkeit bedeuten. Manch einer muss früher als geplant in Rente gehen, womit wiederum finanzielle Einbußen verbunden sein können. Auch das Familiengefüge verändert sich, weil der Betroffene plötzlich viel mehr zu Hause ist und möglicherweise Hilfe braucht. "Holen Sie sich Unterstützung von Ehepartnern, Freunden oder auch von professioneller Seite", rät dazu die Deutsche Krebsgesellschaft.

"Entspannungstechniken können dabei helfen, die Angst abzubauen", sagt Propach. Wenn das nicht funktioniere, könne eine Psychotherapie empfehlenswert sein, etwa in Form einer Verhaltenstherapie: "Gerade die Verhaltenstherapie ist sehr gut geeignet, weil sie sich konkret mit der Lebenssituation des Betroffenen auseinandersetzt."

Datenbank hilft bei Therapeutensuche

Propach ist für den gemeinnützigen Verein "Pro Psychotherapie" aus München tätig, der sich mit seinem Onlineportal www.therapie.de an hilfesuchende Patienten richtet. "Wir wollen dabei helfen, einen geeigneten Therapeuten zu finden, der zu dem jeweiligen Patienten passt", sagt er. In der Datenbank des Vereins sind die Kontaktdaten von rund 1.600 Therapeuten in ganz Deutschland gespeichert, die über die Suchmaschine auf der Website abrufbar sind. Die Website wurde im vergangenen Jahr von einer Million Interessenten besucht.

Die Psychoonkologie will auch mit dem weit verbreiteten Irrtum aufräumen, eine Krebserkrankung sei - wenigstens zum Teil - psychisch verursacht. Dass ein positiv denkender Mensch seltener an Krebs erkrankt, ist trotz zahlreicher Versuche statistisch nicht nachzuweisen. "Optimisten leben nicht länger, aber besser", sagt Propach. Experten vermuten, dass sich die Idee einer "Krebspersönlichkeit" deswegen so hartnäckig hält, weil sie den Gesunden die Möglichkeit bietet, sich vor einer eigenen Krebserkrankung sicher zu fühlen. Tatsächlich einen leichten Überlebensvorteil haben allerdings Patienten, die sich aktiv über ihre Krankheit informieren und sich bemühen, die richtigen Therapien und Ärzte zu finden.

epd