Afrikas verblassender Traum

Die Erinnerung an den Mord an über 2.000 Tutsi 1994 in Ruanda steht im Kontrast zu den Hoffnungen, die das Ende der Apartheid in Südafrika damals weckte.

Foto: dpa/Ricky Gare

Die Erinnerung an den Mord an über 2.000 Tutsi 1994 in Ruanda steht im Kontrast zu den Hoffnungen, die das Ende der Apartheid in Südafrika damals weckte.

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Afrikas verblassender Traum
20 Jahre nach den ersten freien Wahlen hat die Strahlkraft Südafrikas nachgelassen. Der demokratische Wandel in Südafrika hat damals zwar die ganze Welt bewegt, und besonders Afrika. Doch die Regenbogennation leuchtet heute nur noch schwach. Und schon während im April 1994 am Kap gefeiert wurde, versank Ruanda in Blutvergießen.

Als am 27. April 1994 über Südafrika die Sonne aufging, kündeten lange Schlangen vor den Wahllokalen von einer neuen Ära: Von den mehr als 22 Millionen Menschen, die an diesem Tag ihre Stimmen abgaben, wählten die meisten zum ersten Mal. Einen Tag vorher hatten bereits Behinderte und Menschen mit bestimmten Berufen wählen können, Weiße wie Schwarze. Nelson Mandela, der bald sprach am Ende des rassistischen Apartheidregimes von seinem Traum: "Ein Südafrika, das alle Südafrikaner repräsentiert".

ist ein Traum, der weit über die Grenzen der Nation hinaus strahlte. Der Triumph eines inhaftierten Freiheitskämpfers, der im Moment seines Sieges Versöhnung predigte und seinen Peinigern die Hand reichte, hat die ganze Welt bewegt, und Afrika ganz besonders. Für den simbabwischen Journalisten Tanonoka Joseph Whande ist dies direkt mit der Person Mandelas verknüpft: "Er war anders als die anderen afrikanischen Regierungschefs, die mit ihren Sonntagsreden eigennützige Ziele verfolgten und sich an Gewalt erfreuten."

Mandela habe sich nie selbst überhöht, anders als etwa Simbabwes umstrittener Präsident Robert Mugabe. "Europäer, die sich nicht vorstellen konnten, dass irgend etwas Gutes aus Afrika kommt, schienen perplex, dass der beliebteste Staatsmann der Welt ein schwarzer Afrikaner sein sollte", erinnert sich Whande. Auch weil Mandela drei Jahrzehnte nach dem ghanaischen Panafrikanisten Kwame Nkrumah wieder das Bild einer afrikanischen Erneuerung prägte, hatte das, was in Südafrika geschah, Ausstrahlung auf andere afrikanische Länder.

Afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme

Doch während die Menschen am Kap die Geburt ihrer Demokratie feierten, wütete im ostafrikanischen Ruanda der Völkermord an den Tutsi, rund 800.000 Menschen wurden niedergemetzelt. "Ruanda ist zu unserem Alptraum geworden, Südafrika bleibt unser Traum", schrieb der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka damals. Dieser Traum beflügelte einen ganzen Kontinent. Im Nachhall zur Befreiung Südafrikas vom Joch eines weißen rassistischen Regimes wurde die Afrikanische Union gegründet, die afrikanische Lösungen für afrikanische Probleme finden sollte.

Nicht nur in Nigeria und Simbabwe hofften die Menschen, dass auch ihre politischen Führer von Südafrika lernen würden. Dabei wurde das Land an der Südspitze des Kontinents auch deshalb zum leuchtenden Vorbild, weil die Regenbogennation die Projektionsfläche für viele Wünsche bot: Die einen lobten die Meinungsfreiheit, andere das Ausbleiben von Stammesdenken, wieder andere das Erstarken schwarzen Unternehmertums.

Dabei schwang stets der Unterton mit: Wenn Südafrika mit seiner Apartheid-Vergangenheit es schaffen kann, dann kann es jedes afrikanische Land schaffen. Afrikas Herrschende bedienten sich mit den Erfolgen, die ihnen ins Konzept passten. Selbst Diktatoren versuchten, sich im Glanz von Mandelas Traum zu sonnen.

Die Wut unter den Armen wächst

Der Philosoph Slavoj Zizek spricht deshalb nach Mandelas Tod im Dezember 2013 von Beliebigkeit: "Die universelle Verehrung Mandelas ist ein Beleg dafür, dass er die globale Machtordnung nicht wirklich erschüttert hat." Das liege auch am Aufgeben früherer Ideale in seiner Partei. "Der Afrikanische Nationalkongress hatte ursprünglich nicht nur das Ende der Apartheid versprochen, sondern auch mehr soziale Gerechtigkeit, sogar eine Art Sozialismus", sagt Zizek. Im Pragmatismus der folgenden Jahre sei das untergegangen. "Kein Wunder, dass die Wut unter den armen, schwarzen Südafrikanern wächst."

20 Jahre nach den ersten freien Wahlen in Südafrika gehören einem Bericht der Investmentbank Goldman Sachs zufolge immer noch 85 Prozent der schwarzen Bevölkerung zu den Ärmsten, während 87 Prozent der Weißen zur Mittel- und Oberschicht zählen. Die Regierung unter Präsident Jacob Zuma scheint unfähig, die Armutsschere im Land zu schließen. Gerade hat Nigeria Südafrika als größte Wirtschaftsmacht des Kontinents überholt.

Und auch sonst verblasst der südafrikanische Traum. Autoritäre Herrscher wie Ugandas Präsident Yoweri Museveni, Ruandas Staatschef Paul Kagame oder Ägyptens Militärjunta befinden sich im Aufwind. Die Afrikanische Union verkam zu einem Club der Mächtigen. Mit den Freiheiten für Minderheiten steht Südafrika zunehmend alleine da, wie die drakonischen Gesetze gegen Homosexuelle in Nigeria und anderswo belegen. Präsident Zuma selbst sieht China als sein neues Vorbild - alles andere als ein freiheitlicher Staat.