Situation auf der Krim: "Das macht einem Bauchschmerzen"

Wie das Referendum ausgehen wird und was dann weiter auf der Krim geschieht, zeigt sich morgen
Foto: dpa/Zurab Kurtsikidze
Was wird nach dem Referendum auf der Krim geschehen?
Situation auf der Krim: "Das macht einem Bauchschmerzen"
Am Sonntag stimmt die überwiegend russischsprachige Bevölkerung der Krim darüber ab, ob die ukrainische Halbinsel künftig zu Russland gehören soll. Markus Göring, Pfarrer der deutschen evangelisch-lutherischen Gemeinde, beschreibt die Stimmung vor Ort.

Morgen sollen die Menschen auf der Krim bei dem umstrittenen Unabhängigkeitsreferendum ihre Stimme abgeben. Können Sie die Lage vor Ort beschreiben?

###mehr-personen### Es ist eine Wahl zwischen dem sofortigen Anschluss an Russland, und einer vollständig autonomen Republik in der Ukraine, die sich später vielleicht doch Russland anschließen könnte. Einige Gruppen, die gegen die Abstimmung sind, haben zum Boykott aufgerufen. Es ist aber schwierig zu sagen, wie das Referendum ausfallen wird. Die einheimischen Quellen betonen zwar: "Die Abstimmung ist frei, sie ist fair", aber vor vielen Redaktionen ist Militär positioniert, das Krim-Fernsehen hatte vorübergehend den Betrieb eingestellt, der Sender der Krim-Tataren, der muslimischen Minderheit, ist immer noch abgeschaltet, ukrainische Sender sind blockiert. Das ist die Situation, und das macht einem durchaus Bauchschmerzen.

Wie verhalten sich die Menschen? Welche Sorgen haben sie?

Prinzipiell können viele Leute mit einer Annäherung an Russland gut leben. Die meisten fühlen sich Russland zugewandt, weil sie mit Kiew nicht viel anfangen können - ein Grund dafür ist, dass sie das Gefühl haben, die neue Kiewer Regierung sei vor allem westukrainisch geprägt. Noch dazu malen sie sich vermutlich ein rosarotes Bild von Russland.

"Keiner weiß, wie es dann weiter geht"

Es gibt aber auch viele, die die Entwicklung kritisch sehen - gar nicht, weil sie sich so ukrainisch fühlen, sondern aus wirtschaftlichen Interessen. Die Krim lebt vom Tourismus, letztes Jahr waren geschätzt sieben Millionen Touristen hier. Ein großer Teil davon kam aus der Ukraine oder aus anderen Ländern - Weißrussland, Europa. Die Menschen auf der Krim befürchten, dass durch die politische Instabilität diese wichtige Einnahmequelle wegfallen könnte. Vor allem an der Küste vermieten Rentner, die umgerechnet nur etwa hundert Euro Rente im Monat bekommen, im Sommer ihre Wohnung oder Datsche. Bei ihnen ist die Angst groß, dass es durch die politische Spannung in Zukunft schwieriger wird.

Haben die Menschen Angst, die Situation könnte eskalieren?

###mehr-links### Die jetzige Regierung verbreitet: "Wir haben alles unter Kontrolle, es ist sicher und friedlich, ihr könnt auf die Straße gehen." Die Militärpräsenz in den Wohngebieten ist gar nicht so gegeben, dort versucht die Regierung Normalität zu verbreiten. Es gibt keinen großen Volksaufstand auf der Krim, sondern es ist eine militärische Aktion. Zwar gibt es Menschen, die das feiern und mit russischen Fahnen umherziehen, aber es mobilisiert nicht viele. Aber es weiß natürlich keiner, wie es weiter geht. 

Es ist nicht so, dass die Menschen im großen Stil die Krim verlassen. Die, die sich ganz deutlich als Ukrainer fühlen, sagen zwar durchaus: "Wir haben Angst vor Übergriffen wegen unserer Meinung", aber das ist eine kleine Gruppe. Die meisten sind ruhig und warten ab, was nun passiert.  

"In so ein Land fahren wir nicht, zu unsicher"

Wie wirkt sich die Situation auf Ihre Gemeinde aus?

In den ersten Tagen kamen zunächst weniger Menschen in die Gottesdienste. Aber inzwischen hat sich das wieder normalisiert, die Menschen fühlen sich wieder sicherer.

Die Menschen in der Gemeinde denken nicht völlig anders, als die außerhalb der Gemeinde. Die meisten sind russischsprachig, nur wenige sprechen ukrainisch. Sie schauen russisches Fernsehen. Was dort an Darstellungen, Werturteilen gebracht wird, prägt natürlich ihre Sicht der politischen Situation, unabhängig von der religiösen Einstellung.

###mehr-artikel### Was uns Sorgen macht, ist die Frage, ob die Partnerschaft in den Westen weiterhin so gut funktionieren wird. Wir haben zum Beispiel für den Sommer ein internationales Jugendzeltlager mit einer Gruppe aus Süddeutschland geplant, die es aber inzwischen abgesagt hat, sie sagt: "In so ein Land fahren wir nicht, das ist uns zu unsicher". Das wäre ein großer Verlust für unsere Kirchengemeinden, weil wir uns immer bemüht haben, Brücken zu bauen zwischen Ost und West. Die Menschen hier haben eine große Freude daran zu sehen: Wir sind als evangelische Christen und als sehr kleine Minderheit in dieser Gesellschaft verbunden mit Evangelischen in aller Welt. Und wenn das nicht mehr funktionieren würde, wäre es ein großer Verlust für uns.