Wie wir unsere Freiheit vor Verführern schützen können

Die Kirchenpräsidentin der EKHN, Christiane Tietz
epd-bild/Tim Wegner
Die Kirchenpräsidentin der EKHN, Christiane Tietz, warnt vor Angriffen auf die Freiheit
Kirchenpräsidentin Christiane Tietz
Wie wir unsere Freiheit vor Verführern schützen können
Freiheit oder Sicherheit? Zum Reformationstag warnt Kirchenpräsidentin Christiane Tietz vor autoritären Verführern und appelliert, Unsicherheit auszuhalten, selbstbestimmt zu entscheiden und Verantwortung für andere zu übernehmen.

Auf die Gefahr, Freiheit aus Angst und Unsicherheit aufzugeben, hat die Kirchenpräsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Christiane Tietz, in Mainz aufmerksam gemacht. Gerade in einer Zeit vielfältiger Krisen und wachsender gesellschaftlicher Spannungen sei Freiheit keine Selbstverständlichkeit, sagte sie im Gottesdienst zum Reformationstag am Samstagabend in der Christuskirche. So verschärften etwa die sozialen Medien einen "Schwindel der Freiheit",  indem sie "ohne Ende neue Optionen vorspielen". 

Unter diesen Voraussetzungen hätten "autoritäre Versucher leichtes Spiel", die die Welt vereinfachen wollten und mit "Schwarz-Weiß-Lösungen" lockten. Sie verführen laut Tietz dazu, "die Freiheit aufzugeben und unter das Joch ihrer Knechtschaft zu fliehen".

Umso wichtiger sei es, Unsicherheit auszuhalten und selbstbestimmt zu handeln. Der Glaube könne Menschen dazu Mut machen, selbst Antworten zu finden und Verantwortung zu übernehmen. "Autoritäre fürchten die Freiheit derer, die die Komplexität unserer Welt aushalten, mit mutigem Augenmaß urteilen und es weiter wagen, selbst zu entscheiden", postuliert Tietz.

Auch Tietz plagen Zweifel

In einer komplexen Welt die richtigen Entscheidungen zu treffen und zugleich klare Positionen zu vertreten, ohne gesellschaftliche Gräben zu vertiefen, könne schwierig sein. Dies machte die Kirchenpräsidentin an persönlichen Erfahrungen deutlich.

"Ich selbst liege manchmal nachts wach und frage mich, ob ich mich richtig verhalten habe." Besonders beschäftige sie die Frage, wie sie sich klar positionieren könne, ohne die gesellschaftliche Polarisierung zu verstärken. "War ich zu deutlich, war ich zu wenig deutlich? Habe ich Spaltungen vertieft? Oder habe ich zu wenig klare Grenzen gezogen?" 

Die christliche Freiheit gebe ihr dabei Zuversicht: Niemand müsse perfekt sein oder alle Probleme lösen. "Ich muss nicht die Welt aus den Angeln heben", sagte Tietz. Vielmehr komme es darauf an, am eigenen Ort das Notwendige zu tun, Fehler einzugestehen und immer wieder neu den Mut zu finden, Entscheidungen zu treffen und zu handeln. 

Christliche Freiheit heißt Verantwortung übernehmen 

In ihrer Predigt zum Reformationstag wandte sich Tietz auch gegen ein Verständnis von Freiheit, bei dem lediglich eigene Wünsche und Interessen zählten. Freiheit sei untrennbar mit Mitmenschlichkeit und Verantwortung verbunden.

Dazu gehöre, Schwächere zu unterstützen, andere zu trösten und menschliche Unzulänglichkeiten auszuhalten. Freiheit finde ihre Grenzen dort, wo die Rechte und die Würde anderer Menschen verletzt würden. Dem Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer zufolge bedeute Freiheit im eigentlichen Sinne "frei-sein-für-den-anderen". 

Ausgangspunkt ihrer Predigt zum Reformationstag 2026 war ein Text aus dem Galaterbrief des Apostels Paulus (Galater 5,1 und 13–15): "Zur Freiheit hat uns Christus befreit." Schon Paulus habe die christliche Freiheit als ein kostbares, aber gefährdetes Gut beschrieben, betonte Tietz.

Der Reformator Martin Luther habe diesen Gedanken aufgegriffen und deutlich gemacht, dass Menschen sich Gottes Liebe nicht erst durch besondere Leistungen verdienen müssten. Die Erfahrung, von Gott bedingungslos angenommen zu sein, eröffne vielmehr die Freiheit, sich anderen Menschen zuzuwenden und Verantwortung zu übernehmen. Die Befreiung zur Freiheit bleibe die "zentrale Botschaft des Evangeliums", so Tietz.

Vertrauen fördert Freiheit

Wie hochaktuell die reformatorische Botschaft von der Freiheit auch aus psychologischer Sicht ist, verdeutlichte die Züricher Psychologieprofessorin Urte Scholz bei einem Interview im Gottesdienst. Freiheit bedeute, "auch in schwierigen und belastenden Situationen ein Gefühl der Kontrolle und der Selbstwirksamkeit zu erhalten" und sich nicht hilflos oder ausgeliefert zu fühlen.

Eine entscheidende Voraussetzung dafür seien verlässliche Beziehungen: "Durch gute soziale Beziehungen entsteht Vertrauen", sagte Scholz im Festgottesdienst. Wie in der reformatorischen Vorstellung von Freiheit gehe es dabei nicht um grenzenlose Unabhängigkeit, sondern um die Möglichkeit, das eigene Leben selbstbestimmt und in Verantwortung zu gestalten. Gerade in Krisen könnten Vertrauen und menschliche Nähe helfen, neue Handlungsspielräume zu entdecken.

Freiheit auch hinter Gefängnismauern

Dass Freiheit auch unter schwierigen Lebensbedingungen möglich ist, zeigte der Leiter des hessen-nassauischen Zentrums Seelsorge und Beratung, Raimar Kremer, bei der Reformationsfeier am Beispiel der Gefängnisseelsorge. "Seelsorge kann die Mauern nicht öffnen, keine Haftzeit verkürzen und kein Urteil verändern. Aber sie kann einen Raum eröffnen, in dem ein Mensch für eine Weile anders sein darf."

Freiheit bedeute nicht nur, von Zwängen befreit zu sein, sondern auch, neue Handlungsmöglichkeiten zu entdecken. Entscheidend seien dabei Vertrauen, Hoffnung und tragfähige Beziehungen. Kremer: "Menschen werden frei, weil sie geliebt werden, nicht weil sie allein sind." Erstrebenswert sei deshalb keine grenzenlose, sondern eine verantwortete Freiheit, die auch die Rechte und die Würde anderer achte.

Der Gottesdienst knüpfte damit an einen Grundgedanken der Reformation an: die Freiheit des Menschen, die Martin Luther vor mehr als 500 Jahren zu einem zentralen Thema seines theologischen Denkens machte. Zugleich rückte die Feier die Frage in den Mittelpunkt, wie Freiheit angesichts gesellschaftlicher Unsicherheiten, vielfältiger Erwartungen und wachsender Herausforderungen heute gelebt und bewahrt werden kann.

Hintergrund: Reformationstag in der EKHN

Seit 1994 veranstaltet die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau zum Reformationstag einen besonderen Festgottesdienst. Er bringt Menschen aus Kirche und Gesellschaft zusammen und verbindet zentrale Gedanken der Reformation mit aktuellen Fragen des gesellschaftlichen und persönlichen Lebens.