Am vergangenen Sonntag wurden Zuschauer:innen des ZDF-Sommerinterviews mit Alice Weidel von der AfD Teil einer Art moralischen Experiments. Es geht um die auf den ersten Blick lediglich ausweichende, auf den zweiten Blick aber womöglich vielsagende Reaktion von Alice Weidel auf die Frage, warum sich die AfD nicht zu den vom Robert-Koch-Institut ermittelten Übersterblichkeiten im Sommer und damit zu den mittlerweile 14.000 Personen äußerte, die an den Folgen der Überhitzung starben.
Weidel fragt den Interviewer, ob er die Hitzetoten meine, und es klingt bei ihr so, als ginge es dabei um eine Art Nebensächlichkeit. Darauf darf natürlich kein großes moralisches Gewicht gelegt werden, denn Tonalität ist zwar wichtig, kann aber viele Gründe haben. Wichtig ist: Weidel findet zu keinem Wort der Empathie oder einem politischen Maßnahmenvorschlag. Sie kontert lediglich mit einem Verweis auf die natürlich schwankenden Klimaverhältnisse, wozu eben auch Hitzeperioden gehörten.
Zwar wird man einräumen müssen, dass für einzelne Themen im Setting des Interviews wenig Zeit war, aber es gibt wertende Implikationen bestimmter Aussagen, von Reaktionen und Tonfällen. Diese sind ethisch so irritierend, dass sie einen zunächst erstarren lassen. Ihre Anklage braucht die Vergewisserung, sich nicht verhört zu haben oder aufgrund einer persönlichen Empfindlichkeit überzureagieren.
In den möglichen Implikationen der Reaktion von Weidel auf die Hitzetoten dieses Sommers liegt eine solche Konstellation vor. Durch das geschilderte spezifische Auslassen von Empathie und Maßnahmenforderungen unterläuft Weidel ein erheblicher Bruch mit Vertrauenserwartungen an die Politik. Zusätzlich werden damit über Parteigrenzen, Weltanschauungen und Religionszugehörigkeit breit zustimmungsfähige moralische Überzeugungen auffällig ausgelassen. Gemeint sind grundsätzlich positive Urteile über die Bewahrung der Freiheit einzelner Personen, was in einem grundlegenden Sinne den Schutz ihres Lebens voraussetzt.
"Mit Erkenntnissen aus der politischen Ethik sollen Probleme der Kommunikation von Weidel zu den Hitzetoten sichtbarer gemacht werden"
Diese mögliche Aufkündigung zu erkennen, ist Gegenstand des moralischen Experiments, in das verwickelt wurde, wer die denkbaren Implikationen der kurzen Sequenz über die Hitzetoten in Weidels Reaktion nicht ignorieren will. Es sollen nun exemplarische Dimensionen deutlich werden, die bisher im Nachgang zum Sommerinterview kaum ethisch evaluiert wurden. Mit Erkenntnissen aus der politischen Ethik sollen Probleme der Kommunikation von Weidel zu den Hitzetoten sichtbarer gemacht werden, die ohne diese Art mikroskopischer Sicht weniger auffallen könnten. Für Wahlentscheidungen einzelner Personen ist es aber essenziell, Kenntnisse über moralische Tendenzen politischer Akteur:innen zu erhalten, die aber auch hier nicht als abschließend zu beurteilen sind.
Der erste Aspekt betrifft den Kern der politischen Rhetorik rechtspopulistischer Parteien wie der AfD und ihr deklariertes Eintreten für die "kleinen Leute" und die jeweiligen angeblich ignorierten Mehrheitsgesellschaften. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Interpretation von Natur in der Reaktion von Weidel. Beide Punkte markieren erhebliche ethische Probleme, die Alice Weidel vielleicht nicht intendiert hat, sodass ein Bezug zu wissenschaftlicher Analyse womöglich hilft, entsprechende Korrekturen vorzunehmen.
Politikstile aus dem rechtspopulistischen Spektrum dürften auch deshalb in liberalen Gesellschaften zunehmend eine gewisse Zustimmung finden, weil sie gegen die Angst und den Sog ökologischer, ökonomischer und sozialer Veränderung mit Emphase etablierte Werte betonen, wie Gerechtigkeit für die sogenannten "kleinen Leute". Obwohl bereits Hannah Arendt die brisante Frage aufgeworfen hat, ob eigentlich die Person moralisch integer und weniger anfällig für autokratische Erosionen ist, die "feste Normen und Werte besitzt", oder gerade nicht, hat die Vorstellung einer Art Besinnung auf den Wertekanon früherer Generationen in rechtspopulistischen Kreisen Konjunktur. Es verlangt vor diesem Hintergrund besondere Aufmerksamkeit, wenn Weidel genau diesen gedachten Grundkonsens in Grundlagen der Moral zu verlassen scheint, wozu zweifelsohne der Schutz von älteren und erkrankten Menschen gehört.
"Moral zeichnet sich gerade dadurch aus, sensitiv auf das Schicksal kleiner Gruppen und einzelner Freiheiten zu reagieren"
Das ist im Sinne einer politischen Strategieanalyse umso auffälliger, als die fünfstellige Zahl an Hitzetoten von Weidel als Oppositionsführer:in im Deutschen Bundestag leicht als erhebliches Versagen der Regierungsparteien hätte kritisiert werden müssen. Es achselzuckend hinzunehmen, kann kaum anders denn als fundamentale Form von Missachtung spezifischer Schutzpflichten für besonders vulnerable Personen in der Mitte unserer Gesellschaft und unserer Familien interpretiert werden.
Missbilligende Rede über Personen mit Migrationshintergrund oder über alternative und queere Lebensformen und damit der Versuch, behauptete Fehlentwicklungen der Gesellschaft zu markieren, betraf Personen aus Mehrheitsgesellschaften gefühlt vielleicht weniger. Das gilt nicht für die Gefahren durch Hitze, die für breite Bevölkerungsgruppen eine reale Gefahr darstellen. Damit ist nicht gesagt, dass Gefahren für Leib und Leben erst dann relevant würden, wenn sie viele treffen. Moral zeichnet sich gerade dadurch aus, sensitiv auf das Schicksal kleiner Gruppen und einzelner Freiheiten zu reagieren. Diese demokratische Substanz, die in der politischen Ethik stark betont wird, wird fraglich, wenn eine Partei wie die AfD Furore damit macht, Gerechtigkeitsansprüchen der allgemeinen und vermeintlich "normalen" Bevölkerung besser entsprechen zu wollen, bei einem Thema "auf Leben und Tod" aber an wichtiger Stelle intuitiv keinen Handlungsbedarf sieht.
Zum zweiten Punkt: Weidels Hinweis auf die Natürlichkeit von Hitzeperioden ignoriert nicht nur einen breiten Konsens in der Klimaforschung zur kohlenstoffbasiert angetriebenen Erderwärmung, sondern ihr unterläuft (wiederum) ein klassischer Fehler in der Moral, ein sogenannter naturalistischer Fehlschluss. Gemeint ist der Schluss von einer Beobachtung in der Natur auf die Moral: Nur weil etwas so ist, folgt daraus ja nicht, dass es so sein sollte. Bezogen auf den konkreten Fall: Nur weil Hitze ein klimatisches Phänomen ist, sollten wir es nicht einfach mitsamt konkreter Folgen für ältere und erkrankte Personen hinnehmen.
Fehlschlüsse in der Moral sind immer ein Hinweis darauf, dass entweder eine fehlende Begründung verdeckt wird oder kein Interesse besteht, moralische Probleme und damit konkretes Leben genau zu betrachten und sich davon betreffen zu lassen. Was Weidel mit Verweis auf die Natur der Hitze gerade nicht bietet, ist eine zustimmungsfähige Antwort auf ein moralisch wirklich erhebliches Problem für ganz konkrete Personen. Es sind nicht zuletzt one-issue-voter, also Personen, die die AfD wegen eines Themas oder wegen einer Grundstimmung wählen, die sich mit Momenten auseinandersetzen sollten, in denen sich Empathielosigkeit und moralisches Desinteresse einer Partei andeuten. Das Christentum jedenfalls liefert wichtige Gründe, beides für problematisch zu erachten.



