Nutzt die kühlen Kirchen!

evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold in der Goslarer Marktkirche.
privat
Ein kühler Ort in heißen Zeiten: evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold macht in der Goslarer Marktkirche eine erfrischende Pause.
Hitzewelle
Nutzt die kühlen Kirchen!
Meinung
Während der ersten Hitzewelle suchte evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold in seinem Urlaub fast täglich Zuflucht in offenen Kirchen und war dort meist allein. Warum bleiben diese kühlen Schutzräume so oft ungenutzt? Eine persönliche Erfahrung.

Vierzig Grad. Deutschland erlebt Hitzewellen, die vor wenigen Jahren noch Ausnahme waren. Allein während der ersten Hitzewelle dieses Sommers starben tausende Menschen an den Folgen der extremen Temperaturen. Hitze ist längst nicht mehr nur eine Unannehmlichkeit. Sie ist ein Gesundheitsrisiko. Ich habe meinen Urlaub in diesem Sommer im Schwarzwald, am Bodensee, in Hannover und im Harz verbracht. Fast jeden Nachmittag zog es mich für eine gute Stunde in eine offene Kirche. Vor allem die alten Kirchen mit ihren dicken Steinmauern boten selbst bei großer Hitze angenehme Kühle.

Es war verblüffend: Draußen flimmerte die Hitze, die Eisdielen waren brechend voll. Drinnen war es angenehm frisch. Es herrschte Stille und es gab viel Platz. Oft war ich fast allein. Dabei bieten Kirchen gerade an heißen Tagen etwas, das kostbarer wird als je zuvor: einen kostenlosen Schutzraum.

Ich erinnere mich an einen Vater im Überlinger Münster. Runde um Runde schob er seinen kleinen Sohn im Buggy durch das Kirchenschiff. Fast meditativ. Der Kleine fand langsam zur Ruhe. In einer Spielecke konnte anschließend noch gespielt werden. Niemand störte sich daran. Genau dafür sind solche Räume da: Menschen dürfen ankommen. In Hannover tobte vor der Tür das geschäftige Leben. Buslinien, Menschen, Autoverkehr. Kaum trat ich durch das Kirchenportal, änderte sich alles. Die Temperatur sank spürbar. Die Geräusche verstummten. Die Gedanken wurden langsamer. Wer will, kann beten, muss es aber nicht.

"Man darf einfach da sein"

Wer sich eine Stunde Zeit nimmt, bemerkt plötzlich Dinge, die draußen verborgen bleiben. Das Sonnenlicht wandert über ein Kirchenfenster und lässt eine biblische Szene aufleuchten. Das Gesicht einer Skulptur am Altar tritt aus dem Schatten hervor. Die Farben verändern sich mit jeder Minute. Kerzen flackern. Irgendjemand hat für einen geliebten Menschen ein Licht angezündet. Man denkt an die eigenen. Kirchen sind mehr als historische Bauwerke. Sie sind Erfahrungsräume. Natürlich kann man auch im See oder Freibad schwimmen gehen oder ein klimatisiertes Kino besuchen. Das tut gut. Aber sechzig Minuten in einem kühlen Kirchenraum wirken oft wie ein Neustart für Körper und Seele.

Mich beschäftigt deshalb eine einfache Frage: Warum nutzen so wenige Menschen diese offenen Räume? Vielleicht wissen viele gar nicht, dass die Türen offen stehen. Vielleicht glauben manche, sie müssten religiös sein oder etwas leisten, um eintreten zu dürfen. Das Gegenteil ist der Fall.

Offene Kirchen sind Schutzräume

Kirchen verlangen vielfach keinen Eintritt. Niemand erwartet, dass man etwas kauft. Man darf einfach da sein. Gerade in Zeiten zunehmender Hitze liegt darin ein Schatz, den wir viel stärker wahrnehmen sollten. Kirchen können uns vor Hitze schützen. Sie haben dicke Mauern, Schatten, Sitzgelegenheiten und oft engagierte Ehrenamtliche, die gern erzählen, wie ihre Kirche entstanden ist oder was ihre Gemeinde bewegt. Sie strecken Menschen im übertragenen Sinn die Hand entgegen. Zugreifen muss jede und jeder selbst.

Ich bin dankbar für diese Gastfreundschaft. Für Gemeinden, die ihre Kirchen tagsüber öffnen. Für Menschen, die sich um diese Gebäude kümmern. Stein auf Stein wurden sie über Jahrhunderte errichtet, nicht nur als Denkmäler, sondern als Orte des Lebens. An heißen Sommertagen zeigen ihre dicken Mauern, dass sie für den Glauben da sind, aber auch ganz praktisch helfen können: Sie schenken wohltuenden Schatten und erfrischende Kühle.

Genau das habe ich in diesem Sommer erlebt. Ganz praktisch. Mit kühlen Mauern, offenen Türen und einem Platz zum Durchatmen. Am Ende musste ich an die Liedzeile "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer, wie Wind und Weite und wie ein Zuhaus" denken. 

Vielleicht brauchen wir dieses Zuhause in den kommenden Sommern häufiger, als wir heute ahnen. Mein Wunsch ist deshalb ganz einfach: Nutzen Sie die offenen Kirchen. Nicht erst, wenn Sie eine Kerze anzünden oder einen Gottesdienst besuchen möchten. Gehen Sie hinein, wenn die Hitze unerträglich wird. Setzen Sie sich. Atmen Sie durch. Lassen Sie Ihre Gedanken schweifen.

In Zeiten immer heißerer Sommer können offene Kirchen Teil des Hitzeschutzes sein. Ganz ohne neue Gebäude oder große Investitionen. Diese Räume sind da. Sie müssen nur noch betreten werden.