Warum ich inzwischen in der Kirche lese

evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold am Bücherschrank
privat
evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold stöbert am Bücherschrank vor der Marktkirche in Hannover.
Offene Kirchen als Rückzugsorte
Warum ich inzwischen in der Kirche lese
Meinung
Ein Buch aus dem Bücherschrank, eine Kirchenbank und eine Stunde Ruhe: Für evangelisch.de-Portalleiter Markus Bechtold ist die offene Kirche ein überraschend guter Ort zum Lesen. Und ein Ort, den wir schätzen sollten, solange es ihn noch gibt.

Draußen drängen sich die Menschen über den Hanns-Lilje-Platz in Hannover. Cafés sind voll, Handys klingeln, Fahrräder sausen vorbei. Drinnen in der Marktkirche sitze ich auf einer Kirchenbank und lese ein Buch, das ich kurz zuvor aus dem offenen Bücherschrank vor der Kirche genommen habe.

Was zunächst unspektakulär klingt, überrascht mich. Während ich lese, wirkt der Raum auf mich. Mein Blick wandert vom Buch vorbei an den Rundpfeilern aus rotem Backstein durchs große Kirchenschiff, hin zum Holzaltar mit seinen biblischen Figuren, die wiederum für sich Geschichten erzählen, zu den Kirchenfenstern, zum Licht.

Menschen kommen herein, stecken neugierig den Kopf durch das Kirchenportal, bleiben stehen oder setzen sich für einen Moment. Die Marktkirche als Ort der Stille im hektischen Alltag. Genau das erlebe ich an diesem Nachmittag.

Früher bin ich zum Lesen ins Café gegangen. Heute gehe ich dafür manchmal in eine offene Kirche. Nicht allein, um mich vor der Sommerhitze im kühleren alten Kirchenraum zu schützen, wie ich vor ein paar Wochen geschrieben habe. Sondern weil ich hier etwas finde, das mittlerweile selten geworden ist: einen frei zugänglichen Raum, in dem ich willkommen bin, ohne etwas konsumieren zu müssen. 

Vielleicht ist die offene Kirche damit genau das, was Soziologen einen "dritten Ort" nennen: ein Ort neben Zuhause und Arbeitsplatz, an dem Menschen einfach zusammenkommen können. Ohne Konsumzwang, ohne Eintritt, ohne dass sie vorher wissen müssen, was sie erwartet. Vielleicht treffe ich hier andere Lesende. Vielleicht komme ich mit jemandem ins Gespräch. Vielleicht bleibt es auch bei einem freundlichen Blick. Auch das ist Begegnung.

Bücher gehören in die Kirche

Bücher und Kirchen gehören seit Jahrhunderten zusammen. Hier wurden Texte gelesen und bewahrt. Mancherorts auch in eigenen Bibliotheksräumen am oder im Kirchenbau. Im Gottesdienst werden bis heute biblische Geschichten vorgelesen. Aber warum sollte die Kirche nur ein Ort sein, an dem wir zuhören? Manchmal ist es gut, selbst zu lesen. Langsam. Zeile für Zeile. Mit Zeit zum Nachdenken.

Dabei passt das Lesen erstaunlich gut zum Protestantismus. Der Reformator Martin Luther wollte, dass Menschen selbst lesen oder zumindest in ihrer eigenen Sprache hören können, was in der Bibel steht. Lesen bedeutete dann Emanzipation: nicht nur zuhören, was andere sagen, sondern sich selbst ein Urteil bilden. 

Dabei geht es mir längst nicht mehr nur ums Lesen. Das Buch ist ein Anlass, länger zu bleiben. Und genau das brauchen Kirchen: Menschen, die bleiben. Wer eine Stunde in einer offenen Kirche verbringt, entdeckt vielleicht mehr als die Erzählung zwischen zwei Buchdeckeln: einen Raum, seine Geschichte, seine Atmosphäre. Vielleicht auch ein Stück von sich selbst.

Denn die evangelische Kirche wird künftig nicht alle ihre Kirchengebäude erhalten können. Manche werden aufgegeben oder anders genutzt werden. Darüber wird viel gesprochen. Auf evangelisch.de berichten wir regelmäßig darüber. Vielleicht sollten wir deshalb eine unbequemere Frage stellen: Welche Kirchen brauchen wir eigentlich, und nutzen wir sie auch?

Geht hinein, solange die Tür offen ist

Wir sollten offene Kirchen viel selbstverständlicher aufsuchen. Wer möchte, dass Kirchen Teil unserer Dörfer und Städte bleiben, sollte sie nicht nur schön finden. Wenn die Tür offensteht: reingehen. Eine Kerze anzünden. Eine Führung mitnehmen. Ein Buch lesen. Den Kirchturm besteigen. Einen Gottesdienst besuchen. Oder einfach eine halbe Stunde auf einer Kirchenbank sitzen. Schaut nach oben. Lasst den Raum auf euch wirken.

Ein Kirchengebäude lebt nicht allein von seiner Geschichte und seiner Architektur. Es lebt davon, dass Menschen durch seine Tür gehen. Sakralbauten leben nicht von Steinen. Sie leben von Menschen.

Vieles, was uns im Leben guttut, kostet wenig oder gar kein Geld. Aber es ist nicht selbstverständlich. Es bleibt nur, wenn Menschen es nutzen.

Ich bin an diesem Nachmittag jedenfalls anders aus der Marktkirche herausgegangen, als ich hineingekommen bin: ruhiger, klarer, gestärkter. Am Abend stand ich dann bei einem Konzert zwischen Tausenden Menschen. Erst die Stille, dann der Lärm. Beides gehört zum Leben.

"Alles hat seine Zeit." Auch die Stille. Auch das Lesen. Auch die Kirchengebäude.

Vielleicht ist jetzt die Zeit, unsere Kirchen wiederzuentdecken.

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