Wann ist man eigentlich Deutsch?

Deutschlandfahne auf dem Schreibtisch mit Büchern
Getty Images/iStockphoto/A Stock Studio
Buchtipps zum Leben in Deutschland.
Buchtipps zur Integration
Wann ist man eigentlich Deutsch?
"Deutschland als das gelobte Land, in das alle wollen, um es auszunutzen", lautet ein gängiges Narrativ. Ist das wirklich so? Dass das Ankommen gar nicht so einfach ist und es durchaus zahlreiche Hürden gibt, um sich zu integrieren, zeigen die folgenden Empfehlungen für Kinder und Erwachsene, mal drastisch, mal humorvoll.

Akissi aus Paris

Akissi aus Paris. Band 1. Marguerite Abouet u. Mathieu Sapin.

Ankommen in einer neuen Kultur ist nicht leicht.

Akissi kommt von der Elfenbeinküste zu ihrem Onkel nach Paris, um zusammen mit ihrem Bruder auf eine neue Schule zu gehen. Und alles ist anders: der Smalltalk, die Zebrastreifen, die Tauben, die Hundekacke und natürlich das Essen und der Kleidungsstil der anderen Kinder. Aber Akissi kämpft sich durch alle Hürden und Schwierigkeiten mit ihrer freundlichen, aber auch sturen Art und ihrem untrüglichen Gefühl für Gerechtigkeit und Menschen. Akissi versucht keineswegs nur in der Schule anzukommen und Freunde zu finden, sondern sich zu integrieren auch im Kontakt mit einem Obdachlosen, der strengen Nachbarin, beim Hilfswerk oder in der Bibliothek. 

Die Comiczeichnungen sind bunt, lebendig und dynamisch und nehmen die Leser*innen mit Liebe zu Details und verschiedenen Perspektiven mit hinein in Akissi’s neues Leben. 

Die Geschichte hat autobiografische Züge, was sie sehr authentisch macht, denn die Autorin ist selbst im Alter von 12 Jahren nach Paris gezogen. Es ist der 6. Band der Comicgeschichte mit Akissi, der erneut ein klischeefreies Bild Afrikas und der Integration in die europäische Welt zeigt und somit zu einem vielfältigen Bild der Gesellschaft beiträgt. 

Für Comiclieberhaber:innen ab 10 Jahren. Yvonne Emmerichs

Akissi aus Paris. Band 1. Marguerite Abouet u. Mathieu Sapin. Dt. von Silv Bannenberg. Berlin: Reprodukt 2025. 71 S. : überw. Ill. ; 24 cm. 
Aus d. Franz., ISBN 978-3-95640-467-2, geb.: 18,00 €

 

Unser Haus mit Rutsche

Unser Haus mit Rutsche. Safia Al Bagdadi.

Ein berührender Familienroman zwischen Paris, Bagdad und Saarbrücken.

Was für ein Titel! Rätselhaft, absurd, ein Kindertraum. Und tatsächlich geht es darum, wie Träume – und Familien – an der Wirklichkeit zerschellen können. Layla wächst im wenig glamourösen Saarbrücken auf, wie die Autorin, und ihre Eltern existieren, naja, vielversprechend. Laylas Mutter erduldet ihre großbürgerliche französische Herkunft mit verschiedenen Jobs und Chanel Nummer fünf.

Laylas liebevoller, fantasievoller, agiler Vater stammt aus dem Irak, ist Geschäftsmann und erwartet immer einen großen Deal, eine große Zukunft. Dann wird die Familie in den Irak ziehen, in eine Villa mit Rutsche direkt in den Tigris. Vorher vielleicht noch nach New York. Aber dann kommt Saddam Hussein, der Irakkrieg, Bomben fallen auf Bagdad, und Babe, wie Layla ihren fröhlichen Vater nennt, verliert und radikalisiert sich zusehends. Währenddessen wächst Layla heran, wird erwachsen und ratlos.

Was soll sie vom Leben erwarten? Eine realitätsferne Pseudo-Liebe und eine realistische Psychologin helfen nur bedingt weiter. – Die Leserin aber weiß am Ende etwas mehr vom komplizierten Leben zwischen Klassen und Kulturen. Sehr warmherzig erzählt Safia al Bagdadi ihre Familiengeschichte. Witzig, originell, tragisch.

Für Leserinnen und Leser mit Interesse an der Welt von heute. Anne Buhrfeind 

Unser Haus mit Rutsche. Roman. Safia Al Bagdadi. München: Hanser 2026. 319 S. ; 21 cm., ISBN 978-3-446-28284-1, geb.: 24,00 €

 

Schattenleben - Menschen ohne Papiere erzählen

Schattenleben - Menschen ohne Papiere erzählen. Jonas Seufert u. Lisa Frühbeis

Tausende Menschen leben ohne Papiere in Deutschland. Vier Personen unter tausenden erzählen ihre Geschichte.

Brienne aus Thailand, Charlotte aus Kamerun, Dâu aus Vietnam und Nasir aus Somalia eint eines: sie alle besitzen keine Aufenthaltsdokumente in Deutschland. Obwohl sie bereits seit Jahren hier mitten unter uns leben, arbeiten und eigene Familien besitzen.

Sie alle kamen mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft nach Deutschland, da es in ihrer eigenen Heimat keine für sie gab. Doch was passiert, wenn der Staat die Menschen nicht ausreichend bei der Integration unterstützt, sondern im Gegenteil immer restriktiver gegen Geflüchtete vorgeht, erzählt diese Graphic Novel eindrücklich.

Neben der Erzählung der vier Einzelschicksale enthält das Buch noch wichtige Fakten zur Lebenslage und Einordnungen zur aktuellen Gesetzeslage in Deutschland. Die Graphic Novel lässt Menschen am Rande der Gesellschaft zu Wort kommen, die sonst keine Stimme oder Möglichkeit haben, sich gefahrlos zu äußern. Sie wirft die berechtigte Frage auf, warum Gesellschaft und Politik derart versagt, statt Zukunft zu geben.

Für alle, die ihren Blick auf die aktuelle Migrationspolitik und deren Folgen für reale Schicksale weiten wollen. Stefanie Schmettlach 

Schattenleben - Menschen ohne Papiere erzählen. Jonas Seufert u. Lisa Frühbeis. Berlin: Reprodukt 2026. 157 S. : überw. Ill. ; 20 cm., ISBN 978-3-95640-515-0, kt.: 24,00 €

 

Was es bei einem Picknick mit Deutschen zu beachten gilt

Was es bei einem Picknick mit Deutschen zu beachten gilt. Geschichten vom Ankommen. Gundula Brunner.

Eindrucksvolle Interviews mit Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind.
Wer Argumente braucht, um der Polemik und dem Populismus bezüglich der Asylfragen begegnen zu können, der lese dieses Buch.

Deutschland, das gelobte Land, in das alle flüchten, um hier den Sozialstaat auszunutzen? Weit gefehlt. Was haben diese Menschen aufgegeben, um ein Leben in Freiheit und Sicherheit zu führen, exzellente Ausbildungen, gute Berufe, die Familie, Freunde, finanzielle Sicherheit.

Hier dürfen sie dann jahrelang keine Sprachkurse besuchen, befinden sich lange in Übergangsheimen, dürfen nicht arbeiten. Sie suchen Auswege, arbeiten für Hungerlöhne, lassen sich ausbeuten, geben ihre Existenz auf, um ihr Leben zu retten. Es ist eindrucksvoll, diese Lebensläufe zu lesen, es imponiert, was diese Menschen auf sich genommen haben, um hier in Deutschland überleben zu können. Überraschend ist, dass alle Interviewten weit davon entfernt sind religiöse Fanatiker zu sein. Eher sind sie säkularisiert und religiös völlig indifferent.

Ein Buch für diejenigen, die den O-Ton hören wollen. Für Gemeindearbeit, Diskussionsrunden, eigene Weiterbildung. Dirk Purz 

Was es bei einem Picknick mit Deutschen zu beachten gilt. Geschichten vom Ankommen. Gundula Brunner. Göttingen: Wallstein 2026. 299 S. ; 22 cm., ISBN 978-3-8353-6046-4, kt.: 20,00 €

Sie möchten noch mehr aktuelle Rezensionen zu anderen Themen und dazu spannende Artikel und News zu Bücherei-Arbeit, Buchmarkt und Kultur? Dann abonnieren Sie evangelisch.lesen, die Rezensionszeitschrift des Evangelischen Literaturportals.