Samstagmorgen. 8 Uhr. Vor dem Julie-Roger-Haus steht ein roter Doppeldeckerbus. Pflegekräfte räumen kistenweise Wasser und Limonade in den Stauraum des Fahrzeugs. Andere verteilen belegte Brote. Letzte Absprachen laufen, es wird gelacht, Aufregung liegt in der Luft. Der nächste Ausflug geht zum Christopher Street Day (CSD) Frankfurt.
Der Bus ist der sichtbarste Teil der sogenannten "Regenbogenpflege". Seit über zehn Jahren ist das Pflegeheim Teil der Parade. Die Einrichtung will queeren Bewohner:innen ein diskriminierungsfreies und selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Queere Pflege: Wer war der wichtigste Mensch?
"Zu sagen, queere Menschen im Alter gibt es nicht – das stimmt einfach nicht", sagt Armin Steinbauer. Armin leitet das Haus seit 2007. 2014 haben er und sein Team das Konzept der Regenbogenpflege eingeführt. Entscheidend ist dabei jedoch nicht nur, was das Haus beim CSD zeigt. Einen echten Unterschied macht, wie viel Vielfalt im Pflegealltag gelebt wird.
So sollen Pflegekräfte nicht automatisch von heterosexuellen Beziehungen ausgehen. "Früher wurden Bewohner und Bewohnerinnen immer nach Ehefrau und Ehemann gefragt", sagt Armin. Die Formulierung setzte eine heterosexuelle Ehe voraus. Heute frage das Personal bei der Aufnahme: "Wer war der wichtigste Mensch in Ihrem Leben?"
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Der Unterschied mag auf den ersten Blick klein wirken. Tatsächlich eröffnet die offene Frage Raum für Lebensgeschichten, die in klassischen Familienbildern oft keinen Platz finden: eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft, enge Freund:innen, Menschen aus einer Wahlfamilie. Bewohner:innen müssen so nicht erst eine falsche Annahme korrigieren, bevor sie von ihrem Leben erzählen können. Immer wieder öffnen sich so auch Menschen, die sich ihr ganzes Leben nicht mitteilen konnten.
Die Antwort zeigt den Pflegekräften zudem, welche Menschen, Verluste und Erinnerungen das Leben der neuen Bewohner:innen geprägt haben. Queer-sensible Pflege beginnt damit, diese Geschichte nicht unsichtbar zu machen.
Das Julie-Roger-Haus ist kein exklusiver Ort für queere Menschen. Nach Angaben des Trägers Frankfurter Verband richtet sich das Konzept der "Regenbogenpflege" aber an schwule, lesbische, bisexuelle, trans: und intergeschlechtliche Bewohner:innen.
Coming-out mit 85: Besser spät als nie
Viele Pflegefachkräfte im Julie-Roger-Haus sind selbst queer und meist die erste Anlaufstelle. So auch Thomas Kämmer: "Dann kommen da Leute und sagen: Du, Thomas, ich bin lesbisch oder ich bin schwul."
Thomas’ Augen strahlen, während er von den Coming-outs der Bewohnenden spricht, kommen ihm wieder Tränen hoch. "Ich trage viele Geschichten von homosexuellen Männern im Herzen", erzählt er. Diese Schicksale gehen ihm auch wegen seiner eigenen Vergangenheit sehr nah.
Thomas hat Homophobie erlebt. Nach seinem Outing haben sich seine Mutter und seine Schwester von ihm distanziert. Nachdem er nach Frankfurt gezogen ist und im Julie-Roger-Haus Arbeit gefunden hat, verändert sich für ihn vieles grundlegend.
Familie ist dort, wo man sich wohlfühlt
"Ich habe zwar meine Familie verloren, aber ich habe eine große Familie dazugewonnen", sagt er. "Seit ich hier in Frankfurt bin, kann ich endlich leben." Dieses Gefühl von Zugehörigkeit möchte Thomas weitergeben. Daher höre er stundenlang zu, wenn Bewohner sich ihm anvertrauen. Da ist zum Beispiel die Geschichte eines Mannes, der das Gespräch mit Thomas im Geheimen suchte.
Er habe sich "immer verstecken müssen", war sein ganzes Leben lang mit einer Frau verheiratet. "Wir haben lange darüber gesprochen, was er alles bereut", erinnert sich Thomas. Erst im Julie-Roger-Haus habe der Bewohner sich sicher genug gefühlt, über seine Homosexualität zu sprechen – ein Coming-out mit 85 Jahren.
Wie viele queere Menschen in Deutschland pflegebedürftig sind, lässt sich nicht genau beziffern. Sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität werden in der Pflegestatistik nicht flächendeckend erfasst.
Eine Zeit, in der Liebe unter Strafe stand
Bis 1969 stellte die Bundesrepublik sämtliche sexuellen Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Danach waren zunächst Kontaktezwischen Männern über 21 Jahren straffrei. 1973 sank diese Altersgrenze auf 18 Jahre. Die diskriminierende Sonderregelung §175 verschwand erst 1994 vollständig aus dem Strafgesetzbuch.
Nach Angaben der Hausleitung leben im Sommer 2026sieben queere Menschen im Julie-Roger-Haus. Auf den CSD fährt an diesem Samstagkeine:r von ihnen mit. "Für viele ist der Tag einfach zu anstrengend.", sagt Armin. Dennoch organisiert sein Team den Bus, die Snacks und die Dekoration. Die Pflegekräfte nehmen teil. Das Ziel: mehr Sichtbarkeit von homosexuellen Menschen im Alter.
Der CSD macht den Anspruch der Einrichtung nach außen sichtbar. Die Menschen am Rande der Pride-Parade winken den Pflegern auf dem Bus zu und zeigen ihre Unterstützung durch lautes Jubeln. Viele schließen sich dem Team an, laufen vor dem Bus her, tanzen zur Musik oder dürfen in den Bus einsteigen und mit den Pfleger:innen feiern.
evangelisch.de dankt indeon.de für die inhaltliche Kooperation.



