Die Kirchen sollen laut dem früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse trotz der Unterstützung von rund einem Drittel der Christ:innen bei den Landtagswahlen im Osten weiterhin ihren AfD-kritischen Kurs verfolgen.
"Ich wünsche mir, dass die Kirchen diese klare Position durchhalten und dass sie zur Solidarität mit den gefährdeten Minderheiten und den zivilgesellschaftlichen Initiativen beitragen", sagte Thierse der Zeitschrift "Publik-Forum" (Freitag).
Bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, bei denen die AfD jeweils stärkste Kraft geworden war, haben auch gut ein Drittel der christlichen Wählenden für die rechts-autoritäre Partei gestimmt. "Ich konnte kaum glauben, dass ein Drittel der Christen AfD gewählt hat, trotz der sehr klaren Stellungnahmen der Kirchenleitungen", sagte der SPD-Politiker.
Umso mehr sei er enttäuscht. "Christen sind offensichtlich nicht deshalb politisch schon klüger, weil sie Christen sind. Auch Christen sind offenbar nicht immun gegen die alles überlagernde, finstere apokalyptische Stimmung, die sich über das Land ausgebreitet hat."
Der 82-Jährige sieht in den Wahlerfolgen der AfD sowohl eine Entfremdung von der Demokratie als auch eine Reaktion auf tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Viele Menschen erlebten oder befürchteten einen Verlust von Heimat und Identität. Die AfD habe sich erfolgreich als Verteidigerin von Familie und Christentum inszeniert und damit Menschen angesprochen, die sich durch Migration und kulturellen Wandel verunsichert fühlten. Von März bis Oktober 1990 gehörte Thierse der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR an.




