Die AfD siegt, wir machen weiter

Porträt Bettina Schlauraff
epd-bild / Jens Schlüter
Bettina Schlauraff, Regionalbischöfin in Magdeburg.
Regionalbischöfin Bettina Schlauraff
Die AfD siegt, wir machen weiter
Ein Kommentar
Kameras aus aller Welt richten sich auf Sachsen-Anhalt, dann kommt der Wahlabend. Reginalbischöfin Bettina Schlauraff sitzt in stiller Erschütterung vor dem Fernseher, während ihr Handy voll läuft mit einer Frage: "Bin ich hier noch erwünscht?"

Die Welt starrt nun noch mehr auf Magdeburg. Auf meinem Telefon melden sich in den Tagen vor der Wahl belgische und neuseeländische Sender, sowie polnische und portugiesische Reporterinnen. Der Verkäuferin vom Bäcker nebenan am Dom hält jemand ein Mikrophon unter die Nase und fragt, was sie über die Wahl denke, auch dem jungen Paar mit dem Kinderwagen und jemandem im Dönerimbiss.

Man interessiert sich für uns in Sachsen-Anhalt hauptsächlich, wenn wir wählen, das kennen wir schon. Diesmal aber ist etwas anders. Demokratieverbündete bespielen das Bild von Sachsen-Anhalt selbstbewusst mit. Sie stören das Bild vom vermeintlich komplett blauen Osten.

In den Wochen vor der Landtagswahl versammeln sich Menschen in Herzform auf Marktplätzen, ziehen große CSD-Umzüge durch viele Orte, feiert die migrantische Community mit Kirchen und der Kulturszene Feste. Die Kirche bezieht klar Stellung und ist dabei eine von vielen lauten Stimmen. Selbst in den kleinsten Kleinstädten haben sich Bündnisse gegründet und legen ihre bunten Farben, ihre Freude am Miteinander und der Demokratie auf die Pflastersteine der Markplätze - neben die Stände mit blauen Fahnen. Kaum eine Veranstaltung der blauen Fraktion, die nicht eine Antwort durch Demokratiestreiter:innen hat, oft treu bestärkt durch die Omas gegen Rechts.

Dies wäre die lebendigste Zivilgesellschaft in Deutschland - lese ich in einer Zeitung. Und doch fragen mich so oft Menschen, ob wir in Sachsen-Anhalt denn etwas gegen den Rechtsruck unternehmen. Sie können gar nicht glauben, was ich erzähle. Insgesamt haben wir hier das Gefühl, dass das Wahlergebnis so oder so schrecklich sein würde, aber doch nicht alle ernst machen werden mit ihrer Drohung, die AfD zu wählen.

Für den Abend versammeln sich viele gemeinsam zum Schauen der Wahlergebnisse. Das hoch engagierte Migrationsnetzwerk z.B. lädt seine Community in Magdeburg ein, damit niemand alleine diese Ergebnisse verkraften muss. Viele Kirchen öffnen ihre Türen. Das alles tun wir auch wieder im Fokus der Kameraobjektive.

Es ist, als wären wir Teil eines Endzeitepos und am anderen Ende der Kamera säßen Menschen mit Popcorn. Es ist, als läge die ganze komplexe globale politische Entwicklung für diese Stunden komplett auf unseren Schultern. Es ist Wahlabend. Um 18 Uhr halten wir alle die Luft an. Also doch, denken wir Minuten später. Also doch. Doch so schlimm.

Es sind gute junge Männer

In meinem heimischen Wohnzimmer ist es lange still. Selbst den Reportern der Öffentlichen Sender fallen zu diesen Prognosen keine hilfreichen Fragen mehr ein. Das, was wir sehen und hören, ist kaum auszuhalten. Das Handy steckt schon seit dem Nachmittag überlastet am Ladekabel. Jetzt ploppen Nachrichten ein. Erschütterung. Verzweiflung. Schock. "Bin ich hier noch erwünscht?", fragt jemand. Ich bin enttäuschter, als ich es sein will. Ich hatte den Menschen um mich mehr zugetraut, weil ich sie gern habe.

Noch eine Stunde zuvor war ich in eine Gruppe junger Männer mit Bierdosen in der Hand geraten, die vor dem Pfarrhaus auf dem Dorfplatz saßen. "Hey, haben Sie AfD gewählt?" ruft einer mir zu. "Natürlich nicht!", rufe ich zurück, "Und Sie?" "Klar haben wir AfD gewählt." Ich bleibe stehen und wir kommen ins Gespräch. Eines der vielen Gespräche, wie seit Wochen. Wir können das: miteinander reden. Es sind gute junge Männer, eigentlich mit viel Potenzial. Sie erzählen, dass die AfD "aufräumen soll" und verhindern, "dass das Land an die Wand fährt". Einer will sich in Russland im Krieg melden und sie erklären mir, warum Hitler gut war. Aber privat hätten sie lauter Freunde mit Migrationsgeschichte. Die sollten auch hierbleiben. Und ihre Ärzte, die wären super. Sie würden auch nicht alles gut finden, was die AfD so will. Ihnen würde aber schon lange niemand mehr zuhören, sie seien eben die Nazis, da nähme sich niemand die Zeit, mit ihnen mal zu diskutieren.

Wie ich mit ihnen auf dem Dorfplatz stehe, spüre ich einmal mehr die Kluft zwischen ihrer Lebensrealität und dem, was ich als Politik wahrnehme. Noch ein paar Tage und das Interesse an Sachsen-Anhalt wird verebbt sein. So wie es nicht da war, als die Eltern dieser Jungs für Billiglohn für westdeutsche und internationale Firmen arbeiteten und sie mit Häme über Ostdeutsche überschüttet wurden. Wo war da das Interesse an ihrem Leben? Jetzt, als blaue Wähler, da haben sie Einfluss.

Ich stehe in diesem bitteren Spalt, sehe Abgehängte und Nichtgemeinte und vermisse gleichzeitig die gemeinsame Lust, das Unerträgliche und Falsche in der Gesellschaft weg zu schaffen. Sehe Angst vor dem Verlust von Privilegien und die Gleichgültigkeit gegenüber einer Politik der Aussortierung, weil man selbst nicht davon betroffen wäre. Das tut weh. Tut vor allem weh, weil ich weiß, dass dies empfindende gute Menschen sind. Sie erscheinen mir wie welche, die gleichzeitig völlig irrational politisch erwacht in die möglichst verrückteste Richtung rennen, gefangen in einer Welt aus ausgedachten Narrativen und vergifteten Hoffnungen.

Der Rechtsextremismus ist hier nichts Anonymes, er hat das Bild meiner Nachbar:innen und die fühlen sich nicht extremistisch an. Ich fühle Weltschmerz und gleichzeitig eine große Trotzigkeit, dass wir das nicht so lassen können. Wir als Kirche haben einen Weg begonnen, der Dialog und Klarheit zusammen zu bringen versucht. Das war alles nur der Anfang. Neben aller Unzufriedenheit, allem Genörgel und aller Blindheit vor offensichtlichen Rassismen und Menschenfeindlichkeit ist etwas Neues gewachsen. In uns als Kirchen, die wir vor Monaten noch nicht wussten, wo unsere Rolle ist. (Auch wenn wir darüber innerkirchlich noch lange nicht einig sind.) In unserer Gesellschaft. In unseren Orten. Zwischen uns allen ist etwas tief Hoffnungsvolles gewachsen. Tausende, vor allem junge Menschen, werden politisch aktiv, Gemeinden öffnen Räume für Nachbarschaft und Dialog, gesellschaftliche Player verbinden ihren Einfluss. Endzeit kommt später. Wir machen erstmal Zukunft. Egal wie klein die Chancen dafür sind.