Im westafrikanischen Senegal herrscht tropisches Klima. Die Durchschnittstemperatur in der Hauptstadt Dakar liegt bei 29 Grad Celsius, das Thermometer steigt auf weit über 30 Grad. Hier wurde vor wenigen Monaten der neue Sitz des Goethe-Instituts eröffnet, ein freundlicher Bau aus rotem Stein. "Bisher brauchten wir die Klimaanlage nicht einzuschalten", erzählt Direktorin Stefanie Peter, während sie durch das Haus führt.
Denn der Entwurf des deutsch-burkinischen Star-Architekten Francis Kéré greift traditionelle Bauweisen auf, um ein klimaangepasstes Gebäude zu erhalten: Die roten Steine erinnern an Häuser in den Dörfern der Casamance im Süden des westafrikanischen Landes. "Der Fachbegriff für diese Architektur ist Sudano-sahélien, sie ist in Westafrika verankert", sagt Stefanie Peter. "Alle Gewerke, Fenster, Ziegel, Metallarbeiten, Holzarbeiten wurden von senegalesischen Firmen umgesetzt."
Die passive Klimaregulierung des Gebäudes passt in die Tropen: Überdachte Balkone und viele Löcher im ersten Stock lassen Wind und laue Lüftchen herein und sorgen für eine natürliche Belüftung. Und sollte die Klimaanlage doch einmal gebraucht werden, wird sie von einer 360 Quadratmeter großen Photovoltaikanlage auf dem Dach betrieben.
Lehmziegel und kluge Belüftung
Das geschwungene Gebäude besteht aus sogenanntem Laterit: Die rote Erde der Region wurde rund zwei Stunden nördlich von Dakar mit Lehm aus verwittertem Gestein, mit Kalk und vier Prozent Zement gemischt. Die Erdziegel wurden gepresst und sonnengetrocknet, wie es jahrhundertelang üblich war. 124.000 Lateritsteine brauchte es, um die Bibliothek, einen Veranstaltungsraum mit modernster Technik für Licht und Ton, ein Podcaststudio, ein Café und vier Klassenzimmer für den Deutschunterricht mit je 25 Leuten zu bauen sowie die Büros für die 35 Mitarbeitenden des Goethe-Instituts.
Die Gebäudeteile reihen sich um einen imposanten Baobab. Der mehrere Hundert Jahre alte Baum ist das Wahrzeichen Senegals und spendet Schatten.
Folgen des Klimawandels verändern die Architektur
Kriterien für den Auftrag waren: lokale Baumaterialien, ein ökologisch und klimatechnisch sinnvoller Bau und eine organische Form. Sie sind das Markenzeichen von Francis Kéré, der überall mit lokalem Material baut. In den USA baute er ein Kunstzentrum, in Westafrika Parlamente, Schulen und eine Klinik. Der in Berlin lebende Architekt wurde 2022 mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, der weltweit wichtigsten Auszeichnung für Architektur.
Kéré setzt sich seit mehr als 20 Jahren für lokale Bauweisen ein. Er habe immer auch den CO2-Ausstoß im Blick, sagte er in Interviews bei der Eröffnung des Goethe-Instituts in Dakar im April. Der Architekt begrüßte auch den "Mut des Goetheinstituts". Denn in der senegalesischen Hauptstadt ist ein solcher Bau bisher die Ausnahme inmitten einer riesigen Betonlandschaft. Doch die Folgen des Klimawandels verändern auch in Afrika die Architektur.
Afrika als Labor der Zukunft
"Für mich war Afrika immer das Labor der Zukunft", sagte Lesley Lokko, die Chefkuratorin der Architektur-Biennale in Venedig 2023, als diese im Zeichen Afrikas stand. Projekte für klimafreundliche und traditionelle Alternativen wachsen auf dem gesamten Kontinent.
Die Organisation "La Voute Nubienne" beispielsweise wurde im Jahr 2000 von einem französischen Maurer und einem Landwirt aus Burkina Faso gegründet, mit dem Ziel, Wohnungen für Afrikas Landbevölkerung mit traditionellen Techniken zu bauen. Im Nordosten Senegals bildete sie 20 arbeitslose Dorfbewohner zu Maurern aus, ein Dutzend junge Frauen lernte die Verarbeitung der Erde zum Verputzen und zur Verschönerung der Innenarchitektur.
2024 übergab die Organisation 22 ökologische Sozialwohnungen im nubischen Stil aus roter Erde an das 1.700 Einwohner-Dorf namens Agnam Licoubé an der mauretanischen Grenze, in dem es 45 Grad Celsius heiß wird. Nun müssen die Bewohner und Bewohnerinnen nicht mehr in den lange üblichen Zement- und Wellblechhütten unter unerträglicher Hitze leiden. Bisher hat die Organisation 6.700 Ökohäuser in sieben Ländern gebaut und 750 Maurer ausgebildet.
Häuser aus "Erdsäcken"
Der 27-jährige Abdulrahman Nabieu baut in Thiafoura, einem Dorf rund 70 Kilometer südlich von Dakar, sogenannte "Earth Bag"-Häuser aus Erdsäcken, die wie Würste übereinander fixiert werden. Die runden Häuser erinnern an afrikanische Hütten, bieten aber modernen Komfort. Erfunden wurden die "Ecodome" oder "Superadobe"-Konstruktionen vom inzwischen verstorbenen US-iranischen Architekten Nader Khalil, der mit langen geschichteten Stoffschläuchen oder mit Adobe gefüllten Beuteln eine Kompressionsstruktur bildete.
Abdulrahmane Nabieu stammt aus Sierre Leone, er hat die Methode von einem Kameruner in Senegal erlernt. Mit seiner österreichischen Frau Elisabelle wohnt er in seinem 2022 erstellten Erstlingsbau in Thiafoura. Hier bietet er auch Workshops und Ausbildungen in dieser Bauart an. "Kühl, ökologisch und rund", fasst Elisabelle die Vorteile zusammen: "Und wenn es draußen mal kalt wird, ist es innen im Ecodome angenehmer." Als sie zum ersten Mal in einem solchen Rundbau mit einer Kuppel aus Glas schlief, habe sie sich fühlte sie sich wie im Mutterbauch, sagt sie schmunzelnd.
-In der Hauptstadt ist das Goethe-Institut mit seiner sudanesischen Sahel-Architektur rund drei Monate nach der Eröffnung ein Vorzeigeprojekt, das Besucherinnen und Besucher anzieht. Das Gebäude zeigt, dass die traditionelle Bauweise mit roten Lehmziegeln auch für mehrstöckige Gebäude eine Alternative ist. Und das könnte der Anfang eines neuen Bauens sein, hofft Nzinga B. Mboup, die als Architektin an den Arbeiten beteiligt war: "Das neue Institut wird eine breite Öffentlichkeit die thermischen Vorteile dieses Materials erleben lassen."



