TV-Tipp: "37 Grad: Zwischen uns die Wahrheit"

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4. August, ZDF, 22.15 Uhr
TV-Tipp: "37 Grad: Zwischen uns die Wahrheit"
Corona ist vorbei, die Gräben sind jedoch geblieben. Die "37 Grad"-Reportage begleitet Menschen mit gegensätzlichen Sichtweisen und fragt: Wie konnte das Misstrauen so groß werden? Und gibt es noch einen Weg zurück ins Gespräch?

Ein Riss geht durchs Land, und oft genug entzweit er sogar Familien. Freundschaften sind in die Brüche gegangen, Nachbarn ignorieren sich, Kinder haben den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen. Für die meisten ist die Corona-Pandemie bloß noch eine zunehmend verblassende Erinnerung, aber viele spüren die Folgen bis heute: Die einen, weil sie erhebliche wirtschaftliche Einbußen hatten; die anderen, weil sie unter den Langzeitfolgen ihrer Infektion leiden. Nicht wenige haben die damaligen Maßnahmen der Regierung als Willkür empfunden und deshalb den Glauben an Politik, Demokratie und die Objektivität der etablierten Medien verloren. Und dann gibt es noch jene, die einer wilden Verschwörungserzählung anhängen: Sie sind überzeugt, von Bill Gates gesteuerte finstere Mächte hätten mit Hilfe von Virus und Impfstoff eine neue Weltordnung etablieren wollen. 

Mit seiner "37 Grad"-Reportage "Zwischen uns die Wahrheit" versucht Max Damm, die Kluft zu überbrücken. Im Unterschied zu den sonstigen halbstündigen Sendungen der Reihe ist sein Film knapp 45 Minuten lang; er verschenkt keine einzige. Und es gibt noch einen Unterschied zum gewohnten Schema: Zwischendurch bereichern Sachverständige aus unterschiedlichen Bereichen den Film um soziologische, gesellschaftspolitische und philosophische Einordnungen. Im Vordergrund stehen jedoch Personen, über deren Dasein nach wie vor ein Schatten liegt, und wie stets in solchen Fällen bestand Damms größte Leistung womöglich darin, ihr Vertrauen zu gewinnen. Eine Frau vermeidet es konsequent, die Wörter "Corona" oder "Covid" in den Mund zu nehmen, sie spricht bloß von "C-Zeit". Ihren Kindern hat sie damals Videos geschickt, deren Quelle auch rechtsextremistisches Gedankengut verbreitet. Die Frau war sich sicher, dass die Menschheit mit dem Impfstoff vergiftet werden sollte. Als sie erfuhr, dass sich ihre Tochter impfen lassen will, habe sie Weinkrämpfe gehabt.

Es ist noch gar nicht so lange her, da hat eine ältere Dame ähnliche Standpunkte vertreten: Claudia war mitverantwortlich für die Inhalte von "Klagemauer.tv" (Eigenwerbung: "Die anderen Nachrichten"), einem Online-Sender mit Sitz in der Schweiz, der mit gezielten Falschmeldungen abstruse Weltanschauungen verbreitet. Heute blickt Claudia, der mit Hilfe eines Bekannten der Ausstieg gelungen ist, mit erheblichem Unbehagen auf ihre Mitgliedschaft in jener sektenähnlichen christlichen Organisation zurück, die kla.tv betreibt: "Was für ein Wahnsinn!". Corona sei für den Sender natürlich ein "gefundenes Fressen" gewesen. Sie war sich sicher, in einer feindlichen Gesellschaft zu leben, und hatte Angst vor einem Bürgerkrieg.

Der womöglich interessanteste Protagonist der Reportage ist Fritz Düker. Der Zahn- und Kieferchirurg ist Mitglied des Offenburger Stadtrats, er hat es als Reizfigur und "Corona-Rebell" zu regionaler Berühmtheit gebracht. Seine Mitwirkung an dem Film ist ihm sichtlich nicht leicht gefallen, schließlich hatte er keinerlei Gewissheit, dass Damm ihn nicht zur Lachnummer machen würde. Er sagt von sich selbst, er kämpfe für Meinungsfreiheit und Demokratie. Andere sehen das anders, eine Gegnerin betrachtet ihn im Gegenteil als Gefahr für die Demokratie. Aufgrund einer Holocaust-Verharmlosung in seinem Telegram-Kanal, die aber, wie er versichert, nicht von ihm selbst stamme, wurde Düker Ende Juni wegen Volksverhetzung angezeigt und verurteilt. 

Trotz einiger stellenweise wirr wirkender Äußerungen versucht Damm, neutral zu bleiben. Er macht zwar durch seine Fragen und gelegentlichen Einwürfe keinen Hehl aus seiner eigenen Haltung, aber als guter Journalist begegnet er den Menschen vor der Kamera unvoreingenommen und interessiert. Außerdem ist es sein erklärter Ansatz, die bestehenden Gräben nicht noch zu vertiefen, und gerade deshalb ist "Zwischen uns die Wahrheit" nicht bloß sehenswert, sondern bedeutsam.

Damm formuliert in dem von ihm selbst gesprochenen Kommentar – auch das für "37 Grad" eher unüblich – immer wieder grundlegende Fragen, die nicht nur ihn bewegen: Woher kommt das wachsende Misstrauen in unserer Gesellschaft? Wann wird aus Misstrauen und Kritik eine neue Sicht auf die Welt? Wie weit reicht Meinungsfreiheit? Was passiert, wenn jeder nur den Gesetzen folgt, die er für richtig hält? Was ist eigentlich Wahrheit? Und, der wichtigste Aspekt: Wie finden wir als Gesellschaft wieder zusammen? Düker hat eine Antwort: Er wünscht sich, Damms Film möge dazu beitragen, dass die Menschen ihrer Meinungsverschiedenheiten zum Trotz wieder miteinander sprechen.