Wenn Frederike Bader bislang von den Geistern ihrer Vergangenheit als Polizistin heimgesucht wurde, gerieten sie und ihre Tochter prompt in größte Gefahr. Damals hat sie in Berlin einen Clanchef hinter Gitter gebracht. Anschließend ist sie im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms Zivilistin geworden und lebt nun seit einigen Jahren mit neuem Namen in Passau. Natürlich wollte der Gangster Rache nehmen, aber das Thema ist mittlerweile erledigt. Trotzdem hat Reihenschöpfer Michael Vershinin für den elften Film einen Weg gefunden, Frederike (Marie Leuenberger) erneut mit einem ihrer Dämonen zu konfrontieren.
Anders als im letzten Film spielt diesmal auch Tochter Mia (Nadja Sabersky) wieder eine zentrale Rolle. Frederike hat sie jahrzehntelang in dem Glauben gelassen, ihr Vater sei ein Held gewesen, der als investigativer Journalist über die Machenschaften der organisierten Kriminalität berichtete. Vor rund fünfzehn Jahren, Mia war noch kein Teenager, musste er untertauchen, um Frau und Tochter nicht zu gefährden. Ganz falsch ist das nicht, aber trotzdem nur die halbe Wahrheit, denn Adam Nolan (Raphaël von Bargen) hat sich von der dunklen Seite verführen lassen, und das nicht nur im übertragenen Sinn. Drogen, Glücksspiel, eine attraktive Bandenchefin: Irgendwann war’s um ihn geschehen.
Warum der Mann nach so langer Zeit wieder aufgetaucht ist, lässt Vershinin erst mal offen. Stattdessen rückt ein Buch über keltische Märchen und Sagen ins Zentrum der Ereignisse. Es handelt sich um eine Erstausgabe, das Werk hat einen gewissen Wert, aber für Adam steht weit mehr auf dem Spiel, auch wenn er vorgibt, seine Motive seien väterlicher Natur: Er hat Mia früher immer aus dem Buch vorgelesen. Vor ein paar Monaten hat sie’s an einen Antiquar verkauft. Der ist nun tot: Jemand hat ihn gegen eine Vitrine gestoßen, beim Sturz hat er sich das Genick gebrochen; und Adam steht unter dringendem Tatverdacht.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Das gewaltsame Ableben des Buchhändlers ist höchst bedauerlich, denn Gerd Anthoff, viele Jahre lang als korrupter Vorgesetzter und Spielpartner Senta Bergers in der ZDF-Reihe "Unter Verdacht" (2002 bis 2019) ein Hochgenuss, nutzt seine wenigen Auftritte weidlich aus. "Habent sua fata libelli", zitiert Anton Hofer ("Bücher haben ihre Schicksale"), als Adam ihm sagt, warum er gerade diese Ausgabe der keltischen Märchen haben will. Das Buch ist zwar noch da, aber gerade von einem Online-Kunden erstanden worden, wie Hofers junge Mitarbeiterin Chloe (Marlina Mitterhofer) Adam mitteilt.
Dank ihrer Anregung hat sich der Antiquar zuletzt als "Buchfluencer" betätigt und seinem Laden auf diese Weise eine neue Kundschaft erschlossen. Mit seinen Verrissen hat er sich naturgemäß nicht nur Freunde gemacht, weshalb sich Frederike und ihr detektivischer Freund und Partner Zankl (Michael Ostrowksi) nach seinem Tod erst mal den zornigen Enkel eines Heimatdichters vornehmen. Als sie auch Chloe befragen wollen, kommen sie Sekunden zu spät.
In ihrem Abschiedsbrief gesteht die junge Frau, ihren Chef auf dem Gewissen zu haben. Zu diesem Zeitpunkt hat Vershinin allerdings längst verraten, wer im Hintergrund die Fäden zieht und auch für Chloes vermeintlichen Suizid verantwortlich ist. Valery Tscheplanowa hat eine ähnlich charismatische Rolle schon in zwei "Wolfsland"-Krimis (2023/24) verkörpert, als sich eine Kommissarin als Kopf einer Gangster-Bande entpuppte. Hier spielt die gebürtige Kasachin ebenfalls eine Frau, die ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen geht, um ihr Ziel zu erreichen.
Regie führte wie beim zehnten Film ("Verlorene Seelen") Daniel Rübesam. Abgesehen vom Finale ist der elfte "Passau-Krimi" ein eher stiller Thriller, der nicht zuletzt von der Frage lebt, warum Adam und seiner Auftraggeberin das verschwundene Buch so wichtig ist. Ein anderes Detail bleibt dagegen offen. Bevor Mia, die damals noch Lena hieß, mit ihrer Mutter nach Niederbayern gezogen ist, hat sie ihrem Vater in einem Geheimversteck eine Botschaft hinterlassen.
Darin stand allerdings nur, dass die beiden jetzt in Passau leben. Wie Adam sie dort ausfindig gemacht hat, obwohl sie neue Namen haben, ist ein Widerspruch, den der Film nicht auflöst. Dafür erheitern Vershinin und Rübesam durch einige gewohnt witzige Momente mit der etwas speziellen Kommissarin Grill (Xenia Tiling), und Zankl darf zum Schluss ein berühmtes Zitat Sean Connerys aus dem modernen Mafia-Klassiker "The Untouchables" (1987) paraphrasieren: Manchmal empfiehlt es sich durchaus, mit einem Messer zu einer Schießerei zu gehen.




