Zahl der Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder gestiegen

Ermittler von Monitor mit unscharfen Bildern
Arne Dedert / dpa
Missbrauchshandlungen finden zunehmend im digitalen Raum statt.
Traurige Bilanz
Zahl der Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder gestiegen
Die Zahl registrierter Sexualverbrechen an Kindern ist im vergangenen Jahr wieder gestiegen, viele Fälle bleiben nach Vermutung der Ermittler:innen aber unentdeckt. Sorge machen ihnen Phänomene wie sogenanntes Livestreaming und mit KI erstellte Inhalte.

Die Sicherheitsbehörden haben im vergangenen Jahr wieder mehr Fälle sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche gezählt. Laut am Dienstag in Berlin präsentiertem Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) wurden 17.126 Missbrauchshandlungen an Kindern bekannt (2024: 16.354). Die Zahl der Fälle sexueller Gewalt an Jugendlichen lag bei 1.239 (2024: 1.191).

Im vergangenen Jahr meldete das Bundeskriminalamt einen leichten Rückgang. Stets betonen die Ermittler dabei aber auch, dass ihre Zahlen nur einen Teil der Realität spiegeln, weil von einem großen Dunkelfeld ausgegangen wird. Im Herbst soll eine Dunkelfeldstudie starten. Damit verbunden sei die Hoffnung, bei der Aufklärung solcher Taten besser zu werden, sagten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und BKA-Präsident Holger Münch.

Missbrauch wird im Livestream verfolgt

Auffällig ist den Angaben zufolge, dass Missbrauchshandlungen zunehmend im digitalen Raum stattfinden, indem etwa Täter auf Social-Media- oder Gaming-Plattformen Kontakt zu den minderjährigen Opfern aufbauen. BKA-Präsident Münch sagte, zunehmend beschäftige die Behörden auch sogenanntes Livestreaming. Dabei verfolgen Täter einen in der Regel im Ausland stattfindenden Missbrauch an einem Kind oder einer Jugendlichen per Onlinestream und geben dabei sogar Anweisungen.

Münch nannte als einen Schwerpunkt die Philippinen. Schon in den vergangenen beiden Jahren seien Fälle bekannt geworden, allein für dieses Jahr bezifferte er die Zahl der Fälle auf 250. Ausgehend von deutschen Ermittlungen sind nach seinen Angaben drei philippinische Anbieter solcher Streamings verhaftet und zwölf Minderjährige in Obhut genommen worden.

Die Zahl der Straftaten im Zusammenhang mit Missbrauchsdarstellungen an Kindern ist der BKA-Statistik zufolge 2025 leicht um 2,7 Prozent gesunken, die Zahl der Fälle aber weiter hoch (41.677). Dobrindt hob den starken Anstieg der Fälle von Verbreitung jugendpornografischen Materials hervor. In dem Bereich seien 20 Prozent mehr Fälle registriert worden, sagte er. 11.515 Fälle wurden den Angaben zufolge im vergangenen Jahr den Behörden bekannt.

Claus: Flut von KI-Darstellungen führt zu Entgrenzung

Ein Grund für den Anstieg sei die niedrigschwellige Verfügbarkeit von Künstlicher Intelligenz, die reale Inhalte verändern könne, sagte Dobrindt. Die Flut an durch KI erstelltem Material stelle die Ermittler vor Herausforderungen, sagte Münch. Dabei geht es auch um sogenannte Deep-Fakes.

Dass diese Darstellungen, denen keine reale Tat zugrunde liegen muss, dazu führen, dass weniger Kinder und Jugendliche tatsächlich Opfer werden, glauben die Experten und Expertinnen nicht. "Davon gehe ich nicht aus", sagte Münch. Die Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Kerstin Claus, sagte, die Flut von Material führe eher zu Entgrenzung und damit zu mehr Tätern und realen Taten.

Claus sagte, das Ausmaß der sexuellen Gewalt, der Kinder und Jugendliche vor allem im digitalen Raum alltäglich begegneten, sei zu wenigen bewusst. Sie sieht kritisch, dass die Anbahnung sexueller Kontakte nur bei bis zu 14-Jährigen strafbar ist. Ältere Jugendliche müssten besser geschützt werden, sagte sie. Zudem sprach sie sich dafür aus, die Erpressung mit Nacktbildern oder -videos - sogenannte Sextortion - als eigene Sexualstraftat zu fassen.