epd: Herr Nyemb, sind Sie manchmal wütend darüber, wie afrikanische Figuren in der Kinder- oder Jugendliteratur dargestellt werden?
Bertin Nyemb: Ich würde mich nicht als wütend bezeichnen. Als Auslandsgermanist habe ich gelernt, die Dinge aus einer größeren Perspektive zu betrachten. Aber ich finde viele Repräsentationen problematisch. Die afrikanischen Länder sind vielfältiger, als es in den Büchern dargestellt wird. Daher ist mir Aufklärung wichtig.
Ich mache meine Studierenden darauf aufmerksam, dass ein Kinderbuch nicht nur eine Geschichte ist, sondern ein diskursives Medium. Es ist nicht fair, wenn Kinderbücher koloniale Klischees reproduzieren und den Kontinent in ein rückständiges Licht rücken lassen. Daher ist es geboten, authentische Bilder zu vermitteln. Die Studierenden in Karlsruhe haben sich in Lehrevaluationen schon bei mir dafür bedankt, dass sie die Gelegenheit haben, auch andere Realitäten kennenzulernen.
Welche kolonialen Klischees und Stereotype finden sich in Kinderbüchern?
Nyemb: Wer in Afrika unterwegs ist, soll stets vorsichtig sein, da giftige Schlangen und Skorpione in der wilden Natur lauern. Afrikanische Figuren sind oft arm, aber fröhlich. Sie leben nach wie vor in Hütten mit Strohdächern. Die Kinder sind dünn und hungrig. Sie leben im Dschungel oder in der Wüste und müssen kilometerweit zum Brunnen oder zur Schule laufen. Ihr Alltag wird bestimmt vom Wassermangel oder Stromausfall. Weiße Figuren treten als "Retter" oder "Aufklärer" auf.
Oh eine Rolltreppe
Ich habe kürzlich ein Buch besprochen, in dem ein afrikanischer Junge nach Europa gekommen ist und zum allerersten Mal eine Rolltreppe gesehen hat. Dazu kann ich sagen: In meiner Heimat Kamerun gibt es Rolltreppen noch nicht so lange. Aber Kinder in afrikanischen Großstädten kennen Rolltreppen. Und es gibt Familien, die in einer Villa leben und ihre Kinder mit dem Auto zur Schule fahren. Diese Darstellungen von "es fehlt an allem" sind nicht authentisch.
Was für Kinderbücher würden Sie sich wünschen?
Nyemb: Es wäre schön, wenn Kinderbücher den Facettenreichtum Afrikas zeigen würden. Im ländlichen Raum kommt es durchaus vor, dass kranke Menschen oder schwangere Frauen in einem Eselskarren zum Krankenhaus gebracht werden, aber man darf nicht die Möglichkeiten ausblenden, die es in der Stadt gibt.
Die Autoren sollen eine gerechtere Sprache verwenden, die koloniale Begriffe systematisch ausschließt. Ich lade alle Akteure im Literaturbetrieb dazu ein, postkoloniale Perspektiven gerade in der Produktion von Kinder- und Jugendbüchern zu bemühen. Die Geschichten sollen Bilder entfalten, die dem aktuellen Entwicklungsstand mancher Regionen des Kontinents Rechnung tragen.
Darüber hinaus soll der subsaharische Protagonist im Handlungsverlauf zu Wort kommen, seine Welt selbst erklären, seine Sichtweise eigenständig artikulieren können. Die Figuren sollen auch Namen tragen, die nicht ideologisch aufgeladen sind. Wenn in einem deutschen Kinderbuch eine afrikanische Figur "Oma Afrika" heißt, ist es aus meiner Sicht keine sprachsensible, sondern eine irritierende Namenswahl, die einem kolonialen Denkmuster entspringt.



