In den Sozialen Netzwerken ist es unübersehbar: Das Hexentum boomt und nimmt laut dem evangelischen Pfarrer Fabian Maysenhölder (Böblingen) sehr unterschiedliche Formen an. Gemeinsam ist vielen Hexen, dass sie glauben, durch Rituale wie etwa durch einen Liebes- oder Rachezauber Energie in eine bestimmte Richtung steuern zu können, sagt der Experte, der ein Buch zu diesem Thema geschrieben hat, im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Er erklärt, warum der Trend nicht immer nur harmlos ist - und wo er eine klare rote Linie zieht.
epd: Hexerei als Geschäftsmodell und "Witchfluencer": Sie haben sich ein Jahr intensiv mit dem Trend der modernen Hexen beschäftigt und waren mit mehr als einem Dutzend von ihnen im Austausch. Wie sieht moderne Hexerei genau aus?
Fabian Maysenhölder: Das moderne Hexentum ist sehr vielfältig. Es gibt kein klares Dogma und keine zentrale Lehrautorität. Ein Grundsatz, der sich jedoch durchzieht, lautet: "Richtig ist, was sich für dich richtig anfühlt." Man findet sowohl Einflüsse aus dem Neuheidentum als auch aus der Esoterik. Während etwa die neureligiöse Bewegung "Wicca" eher institutionalisiert ist, tummeln sich auf Social-Media-Plattformen wie TikTok viele sogenannte "freifliegende Hexen", die sich ohne formale Voraussetzungen so nennen. Übrigens ist der Begriff Hexe geschlechtsneutral: Auch männliche oder queere Personen bezeichnen sich ganz selbstverständlich als Hexen.
Was genau kann man sich unter "Witchfluencern" vorstellen, die in Sozialen Medien aktiv sind?
Maysenhölder: Was viele eint, ist die Faszination für das Magische und Ästhetische. Gerade auf Instagram oder TikTok spielt die Inszenierung eine große Rolle: Schön drapierte Altäre, Kräuter oder Räucherrituale erzeugen eine besondere, oft auch düstere Aura. Für viele hat das Hexentum auch eine wichtige emanzipatorische Funktion, um sich frei auszuleben.
Oft wird das Ganze auch kommerzialisiert, wir bewegen uns da im Bereich der Konsumesoterik: Es werden Heilsteine, energetisiertes Wasser oder Kräuter verkauft. Populär sind auch "Witch Hauls": Videos, in denen Hexen ihre neu gekauften Utensilien wie Feen-Figuren präsentieren. Man kann zwar Hexe sein, ohne etwas zu kaufen, aber gerade in der "WitchTok"-Welt spielt Konsum eine beachtliche Rolle.
Sie sprechen in Ihrem Buch "Witchfluencer: Moderne Hexen zwischen Lifestyle und gefährlicher Esoterik", das im Herder Verlag (Freiburg) erschienen ist, von einem egozentrischen und magischen Weltbild, das viele Hexen haben. Was bedeutet das genau?
Maysenhölder: Die Grundidee beim magischen Weltbild der Hexen ist, dass alles mit allem verbunden ist. Es wird davon ausgegangen, dass ein Energiegleichgewicht herrscht: Wenn ich an einer Stelle Energie beeinflusse, hat das an einer anderen Stelle reale Auswirkungen. Ob man dabei an konkrete Gottheiten wie Hekate glaubt oder diese nur als Symbole nutzt, variiert stark. In der Szene ist der Glaube an die Wirkmacht von Ritualen jedoch sehr präsent. Wer ein Ritual korrekt ausführt, glaubt daran, die Energie etwa durch einen Liebes- oder Rachezauber in eine bestimmte Richtung steuern zu können.
Außerdem geht es um den Gedanken, die Welt durch das eigene Tun verfügbar und kontrollierbar zu machen. In einer unsicheren Welt verspricht dieses magische Denken eine Form von Macht: Ich bin derjenige, der das Ganze kontrolliert und ich kann das in meine Richtung steuern. Es dreht sich alles um das eigene Ich.
Heilungszauber gegen Krebs kann lebensgefährlich werden
Ab wann wird dieses magische Weltbild aus Ihrer Sicht problematisch oder gar gefährlich?
Maysenhölder: Ich ziehe eine harte Grenze bei Gesundheitsfragen. Es ist lebensgefährlich, wenn Menschen Heilungszauber gegen Krebs durchführen und dadurch medizinische Behandlungen verschleppen. Zudem ist der Markt für spirituelle Dienstleistungen völlig unkontrolliert. Man weiß oft nicht, welche Qualifikation eine Hexe hat, die Online-Coachings anbietet, und ob sie eine ernsthafte Depression, die ärztlich behandelt werden muss, von einer bloßen Stimmungsschwankung unterscheiden kann. So besteht eine große Gefahr, dass Menschen in Notsituationen an Scharlatane geraten und auch viel Geld verlieren.
Außerdem sehe ich Parallelen zum verschwörungstheoretischen Denken. Wenn die eigene subjektive Wahrnehmung, ein "Ich fühle das so", über wissenschaftliche Erkenntnisse gestellt wird, entzieht das unserer Gesellschaft die gemeinsame Gesprächsbasis. Das macht konstruktive Diskurse über reale Probleme extrem schwierig.
"Wir können die Welt nicht per Knopfdruck verfügbar machen"
Gibt es im Hexentum auch eine "dunkle Seite", die über harmlose Naturheilkunde hinausgeht?
Maysenhölder: Ja, die gibt es. Es herrscht oft die Vorstellung, dass Energie an sich wertneutral ist und beide Pole - hell und dunkel - dazugehören. Das zeigt sich etwa bei Rachezaubern, die oft mit düsterer Ästhetik und Musik untermalt werden. In manchen Ritualen werden gezielt dunkle Emotionen verarbeitet. Auf TikTok wird sogar vor "bösen Energien" gewarnt, die man durch falsch durchgeführte Rituale wecken kann, was bei manchen Nutzern zu echter Verunsicherung und Angst führt.
Sie sind Pfarrer: Viele Hexen lehnen die Kirche als patriarchal und dogmatisch ab. Wie gehen Sie persönlich damit um?
Maysenhölder: Tatsächlich spielt die Ablehnung von Institutionen eine große Rolle, man möchte sich nichts vorschreiben lassen. Interessanterweise gibt es aber auch in manchen christlichen Kreisen ein magisches Weltbild, wenn Gebet wie eine "Wunschmaschine" für Heilung oder besseres Wetter genutzt wird.
Ich glaube, die Kirche sollte ehrlich bleiben: Wir können die Welt nicht per Knopfdruck verfügbar machen. Unsere Antwort auf die Unsicherheit in der Welt sollte nicht Magie sein, sondern die Zusage Gottes, dass er uns in unserem Leid begleitet. Christen haben keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, aber wir bieten eine Gemeinschaft, die trägt.




