"Für immer dein" lautete im vergangenen Jahr der Titel des neunten Films aus der ZDF/Arte-Reihe "In Wahrheit". Der zehnte Krimi mit Christina Hecke als Kommissarin aus Saarlouis, "Die Liebe und der Tod", könnte auch "Für immer mein" heißen: Anscheinend geht eine Stalkerin bei der Durchsetzung ihres Besitzanspruchs über Leichen. Der Clou des Drehbuchs von Dinah Marte Golch und Isabell Serauky offenbart sich jedoch erst gegen Ende: Judith Mohn und Freddy Breyer (Robin Sondermann) lagen bei ihren Ermittlungen grundsätzlich zwar richtig, waren aber in der völlig falschen Richtung unterwegs.
Die Handlung beginnt mit einem Tango, der sich durch die gesamte Einführung zieht, auch wenn der Film alsbald die Tanzenden verlässt: Im Haus von Katrin Sommer wird die Leiche ihres Ex-Freunds Tobias Schricker gefunden. Sie selbst ist spurlos verschwunden, hat vor dem überstürzten Aufbruch aber noch rasch neben ein paar Sachen auch ihren Laptop eingepackt. Der Tote weist mehrere Stichverletzungen auf. Die Tatwaffe stammt wie so oft im TV-Krimi aus dem Küchenmesserblock.
Die Rekonstruktion der Ereignisse lässt ein eskaliertes Beziehungsdrama vermuten. Es folgen die üblichen Befragungen von Katrins Mutter und Tobias’ Vater, der beteuert, wie glücklich die beiden gewesen seien. Die Videos vom gemeinsamen Tangotanz wirken in der Tat sehr innig. Es gab nur ein Problem: Sie wollte eine Familie, aber sein Sohn, erzählt Vater Schricker, sei noch nicht so weit gewesen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Bis zu diesem Zeitpunkt ist das einzig Besondere an diesem ansonsten in jeder Hinsicht gänzlich unauffällig inszenierten Film die Parallelmontage der Gespräche mit den beiden Elternteilen sowie das berührende Spiel von Holger Daemgen als Vater. Interessant wird der Krimi durch eine weitere Ebene: Eine nicht zu erkennende Gestalt im Kapuzenpulli klickt sich am Laptop durch verschiedene Online-Profile.
Außerdem führen die Ermittlungen zu Tanzlehrer Großmann (Pascal Houdus), mit dem Katrin zuletzt zwei Monate lang zusammen war. Kurzzeitig ziehen Mohn und Breyer in Erwägung, er könne Tobias aus Eifersucht erstochen haben, aber tatsächlich ist der Tanzlehrer nicht Täter, sondern Opfer. Erst fliegt ein Stein mit einer unmissverständlichen Drohung durch sein Fenster, dann berichtet er von einer täglichen Vielzahl an Hassnachrichten, Beleidigungen und einer expliziten Morddrohung: "Dir sollte man ein Messer ins Herz rammen".
Eine weitere Kurzzeitgeliebte des Tanzlehrers, Laura Bartel (Nurit Hirschfeld), steht offenbar ebenfalls auf Katrins Liste, und damit sind die Autorinnen beim eigentlichen Thema. Der Abspann fasst später noch mal zusammen, was Mohn und Breyer zwischendurch erzählen: "Jeder 10. Mensch in Deutschland wird einmal im Leben Opfer von Stalking. Jeder 3. Opfer von digitalem Stalking. Ungefähr jedem 4. Beziehungsmord geht Stalking voraus."
Pro Jahr werden 23.000 Stalking-Anzeigen erfasst, die Dunkelziffer wird auf 600.000 bis 800.000 Fälle geschätzt. Mohn klärt auch auf, wie man sich in solchen Fällen am besten verhält: ignorieren und blockieren. Die typischen Täterinnen und Täter hätten ein geringes Selbstwertgefühl; durch eine Reaktion auf auf die Nachrichten fühlten sie sich dazu angestachelt, weiterzumachen. Immerhin klingen die entsprechenden Dialoge nicht allzu didaktisch. Sollte der redaktionelle Auftrag an die Autorinnen gelautet haben, ein Krimidrehbuch über Stalking zu schreiben, so ist er zumindest ziemlich gut verpackt.
Ein bisschen Nervenkitzel kommt auf, als das Kripo-Duo Großmann bittet, den Lockvogel zu machen und die Stalkerin in eine Falle zu locken. Genrefans ahnen mittlerweile zwar, dass die Wahrheit möglicherweise eine ganz andere ist, aber Katrins Kreditkarte hinterlässt eindeutige Spuren. Außerdem kommt es zu weiteren Vorfällen, die immer bedrohlicher werden; schließlich explodiert gar eine mit Zeitzünder versehene Autobombe in Lauras Wagen.
Selbst wenn die Ermordung von Tobias nicht geplant gewesen sein sollte: Spätestens jetzt kann es keinen Zweifel mehr geben, dass Katrin Sommer über Leichen geht. Als Spannungskiller erweist sich hingegen eine Nebenebene, die mit dem Fall überhaupt nichts zu tun hat und bloß dazu dient, Pierre Besson (Judiths Freund) und Steffi Kühnert (ihre Mutter) mit Spielmaterial zu versorgen. Davon abgesehen ist die Umsetzung (Regie: Kirsten Laser) schematisch bis an den Rand der Einfallslosigkeit. Die Tangoklänge von Gotan Project sind allerdings sehr hörenswert, und das Finale mit Nurit Hirschfeld ist ausgezeichnet gespielt.



