Eine Krise bewältigen und gestärkt daraus hervorgehen: Diese Fähigkeit wird heutzutage als Resilienz bezeichnet. Der Begriff ist vor einigen Jahren zum Trendwort geworden, doch die Erkenntnis ist natürlich nicht neu. Der Prozess gilt für Organismen, die eine Krankheit überwinden und fortan Immunität entwickeln, oder für komplexe Systeme, die sich an veränderte äußere Einflüsse anpassen. Mittlerweile wird die Bezeichnung jedoch vor allem in Bezug auf die menschliche Psyche verwendet. Gerade für die kindliche Entwicklung ist Resilienz ungemein wichtig, erst recht, wenn Jungen und Mädchen traumatische Erfahrungen durchgemacht haben; so wie Yemisi Ogunleye.
"Das Gold ihres Lebens" hat Tina Soliman ihr Porträt der Sportlerin genannt. Im Sommer 2024 wurde Yemisi, die bei ihrer Heirat den Nachnamen Mabry angenommen hat, schlagartig berühmt. Sie hatte sich ihren großen Traum erfüllt und bei den Olympischen Spielen für das Finale im Kugelstoßen qualifiziert. An jenem Nachmittag hat es in Paris geregnet, der Ring war nass. Sie rutschte beim ersten Versuch aus, ließ sich nicht beirren und stieß die Kugel schließlich 20 Meter weit; Goldmedaille. Die halbe Nation war gerührt, als ihr später zu den Klängen der deutschen Nationalhymne die Tränen runterliefen.
Bis zu diesem Punkt könnte der "37 Grad"-Beitrag auch eine ganz normale Sportreportage sein, doch dann schlägt Soliman einen biografischen Bogen. Yemisi ist als Tochter einer deutschen Mutter und eines nigerianischen Vaters in der ländlichen Südpfalz aufgewachsen. Der beschauliche Teil ihrer Kindheit endete abrupt, als sie in der Schule wegen ihrer Hautfarbe diskriminiert wurde. Auf ihrem einstigen Schulhof erinnert sie sich, wie die anderen Kinder "Wer hat Angst vorm schwarzen Mann" spielten. In bewegen Worten berichtet sie, wie sie mehr und mehr die Freude am Leben verlor und schließlich sogar überlegte, allem ein Ende zu setzen. Ihrer Mutter erzählte sie davon nichts; aus deren Sicht gab es keine Erklärung dafür, warum Yemisis schulische Leistungen plötzlich nachließen.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Der Sendeplatz wird im Wechsel von den ZDF-Redaktionen "Kirche und Leben" (evangelisch und katholisch) sowie "Geschichte und Gesellschaft" bespielt. Konkret spielt Religion aber meist nur eine indirekte Rolle; "37 Grad" ist keine Verkündigungssendung. In diesem Fall ist das etwas anders, denn es war ihr Glaube an Gott, der Yemisi damals rettete. Diese Erfahrung prägte ihren weiteren Lebensweg und ist daher selbstverständlich unverzichtbar für ein Porträt, das in vielerlei Hinsicht sehr persönlich ist.
Natürlich geht es auch um sportliche Erfolge, aber der Film lebt vor allem von ihrer hochsympathischen positiven Ausstrahlung. Diese Frau ruht nicht nur in sich selbst, sie hat auch eine bewundernswerte Haltung zu ihren Leistungen entwickelt. Bei den Weltmeisterschaften in Tokio belegte sie 2025 den sechsten Platz. In der Berichterstattung wurde das als Niederlage bewertet: keine Goldmedaille, nicht mal unter den ersten drei! Yemise Ogunleye sah das gänzlich anders: Von allen Kugelstoßerinnen auf der Welt war sie immerhin die Sechstbeste.
Wie nahezu alle "37 Grad"-Reportagen trägt Solimans Kommentar des Öfteren Züge einer Romanbiografie. Die Sendungen wirken gern, als könnten die Autorinnen und Autoren den Menschen, über die sie berichten, in die Köpfe schauen. Zum "Goldstoß" heißt es: "Sie ist sicher. Keine Spur von Angst. Der tosende Lärm: Er feuert sie an." Tatsächlich bestätigt Yemisi, sie liebe es, wenn es laut ist. Ihre Methode klingt schlicht, funktioniert aber offensichtlich. Im Grunde sei doch alles wie im Training: Der Ring hat die gleichen Ausmaße, ihre Schuhe sind dieselben, und die Kugel wiegt wie immer vier Kilo. Dass der Sturz sie nur physisch, nicht jedoch psychisch aus dem Gleichgewicht hat, erklärt sie so: "Ich bin eine Überwinderin." Manchmal, heißt es im Kommentar, "besteht Größe nur darin weiterzumachen."
Mit 14 hatte Yesimi einen Kreuzbandriss, mit 16 einen zweiten. Aber der Satz bezieht sich vor allem auf ihre "sehr, sehr dunkle" Kindheit. Soliman findet treffende Worte für diese Zeit, in der das Mädchen zunächst überhaupt nicht verstand, warum es plötzlich ausgegrenzt wurde: "Ihre Herkunft war wie ein Schatten, den nur die anderen sehen konnten." Später kehrte dieses Gefühl zurück. Nach ihrem Olympia-Sieg hieß es in Internet-Kommentaren, sie sei "keine von uns". In der früheren Heimat ihres Vaters machte sie eine ganz ähnliche Erfahrung: Dort galt sie als Weiße. Auch diesen Zwiespalt beschreibt Soliman sehr passend: "ein Gast im eigenen Leben."



