Sommerrauschen
Sommermonate an der Altantikküste- Erinnerungen an Ferien mit der Familie und beste Freundinnen.
Judith ist Bildhauerin, hat zwei Töchter. Ihr Mann ist Architekt. Die Sommermonate verbringen sie wie immer schon im Médoc an der französischen Atlantikküste inmitten der Seen, Dünen und Wälder. Befreundete Familien trafen sich hier stets regelmäßig und haben die Augustwochen gemeinsam verbracht. Der Kontakt zu Judiths bester Freundin Natascha ist hier vor vielen Jahren nach einem dramatischen Ereignis abrupt abgebrochen. Nun zieht Natascha diesen Sommer mit ihrem Freund ins Nachbarferienhaus. Die beiden ehemaligen Freundinnen begegnen sich wieder. Die Autorin versucht den Spannungsbogen bis zum Schluss aufrechtzuerhalten, was ihr nur bedingt gelingt. Irgendwann wird es langatmig. Das Ende überrascht dann doch.
Naturbeschreibungen sind wesentlicher atmosphärischer Bestandteil des Romans. Gesine Meerheimb
Adlung, Christiane: Sommerrauschen. Roman. Christiane Adlung. Köln: DuMont 2026. 281 S. ; 22 cm. ISBN 978-3-7558-0039-2, geb.: 24,00 €
Mein gelber Pullover
Eine Reise nach Italien wird zum Kristallisationspunkt für Erinnerungen aus mehreren Lebensschichten.
Als junge Frau fährt die Ich-Erzählerin im späten November noch einmal nach Stromboli. Sie war im Sommer gerade da und war fasziniert von dieser Insel. Auf der Fähre begegnet ihr eine englische Familie mit rauchendem Vater und kleiner, willensstarker Tochter, die unbedingt den Vulkan besteigen möchte. Alle zusammen landen zur Untermiete bei Michelle, die ganz anders lebt, als es im Sommer schien. Aber sie bleibt eine femme fatale, manipulativ und bösartig. Sie provoziert Erinnerungen an die einstige Kindheitsfreundin der Ich-Erzählerin in Herzogenaurach. Das war in den 60ern, und die Freundschaft endete mit dem ersten gemeinsamen Rauchversuch. Überhaupt das Rauchen: Es ist immer wieder Ausgangspunkt für neue Erinnerungen in diesem assoziativ mäandernden, aber immer wieder Kreise schließenden Roman. Wer die Rauchschwaden in dieser Geschichte nicht scheut, wird gut unterhalten auf dieser Reise zu den Inseln der Erinnerungen – und findet vielleicht seinen eigenen gelben Pullover.
Ein gut lesbarer, klug komponierter Roman, der die Erinnerungen älterer Generationen belebt. Für ein breites Lesepublikum. Angelika Barth
März, Ursula: Mein gelber Pullover. Roman. Ursula März. München: Piper 2026. 174 S. ; 21 cm. ISBN 978-3-492-07441-4, geb.: 22,00 €
Ein unerhörter Wunsch
Die Liebe im Endstadium.
Claire hat Krebs im Endstadium. Und Claire hat einen Ehemann und zwei erwachsene Kinder, die ihren letzten Wunsch "unerhört" finden, denn sie möchte ihre übrige Lebenszeit mit ihren beiden Freundinnen Holly und Michelle verbringen, nicht mit Eliot, mit dem sie über fast 40 Jahre glücklich verheiratet ist. Diesem missfällt die Sache, aber er erhört sie und weicht in das Luxusdomizil von Holly aus. Ann Packer beschreibt, wie Menschen sich durch Krankheit verändern, wie aus Partnern Pfleger und Patient(in) werden, wie sehr es an uns rüttelt, wenn wir doch alles richtig gemacht haben und schließlich erkennen müssen, dass unser Partner trotz Krankheit ein freies Wesen bleibt, so wir ihn lassen. Packer schreibt angesichts dieser belastenden Thematik mit einer großen Leichtigkeit darüber, dass wahre Liebe bis zum Ende ein Balanceakt bleibt, den man nur doch Zuwendung, Kompromisse und Großzügigkeit meistert. Kleiner Kritikpunkt: Die Frauenfiguren dieses Romans wollen einem - im Gegensatz zu Eliot - nicht so recht ans Herz wachsen und das Ende kommt sehr aprubt.
Besonders für (ältere) Leser:innen, die Romane im gehobenen amerikanischen Ostküstenmilieu schätzen. Marie Varela
Packer, Ann: Ein unerhörter Wunsch. Roman. Ann Packer. Dt. von Patricia Klobusiczky. München: Hanser Berlin 2026. 302 S. ; 21 cm.
Aus d. Engl. ISBN 978-3-446-28719-8, geb.: 24,00 €
Eine Geschichte der Sehnsucht
Menschen mit ihrem je eigenen Lebensgepäck verbinden sich für flüchtige Momente der Innigkeit.
Die zwei Kurzgeschichten des kleinen Buches verbindet das Gemälde eines Vogels mit einem blauen Band, um seine Füße gerankt. Ist es ein gefangener oder ein in die Freiheit entlassener Vogel? Eine Deutung liegt im Auge der Betrachter. Zweihundert Jahre liegen zwischen den beiden Kurzgeschichten. In der ersten wird von Laurel erzählt, einer Witwe, die mit ihrem Sohn Edwin auf einer kargen Insel vor der Küste Massachusetts lebt. Mutter und Sohn sind auf sich gestellt, mit ihren eingespielten Ritualen, nachdem der Ehemann und Vater ertrunken ist. Er litt aufgrund von Kriegserfahrungen unter Schizophrenie. Sie bekommen unerwartet Besuch von einer verflossenen Liebe von Laurel. Dieser Will bricht überstürzt mit seiner zukünftigen Braut nach Barbados auf. Ohne Abschied, wie auf der Flucht. Es bleiben Erinnerungen voll zehrender Sehnsucht und das Bild, das nach langer Zeit in der nächsten Geschichte einen jungen Maler berührt. Es kommt zu einer Begegnung mit einer Kuratorin, die auch eine Trauernde ist.
Vergebliche und verlorene Liebe ganz dicht am Meer verbinden die Figuren über Jahrhunderte. Nicht alle Menschen haben Wasser um sich herum, wissen jedoch um Liebe und Trauer, die sich durch das Leben zieht. Christine Behler
Shattuck, Ben: Eine Geschichte der Sehnsucht. Ben Shattuck. Dt. von Dirk van Gunsteren. München: Hanser 2026. 74 S. ; 21 cm. Aus d. Engl.
ISBN 978-3-446-28650-4, geb.: 18,00 €
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