Digitalzwang schließt viele Gruppen aus

Seniorin tippt auf Smartphone
epd-bild/Juergen Blume
Digitalcourage fordert Alternativen zu digitalen Pflichtangeboten.
Kritik an Digital only-Trend
Digitalzwang schließt viele Gruppen aus
Arzttermine vereinbaren oder Veranstaltungstickets buchen geht mitunter nicht mehr ohne Internet. "Digitalzwang" nennt das der Verein "Digitalcourage", seine politische Geschäftsführerin Rena Tangens fordert das Recht auf analoges Leben.

Das vielfache Fehlen von Wahlfreiheit zwischen digitalen und analogen Verfahren ist für den Verein "Digitalcourage" nicht akzeptabel: "Es darf nicht sein, dass ein Mensch, der kein Smartphone besitzt, eine App nicht installieren möchte oder digitale Dienste nicht nutzen kann, von gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen wird", sagte die politische Geschäftsführerin des Vereins mit Sitz in Bielefeld, Rena Tangens, dem Evangelischen Pressedienst (epd).

Tangens sprach von einem "Digitalzwang", der sich längst im Alltag zeige, etwa wenn die Vereinbarung von Arzt- und Behördenterminen nur online möglich seien. Auch die Bundesregierung setze im Koalitionsvertrag auf "digital only" bei Verwaltungsleistungen. "Wir sind nicht gegen die Digitalisierung der Verwaltung", betonte Tangens. "Aber es muss auch noch andere Zugänge geben." Digitale Angebote könnten vieles erleichtern, dürften aber nicht zur einzigen Möglichkeit der Teilhabe werden.

Nach aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes hätten rund 2,1 Millionen Menschen unter den 16- bis 74-Jährigen in Deutschland das Internet noch nie genutzt, erklärte Tangens, die Mitgründerin des 1987 entstandenen Vereins ist. Dabei seien die über 74-Jährigen, bei denen der Offliner-Anteil noch deutlich höher ist, noch gar nicht mitgezählt, ebenso wenig wie Kinder. Die könnten zum Beispiel ohne Smartphone oft nicht mehr Bus fahren oder ins Freibad gehen.
"Digitalcourage" fordert mit einer Petition deshalb ein Recht auf analoges Leben. Im Mai hatte der Verein rund 70.000 Unterschriften an Bundestagsabgeordnete der CDU, SPD, der Grünen und der Linken übergeben.

Die hohe Zahl der Unterschriften belegt nach Tangens Worten, dass der digitale Trend viele Gruppen ausschließt. "Digitalzwang betrifft keineswegs nur arme, alte, kranke Menschen, sondern auch alle, die nicht auf Schritt und Tritt eine Datenspur hinterlassen wollen", sagte sie. "Deshalb unterstützen uns auch viele Technikprofis, die genau wissen, wie viel Überwachung durch eine Komplett-Digitalisierung möglich wird." Man wolle Digitalisierung nicht verhindern, sagte Tangens, aber vermeiden, dass Menschen durch Digitalisierung ausgeschlossen würden.