Wo Demenzpatienten aufblühen

Frau arbeitet mit Schnittgut
epd-bild / Guido Schiefer
Die Demenzerkrankte Ingrid Finke dekoriert eine Dose mit Naturmaterialien aus dem Wald während der Gartentherapie im Garten vom Resi-Stemmler-Haus in Euskirchen.
Gartentherapie
Wo Demenzpatienten aufblühen
Ulrike Kreuer ist Gartentherapeuthin und liebt die Arbeit mit alten Menschen. Unter ihrer Anleitung finden Demenzpatienten im Grünen eine sinnvolle Beschäftigung. Die "Sprache der Natur" soll helfen, einige ihrer Symptome zu lindern.

Die neue Seifenblasenmaschine wird eingeschaltet und lockt mit schwebenden Blasen die Bewohnerinnen in den Garten des Seniorenzentrums der Stiftung Marien-Hospital in Euskirchen im Rheinland. Eine Gruppe dementer Frauen folgt Gartentherapeutin Ulrike Kreuer, die ihnen Minze und Rosmarinblätter zum Riechen pflückt. Der Garten soll bei Demenzerkrankten Erinnerungen an ihre Kindheit wachrufen und sie aus ihrer Isolation holen.

Die Gartentour führt dann zu Kreuers VW-Bus. Geheimnisvoll erzählt sie: "Ich war heute Morgen im Wald und habe euch den Wald mitgebracht." Alle bekommen Jutebeutel, die sie zum Terrassentisch tragen. Dort schüttet die Therapeutin Laub, Moose, Stöckchen, Rinde und Gräser aus und legt noch einen Strauß Blumen dazu.

Immer mehr Bewohner des Resi Stemmler Hauses vergrößern die Runde. Die Einrichtung mit 48 Einzelzimmern begleitet laut Homepage "Menschen mit fortgeschrittener Demenzerkrankung und Mobilität mit Wandertendenz".

Anregung der Sinne mithilfe der Natur

Ein Mann schiebt seine Frau im Rollstuhl durch den großen Garten. Er ist unsicher, ob sie teilnehmen können, weil seine Frau nur abwesend in die Ferne schaut. Kreuer winkt die beiden zum Tisch. Als sie der Frau mit einem samtigen Blatt Wollziest über die Wange streicht, klart ihr Blick auf und sie schauen einander an. "Natur spricht die einzige Sprache, die Menschen mit stark fortgeschrittener Demenz noch verstehen", sagt sie.

Durch Demenz können einige Menschen Worte nicht mehr gut verarbeiten und haben zunehmend Schwierigkeiten, ihre Muttersprache zu verstehen, erklärt Francisca S. Rodriguez. Sie erforscht unter anderem das Gärtnern als Maßnahme bei Demenz für das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE). Es gehe darum, im Gehirn neue Reize zu stimulieren, etwa beim Gestreichelt werden mit einem Blatt. "Wenn man Dinge tut, die keine Worte brauchen, ist das schön für die Person, dann kann sie Freude und Verbundenheit erleben. Ohne dass sie das Gefühl hat 'Ich verstehe die Welt um mich herum nicht'", sagt Rodriguez.

Pflanzenwelt weckt Erinnerungen

Renate Austermann gibt dem Minzblatt einen Kuss. Mireille Schmitz pflückt im Vorbeigehen grinsend einen kleinen, grünen Apfel. Kreuer ist begeistert von den dunkellila Brombeeren, es gebe etwas zum Ernten. Doch Inge Bauer verzieht das Gesicht: "Die waren sauer wie Sauerampfer. Ich esse keine mehr": Vielleicht eine der ersten kleinen Erinnerungen, die die Pflanzenwelt heute weckt.

Laut Rodriguez trägt der Aufenthalt in der Natur zum Wohlbefinden von Demenzerkrankten bei. Außerdem zeigten diverse Studien, dass regelmäßiges Gärtnern Unruhe und depressive Symptome verbessern kann. In weiteren Studien wurde das Gärtnern mit einer verlängerten kognitiven Leistungsfähigkeit in Verbindung gebracht.

Prognose: 2050 bis zu 2,7 Millionen Demenzkranke

Als Tannenzapfen auf dem Tisch landen, greifen viele begeistert zu. Ingrid Finke steckt Blumen und Stöckchen in eine Scherendose, als handele es sich um eine Vase. Das Material aus der Natur diene der biografischen Erinnerung, erklärt Kreuer: "Es lädt dazu ein, aus eigenem Impuls aktiv zu werden, und soll die Kreativität anregen". Deshalb gibt sie keine Anweisungen. "Manche beobachten, was die anderen damit machen.

Andere entscheiden sich etwas zu basteln. Das sind alles kognitive Leistungen", sagt die Gartentherapeutin und Gartenbauingenieurin. 2023 lebten circa 1,8 Millionen Demenzerkrankte in Deutschland, so das Ergebnis einer Studie der Deutschen Alzheimergesellschaft. Durch die steigende Lebenserwartung könnte sich die Zahl der Patienten über 65 Jahre bis zum Jahr 2050 auf 2,3 bis 2,7 Millionen erhöhen.

Weiter hinten im Garten steht ein Pavillon, darunter baut Ulrike Kreuer eine kleine Werkstation auf. Tibor Hronsky war früher Handwerker. Darum hat Kreuer ihm eine Holzlatte und einen Lötkolben mitgebracht. Sie zeichnet Hronsky Blumen vor und er brennt die feinen Linien akkurat nach. "Ich hab' das früher so gerne gemacht", erinnert er sich.

Die Frau im Rollstuhl bekommt einen Tannenzapfen angeboten und greift danach, um an den regelmäßigen Einkerbungen entlangzufahren. "Die Vermutung, sie könne nichts mehr tun, ist falsch", sagt Kreuer. Auch Einrichtungsleiterin Lydia Kassing ist begeistert: "Sie hat auf einmal ihren Tastsinn genutzt, das passiert selten." Ingrid Finke streckt ihr eine Blume entgegen: "Hier für dich". Inge Bauer lächelt beinahe ununterbrochen. "Das Leben kann so schön sein", seufzt sie.