TV-Tipp: "Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz"

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1. Juni, ARD, 23.05 Uhr
TV-Tipp: "Bravo – Headlines, Hypes und Herzschmerz"
Sie war Klatschorgan und wichtiges Sprungbrett für junge Talente. Über Jahrzehnte las ein Millionenpublikum die "Bravo". Eine dreiteilige Doku blickt hinter den Mythos.

Der Begriff "Zentralorgan" wird heutzutage, wenn überhaupt, in erster Linie für politische Publikationen aus dem linken Spektrum verwendet. In grauer Vorzeit jedoch, also vor der massenhaften Verbreitung des Internets, galt die "Bravo" mit Fug und Recht als das Zentralorgan der deutschen Jugendkultur. Nach der Wiedervereinigung hatte die Zeitschrift eine verkaufte Auflage von 1,7 Millionen. Da jedes Exemplar durch mehrere Hände ging, erreichte sie damals an die 7 Millionen Leserinnen und Leser - also praktisch alle Teenager zwischen 12 und 17 Jahren.

Diese Marktmacht hatte Folgen: Ohne "Bravo" war eine Karriere als Popstar hierzulande unmöglich. Der Erfolg hatte jedoch seinen Preis; und davon handelt diese Dokumentation mit dem Titelzusatz "Headlines, Hypes und Herzschmerz".

Jasmin Wagner ("Blümchen"), Eloy de Jong, Mitglied der niederländischen Boyband "Caught in the Act", Angelo Kelly, Jeanette Biedermann, Oliver Petszokat ("Oli.P"), "Monrose"-Sängerin Senna Gammour und Rapper Eko Fresh schildern, wie sie dank "Bravo" bekannt wurden. Die Bezeichnung "Pakt mit dem Teufel" wäre übertrieben, aber faustische Züge trug die Zusammenarbeit durchaus.

Wagner (Jahrgang 1980), gerade mal 15, als sie 1995 mit "Herz an Herz" durchstartete, wurde derart impertinent nach intimen Details befragt ("Blümchen und das erste Mal"), dass ihr schließlich der Kragen platzte. Mitunter habe es "richtig widerliche Formulierungen" gegeben, und vor erfundenen Storys habe ihr enger Kontakt zur Redaktion sie auch nicht geschützt.

Petszokat hält manche Artikel im Rückblick ebenfalls für "übergriffig", und laut Eko Fresh stand die Richtung der jeweiligen Story längst fest, bevor der Reporter zum Interview erschien. Etwas speziell ist auch eine Begebenheit, die Eloy de Jong erzählt: Die Redaktion arrangierte ein Treffen mit einer jungen Konzertbesucherin, die ihm mit einem Herzplakat öffentlich ihre Liebe gestanden hatte. "Bravo" machte daraus einen heißen Flirt, der zumindest von Seiten des Holländers jeglicher Grundlage entbehrte: Er ist schwul, was aber damals natürlich nicht bekannt werden durfte, weil Boygroups eine begehrte Projektionsfläche für schmachtende Teenies waren.

In den Ausführungen von Eko Fresh und Senna Gammour geht es vor allem um aufgebauschte Rapper- und Zickenkriege; Gammour kritisiert zudem die heute von ihr als sexistisch und rassistisch empfundene Berichterstattung über "Monrose".

Die Stars wurden jedoch schlagartig uninteressant, sobald ihr Ruhm verblasste. Wer sich bis dahin ausschließlich über seinen Erfolg definiert hatte, erinnert sich Kelly, stand plötzlich vor dem Nichts. Die dreiteilige Reihe (Buch und Regie: Mariska Lief) ist dennoch keine reine Abrechnung. Jeanette Biedermann, wie Petszokat durch die RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" bekannt geworden, findet es gut 25 Jahre später nicht verwerflich, dass sie als junge Frau bevorzugt in erotischen Posen abgelichtet wurde.

"Bravo" war ja ohnehin mehr als nur eine "Bunte" für junge Leute, selbst wenn es bevorzugt um Klatsch und Tratsch ging. Ganze Generationen sind nicht von ihren Eltern oder in der Schule, sondern vom "Dr. Sommer"-Team aufgeklärt worden.

Sehr interessant sind auch die Ausführungen von Alex Gernandt, viele Jahre Chefreporter und zuletzt bis 2013 Chefredakteur der Zeitschrift. Es sei eine "Win-win"-Situation für alle Beteiligten gewesen: "Promo-Power" gegen Exklusivmaterial wie beispielsweise "Homestorys". Kelly formuliert es etwas nüchterner: "Für ‚Bravo‘ waren wir (die Kelly Family) eine Kuh, die gemolken wurde."

Das Erfolgsgeheimnis des erstmals im August 1956 erschienenen Magazins bestand laut Gernandt in der Anpassungsfähigkeit: Weil die Leserschaft alle paar Jahre wechselte, musste sich "Bravo" ständig neu erfinden. Als 2004 Facebook und im Jahr drauf YouTube starteten, wurde die Zeitschrift als Sprungbrett überflüssig. Heute liegt die Auflage bei rund 50.000 Exemplaren.

Nur bedingt der Wahrheitsfindung dienlich sind die Gespräche von Moderatorin Ariana Baborie, Komödiantin und Transfrau Gazelle Vollhase sowie Komiker und Moderator Aurel Mertz, die sich als roter Faden durch die drei Teile ziehen. Das Trio ist in einem typischen Jugendzimmer der Jahrtausendwende platziert worden, kommentiert konkrete Schlagzeilen und erzählt, welche Bedeutung "Bravo" für sie persönlich hatte.

Der Kernzielgruppe des ersten Programms (Mitte sechzig) dürften die Namen nichts sagen, aber all’ jene, die in etwa gleich alt sind (circa Mitte dreißig), werden sich perfekt repräsentiert fühlen. Davon abgesehen ist die insgesamt neunzig Minuten lange Doku dank einer Vielzahl angespielter Hits, Ausschnitten aus zeitgenössischen TV-Sendungen und kleiner Nachrichtenschnipsel ohnehin eine kurzweilige Zeitreise.

Das "Erste" zeigt heute um 23.05 Uhr Teil 1. Alle Episoden gibt es am Mittwoch ab 22.15 Uhr im dritten Programm des WDR sowie in der ARD-Mediathek.