Das "Zauberhafte" der Religion bewahren

Hände liegen auf Bibel
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Religion geht über die reine weltliche Existenz hinaus.
Falsches Fortschrittsdenken?
Das "Zauberhafte" der Religion bewahren
Ist Religion "von gestern"? Der Kirchenhistoriker Volker Leppin wirbt dafür, eine vernünftige Brücke von mittelalterlicher Frömmigkeit zur Gegenwart zu schlagen. Ohne ein Nachdenken über ihre Grundlagen verliere eine Gesellschaft sich selbst.

 Religion gilt seit der Aufklärung als Privatsache - ganz im Gegensatz zu den Jahrhunderten davor. Der Kirchenhistoriker Volker Leppin - Professor an der US-Elite-Universität von Yale und zuvor Dozent in Tübingen - hält das für falsch. Im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) zu seinem neuen Buch "Gottesspuren" zeigt der Theologe, dass die westliche Welt mit ihrer Religionsvergessenheit international und historisch eher isoliert dasteht.

epd: Herr Professor Leppin, Ihr neues Buch "Gottesspuren" trägt den Untertitel "Das christliche Europa vor seiner Entzauberung". Was genau ist denn infolge der Aufklärung "entzaubert" worden?

Volker Leppin: Entzaubert wurde das Bewusstsein, dass Gott überall sein und mir an jeder Ecke begegnen kann. Die Vorstellung war: Gott handelt mit mir durch die Geschichte, durch die Natur und durch einzelne Menschen. In unserem heutigen säkularen, entzauberten Bewusstsein haben wir Gott überwiegend aus unserer Welt verdrängt. Er ist noch irgendwo ganz weit weg im Himmel. Für Menschen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit war Gott hingegen ungemein präsent. Der "Zauber" bestand darin, dass diese Welt nicht einfach nur aus Zahlen, Daten, Chemie oder Physik besteht, sondern dass sie Gott widerspiegelt.

Volker Leppin, ist Professor für Kirchengeschichte an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Heute ist Gott in westlichen Gesellschaften vielerorts Privatsache. Erwarten Sie angesichts der Globalisierung so etwas wie ein religiöses Comeback bei uns?

Leppin: Wir nehmen wahr, dass Religion in Gesellschaften außerhalb Europas und Nordamerikas eine große Kraft darstellt. Politisch und gesellschaftlich wird Religion dort immer wichtiger. Wir sehen dabei aber auch, dass viele Konflikte religiös grundiert sind. Hier hat die Aufklärung glücklicherweise unheimlich viel dazu beigetragen, die Gewalt einzudämmen. Und unsere Aufgabe wird es bleiben, Religion im Rahmen von Demokratie, Frieden und Rechtsstaat zu verorten.

"Religion ist aber etwas, das wir lieben können und nicht einfach kaputtreden sollten."

Was Sie über das Entzaubern schreiben, erinnert an den Satz: "Wir haben vergessen, dass wir Gott vergessen haben." Sind wir in westlichen Kulturen geschichts- und glaubensvergessen?

Leppin: Tatsächlich haben wir uns in den westlichen Kulturen eine gewisse Ablehnung des Glaubens geradezu antrainiert. Religion ist aber etwas, das wir lieben können und nicht einfach kaputtreden sollten. Das schließt ein wissenschaftliches Gespräch darüber nicht aus. Aber eine Gesellschaft, die über Grundlagen jenseits unserer einfachen weltlichen Existenz nicht mehr nachdenkt, verliert sich irgendwann selbst.

Die USA, wo Sie heute leben, sind deutlich religiöser als Deutschland...

Leppin: Das ist in der Tat bemerkenswert, hier gehört Religion ganz selbstverständlich zum Smalltalk. Aber wir erleben in der amerikanischen Gesellschaft natürlich auch, wie Religion funktionalisiert, politisiert und zu einer Waffe in politischen Auseinandersetzungen gemacht werden kann. Ich wünsche mir, dass man das Zauberhafte der Religion bewahrt und sie nicht verfremdet.

Sie forschen an der Schnittstelle von Spätmittelalter, Reformation und Neuzeit. Was ist das größte Vorurteil, das wir heute über das Mittelalter haben?

Leppin: Das größte Vorurteil lautet: "Die waren damals alle naiv." Wir haben ein stetes Fortschrittsdenken im Kopf und glauben, wir seien über die Jahrhunderte immer klüger und besser geworden. Dass wir nicht automatisch besser geworden sind, hat uns spätestens das 20. Jahrhundert deutlich gezeigt. Wir sind auch nicht einfach klüger geworden, unsere Rationalität ist lediglich eine andere.

"Religiöse Evolutionstheorie "

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Leppin: Eine meiner Lieblingsentdeckungen ist der Jesuit Athanasius Kircher aus der Frühen Neuzeit. Er hat im Grunde eine religiöse Evolutionstheorie entwickelt. Er fragte sich: Wie kann es sein, dass es in Nordamerika einen Bison gibt, der so ähnlich aussieht wie die Kuh in Europa? Seine Erklärung: Die Tiere kamen aus der Arche Noah, die Kontinente haben sich getrennt, und in Nordamerika hat sich dieses Tier an die dortige Natur angepasst. Das ist noch nicht Darwins Prinzip der Selektion, aber es ist das Prinzip der Anpassung. Und das hat dieser Mensch in einem komplett biblischen Weltbild entwickelt.

An den Aberglauben des Mittelalters will heute allerdings niemand mehr andocken. Was aus der Religiosität von damals ist heute noch anschlussfähig?

Leppin: Der Glaube daran, dass all das, was wir sehen, nicht das Letzte ist. Dass es dahinter oder darunter etwas gibt, was all das trägt. Das Geheimnis der Religion ist es, diesem Bewusstsein - "Ich werde getragen" - konkrete Symbole und Bilder zu geben. Die Taufe ist ein Ausdruck dessen: Ich komme von woanders her, ich bin mir in meiner Geburt letztlich selbst geschenkt worden.

Wie hilft uns dieses Bewusstsein weiter?

Leppin: Auch wenn die traditionelle religiöse Sprache heute nicht mehr für alle anschlussfähig ist, so bleibt doch das Gefühl: Da ist so viel mehr als nur ich und diese Welt um mich herum. Wenn wir dieses Bewusstsein neu gewinnen und pflegen, gehen wir vielleicht auch mit den drängenden Fragen des Friedens oder des Umweltschutzes behutsamer um.

Würden Sie sagen, das moderne Europa mit Aufklärung, Wissenschaft und Sozialstaat wäre ohne das Christentum gar nicht entstanden?

Leppin: So ist es. Woher kommt denn unsere Vorstellung von der Würde des Menschen? Das entspringt der biblischen Tradition aus Judentum und Christentum, konkret dem Schöpfungsbericht, in dem der Mensch als Ebenbild Gottes wahrgenommen wird. Diese besondere Würde begründet später die Menschenrechtsdiskussion des 18. Jahrhunderts, die Französische sowie die Amerikanische Revolution und letztlich unseren modernen Rechtsstaat.

Wie sollte dann eine säkulare Gesellschaft mit ihrem Erbe umgehen? Ihr Weltbild sei oft zu selbstgenügsam, schreiben Sie.

Leppin: Die säkulare Gesellschaft ist zu Recht so strukturiert, dass unser Rechtsrahmen keinen religiösen Vorgaben folgen darf. Aber sie sollte der Entfaltung von Religion möglichst viel Raum geben. Ein säkularer Mainstream greift zu kurz, wenn er unterstellt, Religion sei immer nur mit wirtschaftlichen oder politischen Machtinteressen verbunden. Religion war über Jahrhunderte ein völlig selbstverständliches, oft sogar das wichtigste Motiv, das Menschen im Innersten bewegt hat. Unser heutiger Säkularismus ist im Blick auf die Menschheitsgeschichte eine relativ kurze Erscheinung der letzten 250 Jahre. Die Fixierung darauf ist letztlich ein Eurozentrismus, der viele andere Kulturen und auch die eigene Vergangenheit verdrängt.

Wenn ich Sie richtig verstehe, trauern Sie aber nicht den "guten alten Zeiten" mittelalterlicher Frömmigkeit nach ...

Leppin: Ja. Ich suche nach Impulsen aus einer Welt vor der Aufklärung, aber ich möchte nicht hinter die Aufklärung zurückfallen! Die Aufklärung prägt uns, sie ist unverzichtbar. Aber zu ihr gehört eben auch - das habe ich bei Jürgen Habermas gelernt - die Selbstkritik. Mein Buch ist ein Versuch, die Dinge, die von der Aufklärung verdrängt wurden, wieder in den Blick zu rücken, damit wir als Gesellschaft im weiten Sinne wirklich aufgeklärt leben können. 


 

Buchhinweis: Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom Mittelalter bis zur Aufklärung. 624 Seiten, 38 Euro. Herder (Freiburg) 2026.