Wie aus christlicher Skepsis Fahrradliebe wurde

Fahrradliebe
epd-bild/Hanno Gutmann
Pilgernde auf dem Rad werden freudig auf einem evangelischen Kirchentag begrüßt. (Archivbild)
Rollende Kirchengeschichte
Wie aus christlicher Skepsis Fahrradliebe wurde
Heute ist der Welttag des Fahrrads. Pfarrerinnen auf Rädern, Diakone mit Kindern im Lastenrad oder Radpilgerfahrten, heute ganz normal. Die Kirche feiert das Rad. Aber das war nicht immer so. Katja Eifler wirft einen Blick zurück.

Die kirchliche Welt hat die Erfindung des Fahrrads 1817, nicht gleich komplett verändert, aber sie hat auch dort ihre Reifenspuren hinterlassen: praktisch, spirituell und symbolisch.

Im 19. Jahrhundert war das Rad noch nicht der ökologische Freund der Kirche. Es war neu und wurde kritisch beäugt. Besonders in konservativen Kreisen gab es moralische Bedenken, vor allem gegen das Fahrradfahren von Frauen. Hosenröcke und die Körperhaltung auf dem Sattel beim Fahren wurden als "unschicklich" oder sogar als "sündhaft" bezeichnet. In Wien spiegelte beispielsweise die erste Fahrradordnung von 1885 das allgemeine Misstrauen in strengen Bestimmungen wider. 

Dennoch setzte es sich vor allem bei den Pfarrern selbst rasch durch. Fahrradfahren war günstig und ermöglichte es vor allem den Pfarrern und Pfarrerinnen, schneller die Menschen, vor allem in ländlichen Gebieten zu erreichen. Ab den 1890er Jahren entstanden sogar christliche Radfahrervereine, wie der "Verband Christlicher Radfahrer Österreichs" (gegründet 1896).

Heute hat sich das Bild deutlich gewandelt. Das Fahrrad ist heute nicht nur ein Fortbewegungsmittel, sondern auch ein Symbol für nachhaltigen Glauben. Die evangelische Kirche betont seit Langem die Bewahrung der Schöpfung. Das Rad steht für eine Lebensweise, die Ressourcen schont. Gleichzeitig wird es zum Werkzeug der Begegnung. Auf Radtouren entstehen Gespräche, die im Gemeindealltag manchmal zu kurz kommen. Und nicht zuletzt ist das Radfahren selbst eine Form des Pilgerns, ein rollendes Unterwegssein, das zum Nachdenken und Beten einlädt.

Schutzpatronin für Radler:innen

Sichtbar wurde die geänderte Einstellung, beispielsweise in der katholischen Kirche durch die Ernennung einer Schutzpatronin der Radfahrer im Jahr 1949. Madonna di Ghisallo, die seit 1949 als Schutzpatronin der Radfahrer verehrt wird. Die Legende besagt, dass sie einem Radfahrer in Not erschienen sein soll. Selbst ein bekannter Fahrradhelmhersteller entwarf später ihr zu Ehren einen Helm ("Bell Ghisallo"). Offizielle Radsegnungen finden heute auch in der evangelischen Kirche zu vielerlei Anlässen statt.

In Deutschland gibt es zahlreiche Radwegekirchen. Laut EKD sind es rund 350 Stück: "Sie bieten Besinnung, aber auch Informationen über Sehenswürdigkeiten und selbst Trinkwasser", heißt es auf der Seite der EKD. Außerdem bezeichnet die EKD sie als "Kirche bei Gelegenheit" und als "niederschwelliges kirchliches Angebot". Das Signet für Radwegekirchen wird seit 2009 vergeben und zeigt an, dass es sich um eine verlässlich geöffnete Kirche handelt.

Ein besonders schöner Weg sei zum Schluss noch erwähnt. Es ist der Simultankirchen-Radweg in der nördlichen Oberpfalz, der 50 Kirchen und historische Orte auf rund 400 Kilometern verbindet. Natur, Kultur und Spiritualität werden auf solchen Wegen und in den als "spirituelle Raststätten" bezeichneten Kirchen erlebbar.

Ob als Pilgerweg, Mobilitätsoption oder Zeichen für Klimaschutz – das Fahrrad ist heute fester Bestandteil kirchlichen Lebens. Und wer weiß, vielleicht wird auch die nächste Erfindung, die die Kirche zunächst skeptisch betrachtet, bald genauso selbstverständlich sein.