Papst Leo XIV.: KI muss entwaffnet werden

Papst Leo XIV.
Misper Apawu/AP/dpa
Für Papst Leo XIV. steht fest: KI ist ein "wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert".
Erste Enzyklika von Papst Leo
Papst Leo XIV.: KI muss entwaffnet werden
In seiner ersten Enzyklika "Magnifica Humanitas" beschreibt Papst Leo XIV. KI als "wertvolles Hilfsmittel" und will sie dennoch "entwaffnen". Er sieht das Risiko neuer Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit.

Gut ein Jahr nach seiner Wahl veröffentlicht Papst Leo XIV. an Pfingstmontag seine erste Enzyklika. Das Lehrschreiben mit dem Titel "Magnifica Humanitas" ("Großartige Menschheit") reiht sich in die Texte zur kirchlichen Soziallehre ein und befasst sich hauptsächlich mit dem Thema Künstliche Intelligenz (KI).

"Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden", sagt Leo XIV. während der Präsentation seines Textes in der neuen Synodenaula des Vatikans. Zum ersten Mal nahm ein Papst persönlich an der Vorstellung einer Enzyklika teil. Er habe das Wort "entwaffnen" bewusst gewählt, sagt Leo, weil "dieser Moment Worte braucht, die Aufmerksamkeit erregen, das Gewissen wecken und Wege für die Menschheit aufzeigen können."

KI berühre bereits viele Bereiche des Lebens und beeinflusse Entscheidungen über das menschliche Zusammenleben. "Sie verändert auch dramatisch die Art und Weise, wie Krieg geführt wird", sagt das Kirchenoberhaupt mit Blick auf zunehmend autonome Waffensysteme, "die praktisch jenseits jeglicher menschlicher Kontrolle liegen".

Gefahren von Ausgrenzung

KI sei ein "wertvolles Hilfsmittel, das Vorsicht erfordert", konkret einen "nüchternen und wachsamen Umgang", schreibt Papst Leo in seiner Enzyklika. Der erste US-Amerikaner auf dem Stuhl Petris warnt darin auch vor Intransparenz bei der Kontrolle über die KI. Dass diese nicht in der Hand von Staaten, sondern von "großen wirtschaftlichen und technologischen Akteuren" liege, erhöhe "das Risiko einer schiefen Entwicklung, die neue Abhängigkeiten, Ausgrenzungen, Manipulationen und Ungerechtigkeit erzeugt".

Die Technologie sei weder "eine menschenfeindliche Kraft" noch "ein Übel". KI könne aber nicht als moralisch neutral betrachtet werden. Leo thematisiert in seiner Enzyklika auch die Auswirkungen von KI auf die Umwelt. Aktuell erfordere sie große Mengen an Energie und Wasser, bedeute CO2-Ausstoß und verbrauche Ressourcen "in großem Umfang", schreibt er und fordert die Entwicklung von nachhaltigeren technologischen Lösungen.

Mitgründer von KI-Unternehmen anwesend

Der Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic, Christopher Olah, sitzt bei der Präsentation auf Einladung des Vatikans mit auf dem Podium. Er sagt, es brauche Akteure, die "die Sache ernst nehmen, genau hinschauen und die Entwicklungen in eine bessere Richtung lenken". Zudem plädiert Olah für "sachkundige Kritiker, die den Forschungslabors sagen, wenn wir versagen. Wir brauchen moralische Stimmen, die sich von Anreizen nicht beirren lassen."

In seinem Lehrschreiben wendet sich Papst Leo an die Gläubigen und an "alle Menschen guten Willens", also auch an Nicht-Katholiken. Die Menschheit befinde sich in einem "Epochenwandel". "Die von Gott geschaffene großartige Menschheit steht heute vor einer entscheidenden Wahl: Entweder sie errichtet einen neuen Turm zu Babel oder sie erbaut die Stadt, in der Gott und die Menschheit gemeinsam wohnen", schreibt der Papst im ersten Satz der Einleitung.

Babel oder Jerusalem

Das Bildnis von der Wahl zwischen Babel und Jerusalem zieht sich als roter Faden durch den Text. Dabei steht Babel symbolisch für die Selbstliebe der Menschen und Jerusalem für einen Ort, in dem die Gemeinschaft und die Gottesliebe im Vordergrund stehen.

Das erste Lehrschreiben von Papst Leo umfasst im italienischen Original 105 Seiten und ist in fünf Kapitel unterteilt. Auf Deutsch erscheint "Magnifica humanitas" am 29. Juni im Verlag Herder. Die Enzyklika ist auf den 15. Mai datiert - den 135. Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika "Rerum Novarum" von Leo XIII. (1810-1903). Die 1891 veröffentlichte Enzyklika gilt als Grundlagentext der katholischen Soziallehre.