Als die Wikipedia vor 25 Jahren startete, war das Internet noch ein anderes. Es war langsamer, nicht überall verfügbar und wurde viel mehr zur Informationsbeschaffung genutzt als zur Unterhaltung. Im Gegensatz zu vielen anderen Angeboten aus der Frühzeit des World Wide Web kann sich die Online-Enzyklopädie aber bis heute behaupten.
"Die Idee, Wissen frei verfügbar zu machen, hat nichts an Aktualität eingebüßt", sagt Nina Leseberg. Sie ist Bereichsleiterin Communitys und Engagement bei Wikimedia Deutschland, dem gemeinnützigen Verein, der hinter dem Projekt der deutschsprachigen Wikipedia steht.
Eine der größten Herausforderungen der kommenden Jahre ist laut Leseberg, neue Ehrenamtliche für das Projekt zu begeistern und die Autorenschaft diverser aufzustellen. Denn es sind Tausende Ehrenamtliche, die die deutschsprachigen Wikipedia-Artikel verfassen, bearbeiten, korrigieren und verwalten.
Erfolg durch ChatGPT gefährdet
Am 15. Januar 2001 wurde Wikipedia gegründet, zwei Monate später ging die deutsche Version online. Heute gehört Wikipedia mit täglich sieben bis neun Millionen eindeutigen Aufrufen zu den Top Ten der meistbesuchten Webseiten in Deutschland. Doch mit der zunehmenden Verbreitung von Large Language Models wie ChatGPT oder der KI-gestützten Google-Suche könnte dieser Erfolg schon bald der Vergangenheit angehören.
Ähnlich wie klassische Nachrichtenmedien sehe sich auch Wikipedia konfrontiert mit einer "veränderten Art und Weise, wie Wissen konsumiert wird", sagt Leseberg. Sie meint damit einen Trend, der wegführt von der eigenständigen Recherche und hin zur automatisierten Beantwortung ganz konkreter Fragestellungen, wie sie etwa Chatbots bieten.
Ehrenamtliche halten das Projekt am Laufen
Im Gegensatz zu diesen basiere Wikipedia jedoch auf dem Grundverständnis, dass Nutzende fehlerhafte Darstellungen melden könnten und diese nach einer sorgfältigen Prüfung korrigiert würden. Johannes Richter gehört schon seit mehr als zehn Jahren zum Kreis derjenigen, die das Projekt Wikipedia in Deutschland ehrenamtlich am Laufen halten.
Zunächst verfasste er als Autor zahlreiche Beiträge über Politik und Gesellschaft. Mittlerweile ist er als einer von rund 160 gewählten Admins unter anderem für die Durchsetzung der Regeln und die Bekämpfung von Vandalismus zuständig. So wird im Wikipedia-Universum die vorsätzliche Verfälschung von Beiträgen genannt, die immer wieder mal aufgedeckt wird.
Manipulationsversuche fallen auf
Der Offenheit des Projekts entsprechend könne zwar jeder und jede Beiträge bearbeiten, in der deutschsprachigen Wikipedia müssten diese aber von erfahrenen Usern freigegeben werden, erklärt Richter: "Wenn der ersten Person auffällt, dass etwas in einem Artikel nicht stimmt, kann dieser sofort gesperrt oder die Änderungen können rückgängig gemacht werden."
Außerdem werde jede jemals vorgenommene Änderung eines Artikels automatisch und transparent für alle Nutzer und Nutzerinnen auf der zugehörigen Beitragsseite dokumentiert. Diese Kontrollmechanismen führten dazu, "dass Manipulationsversuche früher oder später eigentlich immer auffallen", sagt Richter.
Vorausgesetzt, es gibt ausreichend Ehrenamtliche, die regelmäßig etwaige Änderungen in den mittlerweile rund drei Millionen Einträgen der deutschsprachigen Wikipedia auf ihre Richtigkeit prüfen. Derzeit bearbeiten nach Wikimedia-Angaben Zehntausende Autoren und Autorinnen die Einträge, rund 5.000 sogar fünfmal und mehr pro Monat.
"Projekt mit hohen Zugangshürden"
Christian Pentzold ist Direktor des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft der Universität Leipzig. In Zeiten, in denen die Internetnutzung geprägt ist von Plattformen und Apps, ist es laut Pentzold "ein Phänomen, dass dieses unkommerzielle und auf Freiwilligkeit basierende Projekt immer noch existiert."
In den USA sieht sich Wikipedia schon seit Längerem mit dem Vorwurf konfrontiert, sie bilde zu stark linksliberale Einstellungen ab. Mit "Grokipedia" hat Elon Musk im Herbst des vergangenen Jahres eine vermeintliche Alternative geschaffen, die auf seinem Unternehmen xAI und seinem Chatbot Grok beruht. In Deutschland halten sich Pentzold zufolge die Angriffe auf die freie Enzyklopädie Wikipedia in Grenzen. Sein Eindruck: "In Zeiten von Fake News und zunehmender Kritik an den Medien taucht Wikipedia viel mehr als Garant für geprüftes Wissen auf."
Die Schwierigkeit, engagierte Ehrenamtliche zu finden, beschreibt Pentzold in Teilen auch als hausgemacht: Mit seinen vielen Regeln und Verfahrensweisen sei Wikipedia "ein komplexes Projekt mit hohen Zugangshürden". Auch pflege die zum größeren Teil aus Männern bestehende Autorenschaft keine gute Willkommenskultur, kritisiert Pentzold: "Wer neu dazukommt, erlebt zunächst einmal viel Ablehnung bezüglich der Relevanz seiner Beiträge."
Sollte sich der Trend zu KI-generierten, maßgeschneiderten Antworten durchsetzen, könnte das Wikipedias Nachwuchsproblem weiter verschärfen. Denn wenn die Nutzer und Nutzerinnen künftig nicht mehr direkt auf der Webseite recherchierten, sagt Pentzold, könnten sie auch gar nicht mehr die Erfahrung machen, selbst das Projekt mitzugestalten.


