TV-Tipp: "Mensch Mutti"

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29. Mai, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Mensch Mutti"
Der ARD-Freitagsfilm ist ebenso wie die Fortsetzung "Mit Herz und Hilde" (2025) eine Verbeugung vor Frauen um die sechzig, die sich auch von widrigsten Umständen nicht unterkriegen lassen.

Seit vielen Jahren setzt Steffi Kühnert mit schöner Regelmäßigkeit filmische Denkmäler für bemerkenswerte Frauen. Der Titel des Kinodramas "Die Frau, die sich traut" (2013) steht stellvertretend für die Rollen, die sie oft verkörpert: Eine ehemalige Leistungsschwimmerin um die fünfzig erkrankt an Krebs und erfüllt sich ihren Jugendtraum, den Ärmelkanal zu durchqueren. Rund zehn Jahre später macht sich in "McLenBurger – 100% Heimat" (2022) eine ehemalige Kantinenchefin selbstständig und eröffnet mit zwei Freundinnen einen Imbiss,

Der ARD-Freitagsfilm ist ebenso wie die Fortsetzung "Mit Herz und Hilde" (2025) eine Verbeugung vor Frauen um die sechzig, die sich auch von widrigsten Umständen nicht unterkriegen lassen. Gerade die beiden Tragikomödien zeugen von einer mutigen Gratwanderung, die der gebürtigen Ost-Berlinerin immer wieder gelingt: Auf Anhieb sympathisch sind diese Frauen in der Regel nicht.

Christa Hopp ist allerdings selbst für Kühnerts Verhältnisse ein schwerer Fall.
"Mensch Mutti" ist ein allzu beliebiger Titel für diese stellenweise erfrischend bissige Tragikomödie. Der Arbeitstitel des Drehbuchs von Constanze Behrends und Lena Gouverneur lautete "Gerlau Girls". Das hat zwar einen falschen Zungenschlag, setzt jedoch die richtigen Prioritäten, denn die treibenden Kräfte der Geschichte sind Christas Töchter, genauer gesagt: Serafina (Frida-Lovisa Hamann), 32 und Primaballerina an der Pariser Oper.

Anlässlich der Beerdigung ihres Vaters kehrt sie nach langer Abwesenheit in ihrer sächsisches Heimatdorf zurück, wo sie nicht gerade mit offenen Armen empfangen wird: Ihre ältere Schwester Daniela (Lucie Heinze) ist sauer, dass sie sie mit den Eltern im Stich gelassen hat, und der verbitterten Christa ist ohnehin jede Form von Herzlichkeit fremd. Tatsächlich liegt seit "Finchens" Abschied vor sieben Jahren ein Schatten über den Hopps, und sie selbst hat, wenn auch unwissentlich, erheblich dazu beigetragen: Vater Rolf hat ihr die Ausbildung in Paris finanziert; angesichts ihrer Karriere eine durchaus lohnende Investition.

Mit dem familieneigenen Fitness-Studio ging’s jedoch bergab, denn der Kredit in Höhe von 30.000 Euro war eigentlich für die Modernisierung gedacht; und mit der Ehe auch, denn seiner Frau erzählte Rolf, er habe das Geld verspielt. Als Sicherheit musste das Eigenheim der Familie herhalten. Christa droht somit der Totalverlust: erst der Mann, dann das Studio, schließlich das Haus. Einziger Ausweg wäre eine Verkauf, aber angesichts des "Retro-Charmes" stellt der Repräsentant einer Fitness-Kette eine nahezu unerfüllbare Bedingung: Er wäre bereit, 100.000 Euro zu zahlen, wenn es den Schwestern gelingt, die Zahl der Mitglieder von 52 auf 250 zu erhöhen.

Serafina nimmt die Herausforderung an: Die Oper hat zwei Wochen Sommerpause, sie ist so etwas wie ein Star, und ihre Yoga- und Hiphop-Kurse erweisen sich als echter Magnet. Die Sache hat nur einen Haken: Christa würde das Studio nie im Leben verkaufen. Christine Rogalls Inszenierung ist zwar längst nicht so turbulent wie zuletzt ihre ebenfalls als Freitagsfilm im "Ersten" entstandene Regiearbeit "Rosen und Reis" (2026), aber "Mensch Mutti" ist eine Provinzkomödie; das etwas gemächlichere Tempo ist der Geschichte völlig angemessen.

Hier geht es trotz der teilweise treffsicheren Seitenhiebe weniger um Wortwitz und Pointen, sondern vor allem um Lebensgefühl und Atmosphäre. Und um Steffi Kühnert: Christa hat einst als Turnerin die Einnahme angeblicher Vitamine verweigert, das hat sie die Teilnahme an den Olympischen Spielen gekostet. Sie wusste, dass es sich um Hormonpräparate handelt, aber ihr Kinderwunsch war stärker als die berechtigte Aussicht auf eine Medaille, doch damals, so lässt sich erahnen, ist etwas in ihr zerbrochen.

Trotzdem haben Behrends, Gouverneur und Rogall kein Drama aus der Geschichte gemacht, im Gegenteil: Wenn Christa die Teilnehmer ihrer Sportkurse im Bootcamp-Stil zu Höchstleistungen anstachelt ("Mann oder Memme?"), wirkt das fast wie eine Parodie auf die Hollywood-Filme "Heartbreak Ridge" (1986) oder "Full Metal Jacket" (1987), in denen ein Ausbilder junge Rekruten über ihre Grenzen treibt.

Außerdem bescheren die Autorinnen Serafina eine Romanze mit Steinmetz Mike (Marc Benjamin), aber hier steht ihr zunächst ihre eigene Voreingenommenheit im Weg. Treffend besetzt sind auch die Hauptfiguren der Nebenebenen, darunter Horst Kotterba als Danielas Chef oder Lutz Blochberger als ehemaliger Doping-Arzt, und wie das Trio allen Widrigkeiten trotzt, ist ohnehin schön ausgedacht und umgesetzt.