Elsie, berührend verkörpert von Luna Wedler, dient als Magd im Haus des vermögenden Fabrikanten Burgener. Während sie die Böden schrubbt, singt sie die Melodien, die ihr gerade durch den Kopf gehen. "Gesungen wird in der Kirche", herrscht die Gouvernante sie an und verpasst ihr eigenen Katzenkopf, weil der Gesang das "gnädige Fräulein" stören könnte, doch Sophie, die Tochter des Hausherrn, fühlt sich keineswegs belästigt, im Gegenteil: Sie erkennt das Talent der Magd, zumal das autodidaktische Mädchen auch das "Örgeli" (eine handliche Ausgabe des Akkordeons) beherrscht, und bittet Elsie zum Duett. Die beiden Frauen singen zusammen "Leise flehen meine Lieder" von Franz Schubert und treten sogar bei einem Abendempfang des Vaters auf.
Sophie schwärmt Elsie von einer gemeinsamen Ausbildung am Konservatorium in Florenz vor. Für die Magd klingt das zu schön, um wahr zu sein, und das ist es natürlich auch, denn nun nimmt die Tragödie ihren Lauf. Der Fabrikant (Luc Veit) erklärt sich bereit, die Kosten für Elsies Stipendium zu übernehmen, aber: "Von Nichts kommt Nichts." Also muss sich die Magd, wann immer ihm danach ist, in seinem Arbeitszimmer einfinden. Die Kamera spart gnädigerweise aus, was ihr beim ersten Mal widerfährt, als sie sich über den Schreibtisch beugen soll, und zeigt allein ihre Hände, die zwischen den Utensilien vergeblich nach einem Halt suchen. Die Geräusche des gleichfalls malträtierten zweckentfremdeten Schreibtischs erklingen stellvertretend für Elsies Pein.
Der musikalische Höhenflug und die anschließende Erniedrigung sind jedoch nur eine Art Prolog: Als Elsie schwanger wird, verheiratet Burgener sie kurzerhand mit seinem Stallknecht Jakob (Valentin Postlmayr). Er überlässt dem Ehepaar eine Kuh und stellt den beiden eine zwar äußerst karge, aber immerhin kostenlose Bergpacht zur Verfügung. Mit dem daraus folgenden tristen Schicksal könnte die Geschichte auch enden, zumal eine Kräuterfrau dafür sorgt, dass Elsie die Frucht der Vergewaltigung nicht gebären muss, aber beide glauben hartnäckig weiter an ihren jeweiligen Traum.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Elsie möchte immer noch Musik machen, Jakob will auf ein Pferd sparen, weil er überzeugt ist, als Fuhrmann wäre ihm der soziale Aufstieg gewiss. Selbstverständlich kommt es anders; Katalin Gödrös’ Inszenierung lässt früh keinen Zweifel daran, dass der auf dem gleichnamigen Roman von Silvia Tschui basierende Film (Drehbuch: Urs Bühler) kein Happy End haben wird.
Trotzdem ist zunächst nicht zu erahnen, zu welcher Tristesse sich die Zweisamkeit des zwangsverheirateten Paars entwickeln wird, zumal Elsie schließlich sogar eine gewisse Zuneigung zu Jakob empfindet. Die Handlung nimmt jedoch eine entscheidende Wendung, als drei Musikanten ins Dorf kommen. Die Seelenverwandtschaft zum Akkordeonspieler Rico (Max Hubacher) ist offenkundig.
Er bietet ihr an, sie zu begleiten, doch Elsie lehnt ab. Im nächsten Frühjahr kehrt das Trio zurück, und nun wäre sie bereit, Jakob zu verlassen und mit Rico durch die Welt zu ziehen, aber der Preis, den der Wanderer und seine Gesellen für die Liebschaft zahlen müssen, ist grausam. Mit dieser Nebenebene thematisiert der Film auch das Schicksal der Jenischen, eines "vergessenen" fahrenden Volks, dessen Mitglieder gerade in der Schweiz bis hin zum organisierten Kindesentzug, der erst vor fünfzig Jahren endete, traditionell diskriminiert wurden.
Auch Jakob muss seinen Traum auf denkbar erschütternde Weise begraben. Dass der Film trotzdem halbwegs tröstlich endet, verdankt er nicht zuletzt einem kurzen Ausflug ins Fantasy-Genre, als Elsie erneut schwanger wird und die Kräuterfrau einen rätselhaften Satz sagt: "Es wächst eine Eibe durch sie hindurch." Gödrös, Dozentin an der Deutschen Film- und Fernseh-Akademie Berlin sowie Professorin an der Internationalen Filmschule Köln, hat "Jakobs Ross" betont ruhig und sachlich inszeniert.
Die Kamera beschränkt sich weitgehend aufs Zuschauen, was den Film auch dank der sehr authentisch wirkenden Ausstattung stellenweise fast dokumentarisch wirken lässt, zumal der renommierte deutsche Kameramann Sebastian Edschmid bei seiner Bildgestaltung auf künstliche Lichtquellen verzichtet hat. Luna Wedler, in denen letzten Jahren mit diversen Nachwuchspreisen ausgezeichnet, ist für ihre Leistung in diesem Film 2025 als Beste Schauspielerin für den Schweizer Filmpreis nominiert worden.




