Du hast WhatsApp auf dem Handy? Wahrscheinlich: Die App ist praktisch, funktioniert auf allen Geräten gleichermaßen und Texten, Sprachnachrichten senden oder Videotelefonie gehört für viele zum Alltag. WhatsApp wirkt dabei sehr privat – schließlich braucht man die Handynummer einer Person, um ihr zu schreiben.
Aber unter dem Reiter "Aktuelles" versteckt sich eine Funktion, die viele Eltern wohl noch gar nicht kennen: die sogenannten WhatsApp-Kanäle. Sie dienen der Information über aktuelles Weltgeschehen, Hobbies und Alltag. Zwischen Tagesschau-Updates, Airfryer-Rezepten und Technik-Tipps findest du dort auch Kanäle, die nur aus einem Namen und vielen Emojis bestehen. Dahinter verbergen sich oft Kinder und Jugendliche, die dort in einer Art digitalem Tagebuch ihr Leben teilen.
WhatsApp ist kein Nebenschauplatz. Die JIM-Studie zeigt: Für Jugendliche ist es die meistgenutzte App überhaupt. Eine aktuelle Untersuchung der Landesanstalt für Medien NRW beschreibt die Plattform sogar als zentralen Ort ihres digitalen Alltags.
Das Kinderzimmer wird zum Studio
In ihren Kinderzimmern drehen Mädchen dabei eher Beauty- und Lifestyle-Inhalte wie "Hauls" (Einkaufsberichte), Jungs berichten eher über Sport oder tanzen zu Musikschnipseln. Sie teilen, wann in der Schule Klassenarbeiten geschrieben werden, wann in der Familie etwas besonderes passiert, aber auch Körpergröße, Gewicht, Fotos mit der besten Freundin – und manchmal sogar Schicksalsschläge oder Gesundheitsdetails.
Es sind vor allem Mädchen zwischen 11 und 15 Jahren, die solche Kanäle betreiben – oft nach dem Vorbild großer Influencer auf TikTok oder Instagram.
Kinder als Influencer: auf WhatsApp
Was auf TikTok, Instagram oder YouTube längst bekannt und reguliert ist, findet auf WhatsApp weitgehend unbemerkt statt. Soziologin und YouTuberin Jen K. Hügel kennt das Phänomen schon länger: 10- bis 15-Jährige betreiben Kanäle, auf denen sie ihr Privatleben teilen – teils mit mehreren zehntausend Abonnenten.
Was Fremde über ein Kind herausfinden können
Hügel hat über mehrere Monate einen solchen Kanal beobachtet. Sie hat beobachtet und dokumentiert, was alle von Helena* (Name von Hügel geändert) allein durch das Mitlesen erfahren können:
- 13 Jahre alt
- lebt in der Schweiz
- geht auf die Realschule
- singt und spielt Gitarre
- hat einen Hund
Helena schickte ihren fast 42.000 Followern bis zu zwölf Nachrichten pro Tag.
Helena ist kein Einzelfall. Eine eigene indeon-Recherche zeigt Lina* (die folgenden Namen haben wir von der indeon-Redaktion geändert), gerade 13 geworden, geht in die siebte Klasse, teilt ihren Alltag. Oder Nina*, Yola*, Lara* und ein paar andere Mädchen, die gemeinsam auf einem Kanal jeden Tag mehrere, teils bearbeitete, Turn-Videos zeigen. Sowohl als Trainings- als auch als Wettkampfausschnitte.
Oder Leon*, der sein Leben nicht nur auf WhatsApp teilt, sondern auch auf Twitch, Instagram, YouTube und TikTok aktiv ist und sogar einen eigenen Podcast hat – mit gerade 14 Jahren. All diese Kinder und Jugendliche sind mit ihrem privaten Alltag öffentlich sichtbar – für jeden.
Sexuell aufgeladene Reaktionen
Bei den Reaktionen auf Kanal-Posts sind neben harmlosen Herzchen auch Emojis dabei, die eindeutig auch eine sexuelle Bedeutung haben: Das Auberginen-Emoji steht für das männliche Geschlechtsteil, drei Wassertropfen für Ejakulat, der Pfirsich für den Po und die Kirschen für die weibliche Brust.
Dass solche Reaktionen auf Fotos von 11- bis 14-Jährigen auftauchen, zeigt: Diese Kinder werden von Erwachsenen wahrgenommen – auf eine Art, die ihnen oft nicht bewusst ist.
Wenn anonyme Fragen gefährlich werden
Bevor WhatsApp eine eigene Frage-Funktion in die Kanäle eingebunden hat, haben viele Kinder externe Fragetools – zum Beispiel cloud.fun – eingebunden. Eine der wenigen Möglichkeiten um außerhalb von Abstimmungen und Emoji-Reaktionen mit den Followern zu interagieren. Damit können Follower anonym Fragen stellen, die der Kanalbetreiber dann öffentlich beantworten kann.
Jen K. Hügel hat dabei beobachtet, dass diese Fragen vollständig ungefiltert sind und von neugierig bis hin zu Beleidigungen, Drohungen und sexuellen Anspielungen reichen.
"Wann hast du Geburtstag?" – "Hast du dich schon mal schwer verletzt?" – "Wann kommt dein heißestes Tanzvideo?" – "Wie breit ist dein Intimbereich?"
Das sind reale Fragen, die an die Kinder gestellt wurden. Die Betreiberinnen dieser Kanäle sind teilweise erst 10 Jahre alt. Während der indeon-Recherche ist eine weitere Gefahr aufgefallen: Einige Kinder posten in ihren Kanälen Einladungslinks zu WhatsApp-Chatgruppen – zum Beispiel, um sich über eine Lieblingsserie auszutauschen. Was dabei aber unbeachtet bleibt: In solchen Gruppen werden die Handynummern aller Teilnehmenden sichtbar.
All diese Risiken sind kein Zufall. Die Studie der Landesanstalt Medien NRW benennt folgende Punkte als strukturelle Probleme bei WhatsApp-Kanälen:
- Fehlende Alterskontrollen
- Datenschutzrisiken
- Konfrontation mit problematischen Inhalten
- Mobbing
Der Druck hinter den Kulissen
Warum betreiben Kinder solche Kanäle überhaupt? Ein Grund: Orientierung und Zugehörigkeit. Die Studie aus NRW zeigt, dass Jugendliche solche Kanäle auch nutzen, um sich mit anderen zu vergleichen und Teil einer Community zu sein.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der soziale Druck durch das Follower-System. Ab etwa 1.000 Abonnenten werden Kanäle von WhatsApp selbst vorgeschlagen. Um diesen Stellenwert zu erreichen, treten viele Kinder sogenannten Push-Gruppen bei.
Wer sichtbar bleiben will, muss regelmäßig posten – das kostet Zeit und Nerven, besonders während der Schulzeit und wenn Klassenarbeiten geschrieben werden.
Hinzu kommt: Wenn der Kanal erstmal läuft, fühlt sich Löschen falsch an. In einem Fall während der Recherche schrieb eine Followerin an eine junge Kanal-Betreiberin: "Ich werde in der Schule immer gemobbt, aber wenn ich nach Hause komme und deine Videos sehe, hab ich einen Grund zum lachen."
Soziologin Jen K. Hügel berichtet in ihrem Tincon-Vortrag 2025 über einen noch krasseren Fall: Dort schrieb eine junge Followerin einer jungen Kanalbetreiberin, dass sie ihr über Suizid-Gedanken hinweggeholfen habe. Wenn sie den Kanal lösche, wüsste sie nicht, was sie dann mache.
Das ist eine riesige emotionale Last für ein Kind, das vielleicht gerade mal 13 Jahre alt ist.
Und was macht Meta? Es schaut weg – bislang
Meta, der Mutterkonzern von WhatsApp, formuliert es so: Der Kanalbetreiber sei "gemeinsam mit allen Kanaladmins dafür verantwortlich, die Inhalte für Follower sicher, relevant und altersgerecht zu gestalten". Die Verantwortung liege also beim Kind.
Dabei sind die Regeln eigentlich klar: WhatsApp ist offiziell erst ab 13 Jahren erlaubt, EU-weit brauchen Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren die Zustimmung ihrer Eltern. Das Problem daran: Es wird nicht kontrolliert.
Gleichzeitig bietet WhatsApp keine Möglichkeit die Kanal-Funktion auszuschalten. Wer seinem Kind WhatsApp erlaubt, bekommt die Kanäle automatisch mitgeliefert. Ohne Altersüberprüfung und ohne Schutzmechanismus.
Was Eltern und Kinder wissen sollten
Soziologin Jen K. Hügel plädiert nicht für pauschale Verbote, sondern für Aufklärung und begleitetes Medienhandeln. Ihr Ansatz: Kinder müssen ein echtes Gespür für Social Media entwickeln – und das geht nur im Gespräch, nicht durch Verbote.
Tipps für Kinder und Jugendliche mit einem Kanal:
1. Keine persönlichen Daten posten – kein Schulname, keine genaue Adresse, keine Ortsangaben
2. Vorsicht bei Fotos – anhand des Hintergrunds lässt sich oft viel mehr herausfinden, als man denkt
3. Keine Chatgruppen-Links veröffentlichen – dadurch werden Handynummern von dir und deinen Followern für alle sichtbar
4. Das Internet vergisst nichts – was einmal online ist, kann gespeichert, geteilt oder missbraucht werden
5. Komisches Gefühl? Nicht posten – und immer eine vertraute erwachsene Person einweihen
Tipps für Eltern
• Sprecht mit euren Kindern und anderen Eltern über WhatsApp-Kanäle – viele Eltern wissen noch nicht einmal, dass es sie gibt
• Fragt offen nach, ob euer Kind einen Kanal betreibt oder einem folgt – ohne Vorwürfe
• Schaut gemeinsam rein und besprecht, welche Informationen dort zu sehen sind
• Erklärt, warum Spiegelselfies, Turnfotos oder Alltagsberichte sensibel sein können
Wie gehen andere Länder mit Whats-App um?
In Australien wurde im Dezember 2025 Social Media für unter 16-Jährige per Gesetz verboten. Auch Bundeskanzler Friedrich Merz hatte sich zu möglichen Einschränkungen für Kinder auf Social Media geäußert. Außer Acht bleibt dabei: WhatsApp gilt als Messenger-Dienst und fällt nicht automatisch unter solche Regelungen.
Außerdem liegt die Verantwortung nicht nur bei den Eltern. Auch Schulen und Plattformbetreiber müssen stärker eingebunden werden, um Medienkompetenzen zu fördern und Risiken zu begrenzen. Das zeigt auch die Studie der Landesanstalt für Medien NRW.
Die EU fordert die Einschränkung, dass unter 13-Jährige Social-Media-Plattformen nicht nutzen dürfen und unter 16-Jährige die Zustimmung ihrer Eltern brauchen. Ob und wie das in der Praxis kontrolliert werden kann, bleibt jedoch offen.
Fest steht: Technische Lösungen allein reichen nicht. Solange Jugendliche ab 13 Jahren ohne Einschränkung öffentliche Kanäle betreiben können und Eltern keine Möglichkeit haben, diese Funktion zu deaktivieren, liegt die wichtigste Schutzmaßnahme woanders – beispielsweise im Gespräch.
evangelisch.de dankt Indeon für diesen Beitrag.
Was sind WhatsApp-Kanäle?
WhatsApp-Kanäle gibt es seit 2023. Sie funktionieren als Einbahnstraße. Follower können nur per Emoji reagieren oder anstimmen.
• weltweit öffentlich auffindbar
• Follower bleiben (meist) anonym für den Kanal-Betreiber
• Inhalte lassen sich speichern und weiterleiten
• Funktion ist nicht deaktivierbar
Weitere Recherchen zu Whats-App-Kanälen
Auch das NDR-Medienmagazin ZAPP zeigt: Inhalte aus WhatsApp-Kanälen von Kindern tauchen in pädosexuellen Foren auf. Experte Matthias Moßbrucker warnt: Je offener sich Kinder zeigen, desto größer das Risiko, dass ihre Bilder weiterverbreitet werden – ohne ihr Wissen.
Video: Gefahr auf WhatsApp: Diese Videos sind für Täter "Gold"
WhatsApp führt Eltern verwaltete Konten ein
Im März 2026 hat Meta elternverwaltete Konten für Kinder unter 13 Jahren angekündigt. Eltern sollen genau Kontakte und Gruppen steuern können. Kanäle, Status-Updates, Meta-AI und die Standortfreigabe sind für diese Accounts komplett gesperrt. Problem: Für über 13-Jährige gibt es weiterhin keine Einschränkungen.




