Es gibt mannigfaltige Möglichkeiten, sich während einer Zugfahrt die Zeit zu vertreiben: mit Büchern, Zeitschriften, Filmen und Serien, Sudoku-Rätseln; oder einfach durch Zuhören. Dank der mobilen Telefonie bleibt nichts mehr geheim. Geschäftsgeheimnisse, Beziehungsdramen, Liebesverhältnisse: Alles wird im Großraumwagen für sämtliche Mitreisenden gut vernehmlich ausgebreitet. Auf dieser Basis müsste sich doch, wird sich Sathyan Ramesh womöglich gedacht haben, eine Geschichte erzählen lassen.
Der gebürtige Berliner ist ein ausgewiesener Spezialist für romantische Dramen. Filme nach seinen Drehbüchern sind grundsätzlich sehenswert; und häufig mehr als das. "Zwei am Zug" beginnt mit dem unplanmäßigen Halt eines Nahverkehrszugs auf dem Weg nach Hamburg. Weil unklar ist, wie lange die Unterbrechung dauern wird, zücken die Reisenden ihre Telefone, um daheim oder am Arbeitsplatz die Verspätung anzukündigen. Selbstverständlich ist es mehr als unhöflich, die Gespräche anderer zu kommentieren, aber Otis (Rick Okon) tut es trotzdem.
Sie soll sich doch nicht dauernd entschuldigen, belehrt er eine etwas ältere Mitreisende, und setzt noch eins drauf: Das werde "langsam erbärmlich". Sandra (Katharina Wackernagel) beschwert sich völlig zu Recht über diese Bloßstellung. Er macht die Einmischung mit einem Kaffee wieder gut, dann fährt der Zug weiter, und zwar mitten durch den Titel.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Aus dem unguten Start entwickelt sich ein freundschaftliches Gespräch, in dessen Verlauf recht bald zwei Sachen klar werden: Der Mann, mit dem Sandra telefoniert hat, war keineswegs ihr Chef, sondern der Gatte; und Otis ist in eine Frau verliebt, die sich zwar gern mit ihm umgibt, aber auf einer rein platonischen Ebene. Beide stellen fest, dass sie sich nicht nur in den Telefonaten, sondern auch in ihren Beziehungen bislang kleiner gemacht haben, als sie sind. Also treffen sie eine Vereinbarung: Sie werden einander als "Personal Trainer" bestehen, treffen sich fortan regelmäßig zum gemeinsamen Joggen und bringen sich gegenseitig auf den neuesten Stand.
Das ZDF zeigt "Zwei am Zug" auf seinem "Herzkino"-Sendeplatz, aber mit den üblichen Sonntagsromanzen hat der Film allenfalls das mehr erhoffte als erwartbare Ende gemeinsam. Im Vordergrund stehen ohnehin nicht die Begegnungen von Otis und Sandra, sondern ihr jeweiliger emotionaler Alltag. Rasch zeigt sich, warum vor allem sie in einer Sackgasse steckt: Ehemann Christian (Aurel Manthei) hat sich seinen Lebenstraum erfüllt und eine Kneipe ("Fette Jahre") aufgemacht. Sandra dagegen wollte immer aus ihrer Leidenschaft für Filme einen Beruf machen und ein eigenes Kino betreiben; stattdessen ist sie nun an sieben Tagen in der Woche Kellnerin. Anhand des Paars skizziert Ramesh die typische Situation einer Ehe, die zur Zweckgemeinschaft geworden ist.
Nach Ansicht Christians sind sie "endlich angekommen", aber sie empfindet das genaue Gegenteil: "Wir sind stehen geblieben." Bei Otis sind die Dinge einfacher, zumindest von außen betrachtet: Sein Liebeswerben ist offenkundig vergeblich. Trotzdem kommt auch auf dieser Ebene Dynamik ins Spiel, als ihn seine Herzensfrau (Jane Chirwa), eine rigorose Tierschutzaktivistin, um Hilfe bittet: Sie will mit einigen Getreuen die Straße zum Haus eines Fleischfabrikanten blockieren.
Just diesen Weg wählt allerdings auch Christian, als er Sandra mit einem Wellness-Wochenende überrascht. Nach einem Handgemenge landen die vier im Polizeitransporter. Nun wiederholt sich in gewisser Weise die Zugszene: Das Quartett findet sich wider Erwarten sympathisch und verbringt einen fröhlichen Abend miteinander, wobei Sandra und Otis jedoch verschweigen, dass sie sich längst kennen. Constanze Knoche hat neben zwei Filmen für die ausgezeichnete ZDF-Sonntagsreihe "Dr. Nice" zuletzt vor allem Krimis gedreht, unter anderem ebenfalls fürs ZDF ("Erzgebirgskrimi").
"Zwei am Zug" ist gerade auch dank der ausnahmslos sehenswerten Mitwirkenden sehr kurzweilig, zumal Ramesh die Handlung um einige interessante Nebenebenen ergänzt hat, die zumindest in einer Hinsicht die ohnehin schwierige Gemengelage noch mal komplizieren, als Sandras erwachsene Tochter (Emilie Neumeister) "reges Interesse" an Otis zeigt. Für amüsante Anekdoten am Rande sorgen auch die Szenen an Otis’ Arbeitsplatz, zumal es ohnehin sehr sympathisch ist, dass er mit seinem Reisebüro und Sandra mit ihrer Leidenschaft fürs Kino zwei Passionen frönen, die im Zeitalter von Online-Buchungen und Streamingdiensten wie aus der Zeit gefallen wirken. Der doppelte Schluss ist ohnehin herzerwärmend.




