Bezahlbarer Wohnraum fehlt landesweit: In vielen Städten und ebenso in immer mehr Landkreisen übersteigen die Mieten inzwischen das monatlich verfügbare Haushaltsbudget deutlich. "Besonders betroffen sind Haushalte mit geringem Einkommen, Familien mit Kindern, Alleinerziehende, aber auch Alleinlebende, ältere Menschen und zunehmend junge Erwachsene", erklären die kirchlichen Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg in einer Pressemitteilung, die der Redaktion vorliegt.
Da gleichzeitig präventive Hilfen wie Fachstellen zur Wohnungssicherung unter Druck geraten oder ganz gestrichen werden – mit gravierenden Folgen für die Betroffenen sowie für die Kommunen - schlagen der Caritasverband und das Diakonische Werk Alarm.
"Zunehmende Armut und Wohnungslosigkeit verhindern die soziale Teilhabe einer wachsenden Bevölkerungsgruppe, verringern Bildungschancen und gefährden damit soziale Stabilität und Sicherheit", erklären die Wohlfahrtsverbände in Baden-Württemberg und fordern von der Landesregierung, die Bekämpfung von Wohnarmut und Wohnungsnot als verbindliches Ziel in der Landespolitik zu verankern.
Wohnen wird zur Armutsfalle
"Bezahlbares Wohnen ist ein existentielles Grundrecht", betont Oberkirchenrätin Sabine Jung, Vorstandsvorsitzende der Diakonie Baden. "Die Lösung von Wohnungsnot ist die zentrale Zukunftsfrage für Baden-Württemberg. Mit der neuen Landesregierung eröffnet sich die Chance, diese drängende soziale Frage anzugehen und bezahlbaren Wohnraum als Daseinsvorsorge zu begreifen. Dafür braucht es jetzt klare Prioritäten und verlässliche Entscheidungen."
Neben einem starken sozialen Wohnungsbau sei es notwendig, bestehende Potenziale besser zu nutzen. Der Umgang mit Leerstand sei dabei ein zentraler Hebel – sozial, wirtschaftlich und ökologisch. "Wir können es uns nicht leisten, Wohnraum leer stehen zu lassen, während Menschen verzweifelt eine Wohnung suchen", erklärt Dr. Annette Holuscha-Uhlenbrock, Vorständin des Caritasverbandes Rottenburg-Stuttgart.
"Wohnarmut" bei Rentnern
Baden-Württemberg ist kein Einzelfall. In den kommenden Jahren erreichen viele Menschen der geburtenstarken Jahrgänge das Rentenalter. Von ihrer Rente bleibt wegen steigender Wohnkosten nicht viel übrig. Ihnen droht laut der Gewerkschaft IG Bau "Wohnarmut". "Rund 5,1 Millionen Baby-Boomer werden weniger als 800 Euro pro Monat aus der gesetzlichen Rente bekommen", sagt IG-Bau-Chef Robert Feiger der Düsseldorfer "Rheinischen Post" (Donnerstag).
Dies seien rund 40 Prozent der geburtenstarken Jahrgänge, die ab diesem Jahr bis 2036 in Rente gehen werden. Spätestens die Miete dränge einen Großteil von ihnen dann in die "Wohnarmut". Feiger bezog sich dabei auf eine Berechnung, die das Pestel-Institut im Auftrag der IG Bau durchgeführt hat und der "Rheinischen Post" vorliegt.
Wohnarmut bedeutet, dass Menschen nach Abzug der Wohnkosten kaum noch genügend Geld zum Leben haben, wie die IG Bau erläutert. Am stärksten betroffen wäre laut Pestel-Institut Nordrhein-Westfalen, wo mehr als eine Million Baby-Boomer in den kommenden zehn Jahren in Wohnarmut rutschen könnten. Schon heute lebten demnach bundesweit mehr als 760.000 Menschen im Alter in Grundsicherung. Ihr Anteil an allen Rentnern betrage damit rund 4,3 Prozent. 2010 seien es noch 2,5 Prozent gewesen.




