Es wurde viel geboren in früheren Jahrhunderten. Und der Weg der Schwangeren führte nicht in den Kreißsaal, vielmehr nahmen sie zu Hause den Dienst von Hebammen in Anspruch. Das Geschäft ging den Geburtshelferinnen nicht aus. Bei der Auswahl der Hebammen ging es basisdemokratisch zu: Sie wurden von den gebärfähigen Frauen eines Orts öffentlich gewählt, wie Uwe Heizmann vom Evangelischen Archiv Baden und Württemberg berichtet.
1.500 Kindern half die Hebamme Maria Werner im frühen 18. Jahrhundert auf die Welt. 33 Jahre lang übte sie ihr Amt in Alpirsbach im Schwarzwald aus. Ihre Kollegin Christina Obergfell aus St. Georgen brachte es in 34 Dienstjahren auf 1.253 Geburten. Solche Einträge in alten Kirchenbüchern, Protokollen und Akten geben heute einen seltenen Einblick in einen der wenigen angesehenen Frauenberufe vergangener Jahrhunderte.
Der Weg ins Amt war genau geregelt. Eine Hebamme musste verheiratet oder verwitwet sein. Sogenannte "Geschworene Weiber" standen ihr zur Seite, kontrollierten aber auch ihre Arbeit. Die Ausbildung reichte vom Anlernen durch die eigene Mutter bis zur Unterweisung durch einen Arzt oder studierten Geburtshelfer. Später wurde der Besuch von Hebammenschulen Pflicht. Zudem mussten die Frauen die Inhalte von Fachliteratur büffeln. Ein Protokoll aus Schwenningen von 1711 belegt, dass Hebammen angewiesen wurden, sich das Lehrbuch "Neueröffnete Hebammen-Schul" von Christoph Völter anzuschaffen.
Der Berufsalltag war nicht einfach, immer wieder gab es Konflikte und Beschwerden. So beklagte sich 1705 eine Hebamme in Alpirsbach, dass Schwangere aus den umliegenden Dörfern lieber andere Frauen um Hilfe baten. Dramatisch war die Lage 1737 in Schwenningen. Dort beschwerten sich die Bürgerinnen über die mangelnden Fähigkeiten der zwei amtierenden Hebammen.
Eine Frau fand klare Worte: "Die beyde Hebammen wißten gar nichts, die Weiber seyen einmahl übel versehen." Das Vertrauen der Frauen genoss eine andere, Anna Schlencker. Nach "langem und beweglichen Zuspruch", so das Protokoll, erklärte sie sich "in Gottes Nahmen" bereit, "dieses schwere und wichtige Amt anzunehmen".
Soziale Spannungen unter Frauen
Auch soziale Spannungen sind in den Akten dokumentiert. Eine Hebamme aus Reuthin beschwerte sich 1745, dass reiche Frauen eine andere Geburtshelferin bevorzugten, während sie "bey denen Armen aber gut genug" sei. Die Kirchenleitung reagierte und verfügte, dass die offizielle Hebamme ihren Lohn auch dann erhalten solle, wenn eine andere gerufen wurde.
Mit der Zeit wurde die Aufsicht über die Hebammen strenger. Ein Prüfungsbericht des Nagolder Oberamts-Arztes von 1827 zeigt, wie genau die Kandidatinnen begutachtet wurden. Der Arzt fand keine der vier Bewerberinnen "vorzüglich brauchbar", ließ aber zwei von ihnen zur Wahl zu. Im 19. Jahrhundert kamen Zeugnisse von Hebammenschulen auf, die etwa die Teilnahme an einem Kurs im Schröpfen bescheinigten.
Gestorbene Kinder, betrunkene Hebammen
Erhalten sind auch Hebammen-Tagebücher, die detailliert Geburten auflisten. Andere Akten dokumentieren tragische Fälle wie den Tod von Kindern oder persönliche Probleme wie die Alkoholsucht einer Hebamme.
Heute setzt der Hebammenberuf für Berufsanfängerinnen in ganz Deutschland einen Studienabschluss voraus. Seit Anfang der 1990er Jahre wird am 5. Mai der internationale Tag der Hebammen begangen. Insbesondere die freiberuflichen Geburtshelferinnen fühlen sich derzeit bedrängt, etwa durch hohe Haftpflichtversicherungsbeträge und durch Honorarkürzungen, wenn sie als Beleghebammen in einer Klinik mehrere Geburten gleichzeitig betreuen. Durch Personalmangel und Bürokratisierung erwägen viele Frauen den Ausstieg aus ihrem erlernten Beruf.




