Friedrich rührt den Quark mit Milch an, gibt etwas Kresse hinein. "Wie viele Löffel Quark soll ich nehmen, drei oder vier?", fragt er. Renate Ladwig schaut ihm über die Schulter: "Ist egal, es kann nichts passieren, es muss einfach schmecken", sagt die Gesundheits- und Ernährungsberaterin.
Klaus reibt indes Kartoffeln, Karotten und Pastinaken klein und gibt die grün-gelbliche Masse in die Pfanne. Das Öl zischt, schnell verbreitet sich ein leckerer Duft. Beim "Kochtreff für trauernde Männer" in Ludwigshafen gibt es an diesem Abend Gemüse-Kartoffelpuffer. Einmal im Monat kommen Männer im Alter zwischen 50 und 85 Jahren in der Lehrküche des Zentrums für ambulante Rehabilitation am St. Marienkrankenhaus zum gemeinsamen Kochen und Essen zusammen, die Stimmung ist entspannt, man duzt sich.
Sie eint die Trauer um ihre verstorbenen Partnerinnen oder Partner - und der Wunsch, sich nicht länger zu verkriechen und wieder unter Menschen zu kommen. Der 84-jährige Friedrich aus Mutterstadt verlor vor zwei Jahren seine Frau. Seither habe er sich irgendwie "gedanklich über Wasser gehalten", erzählt er.
Klassische Rollenverteilung oft selbstverständlich
In der Familie habe die klassische Rollenverteilung seiner Generation geherrscht, sagt der Senior: Der Mann ging zur Arbeit, die Frau war für Haushalt und Familie zuständig. "Ich habe nichts gemacht, ich war zu bequem", gesteht Friedrich, der sich nach dem Tod seiner Frau mit Tiefkühlkost oder einem schnellen Imbiss behalf. "Ich hätte mehr Anerkennung zeigen sollen", sagt er nachdenklich, "alles war selbstverständlich." Sein Sohn wies ihn auf das kostenlose Angebot des Fördervereins Hospiz und Palliativ für die Stadt Ludwigshafen und den Rhein-Pfalz-Kreis hin.
Viele hinterbliebene Männer gerade im höheren Lebensalter seien im Alltag überfordert, auch weil ihre verstorbenen Frauen ihnen vieles abgenommen hätten, sagt Dietmar Breininger. Der Trauerbegleiter leitet den monatlichen Kochtreff gemeinsam mit seiner Kollegin Renate Ladwig. "Viele scheitern an den einfachsten Dingen: Wäsche waschen, Haushalt machen und Kochen", weiß er. Den Witwern fehle oft nicht nur das Wissen, wie man Speisen zubereitet, sondern auch die Lust, sich in die Küche zu stellen.
Gutes Essen bringt Lebensqualität zurück
Das gemeinsame Kochen mit anderen könne die Männer seelisch aufbauen und ihnen Kraft geben, sagt Breininger. "Das Sprechen über den Menschen, den man verloren hat, verbindet." Wenn die Ehefrau tot sei, verlören viele Männer alle sozialen Kontakte, berichtet Ernährungsberaterin Ladwig. Ihr sind der gesundheitliche und der soziale Aspekt wichtig: Wenn die trauernden Männer auf dem Markt einkauften, fänden sie nicht nur wieder Kontakt zu anderen Menschen. Gutes Essen diene auch ihrer Gesundheit und fördere die Lebensqualität.
So zu kochen, dass es schmecke, sei nicht nur eine Sache der "Haute cuisine", der gehobenen Küche, betont Ladwig. Beim Kochtreff geht es um einfache Gerichte, die sich mit wenigen Zutaten aus dem Kühlschrank herstellen lassen: Eier, Milch, Karotten. Auf Fleisch und Fisch verzichtet Ladwig beim Kochtreff. "Eine Wurst können sich die Männer selbst kaufen", sagt sie verschmitzt. Wem in der heimischen Küche der erste eigene Pfannkuchen gelinge, den erfülle es mit Stolz, erzählt Trauerberater Breininger.
Sportlerfreunde zum Essen einladen
Die Frau von Klaus, der im badischen Brühl wohnt, starb vor zweieinhalb Jahren an Weihnachten. "Ein schlimmer Tag", sagt der 71-jährige Pfälzer bitter. Das Kochen mit den anderen Männern, denen es wie ihm gehe, tue ihm gut: "Ich wollte raus, neue Leute kennenlernen." Anders als Friedrich kochte Klaus gerne zusammen mit seiner Frau und probierte neue Rezepte aus.
Für seine Sportlerfreunde soll es bald Stangenspargel mit Sauce hollandaise geben. "Es macht Spaß, kreativ zu sein", sagt Klaus und knetet den Pufferteig. "Da würde ich jetzt noch ein Ei reingeben", merkt Ernährungsberaterin Ladwig ganz sachte an. "Und vielleicht noch etwas Mehl?" Friedrich hat indes den Quark fast fertig. "Soll ich ihn abschmecken?", fragt er. Renate Ladwig kostet einen Löffel davon: "Das ist gut!".
Schließlich sitzen alle am Tisch, lassen sich die Puffer mit Quark und Feldsalat schmecken. Zum Nachtisch gibt es Bananenstücke mit Honigsoße. Irgendwann will er seine Familie zum Essen einladen, sagt Friedrich: "Das Leben schmeckt wieder."
Die Kochtreffs finden an jedem zweiten Dienstag im Monat in der Lehrküche des Zentrums für ambulante Rehabilitation (ZAR) am St. Marienkrankenhaus, Steiermarkstraße 14, 67065 Ludwigshafen, statt. Die Teilnahme und Anmeldung ist kostenlos.




