evangelisch.de: Was hat Sie dazu motiviert in die Sportseelsorge zu gehen?
Andreas Forro: Nach 15 Jahren in der schulbezogenen kirchlichen Jugendarbeit war für mich einfach etwas anderes dran. Ich komme zwar nicht aus dem Leistungssport und war nie ein verbandlich organisierter Sportler. Aber ich habe immer für mich Sport gemacht, sei es Krafttraining, Laufen gehen oder Radfahren. Generell bin ich ein sehr bewegungsfreudiger Mensch. Daher war der Aspekt des Sports nicht maßgeblich, sondern der Reiz lag mehr darin, im Rahmen eines Projekts etwas aufbauen zu können, so wie am Beginn der schulbezogenen Jugendarbeit.
Während meiner Zeit an den Schulen habe ich zusätzlich eine Ausbildung als systemischer Berater und Therapeut gemacht. In den letzten Jahren habe ich dadurch gemerkt, dass es ein großes Interesse von mir ist, nicht nur Gruppenarbeit zu machen, sondern auch einzelne Menschen zu begleiten. In der Stelle als Sportseelsorger kommen beide Aspekte zusammen. Wie auch der Leistungssport ist Schule kein klassisches Feld kirchlicher Jugendarbeit, und ich muss ehrlich sagen, dass es mir Spaß macht, am Rande der Kirche zu arbeiten. Ich finde es schön, im Sportbereich zu sein und Kirche hier als etwas Positives zu repräsentieren, auch weil Kirche im Leistungssport eher eine geringfügige Rolle spielt.
Wie wurden Sie als Sportseelsorger am Olympiastützpunkt aufgenommen
Forro: Auf struktureller Ebene war von Anfang an eine Offenheit da. Menschen vom Landessportverband hier in Württemberg und vom Olympiastützpunkt haben diese Idee mitentwickelt. Der Olympiastützpunkt ist ja sozusagen Dienstleister für Bundeskader-Athlet:innen aus mehreren Sportarten, zum Beispiel Leichtathletik, Turnen, Volleyball und oder Wassersport. Das sind alles eigene Sportwelten, in denen ich mich hier bewege, und ich habe die Sportseelsorge daher immer wieder mal in unterschiedlichen Gremien vorgestellt. Insgesamt habe ich das Gefühl gehabt, dass die Menschen, egal ob sie einen Bezug zur Kirche haben oder nicht, ein sehr wohlwollendes Interesse an dem Angebot haben und das sehr gut finden, weil sie alle wissen, wie groß der Druck im Leistungssport ist. Der mentale und psychische Druck, mit Dingen umzugehen, die nicht nur den Sport betreffen, sondern auch private Probleme, die sich auf den Sport auswirken können, die man aber irgendwie wegdrückt, wegschluckt oder nicht so zeigt im Sport.
Wird das Seelsorgeangebot von allen genutzt, unabhängig von der Nähe zu Kirche und Glaube?
Forro: Es spielt erstmal keine Rolle für die Menschen. Ich versuche auch zu vermitteln, dass es bei der Seelsorge nicht um Religiosität oder Spiritualität geht. In der Seelsorge steht erstmal einfach nur der Mensch im Mittelpunkt mit all seinen Gedanken, Sorgen, Nöten und was ihn umtreibt. Wenn jemand offen dafür ist, kann man ein Gebet anbieten oder eine Kerze anzünden als Ritual.
"Hier kann ich das loswerden, was mich gerade belastet, ohne dass es sich irgendwie auswirkt auf meine sportliche Karriere."
Die Sportseelsorge wird gut in Anspruch genommen von Menschen aus allen Alters- und Zielgruppen, die wir definiert haben, also Kindern, Jugendlichen, Eltern und Trainer:innen. Sie merken, hier kann ich das loswerden, was mich gerade belastet, ohne dass es sich irgendwie auswirkt auf meine sportliche Karriere. Eine weitere Ebene ist dazugekommen von Menschen, die nicht aktiv im Sport sind, aber wichtige Entscheidungen treffen müssen in den Sportverbänden. Bei mir können Sie mal "laut denken" und sich einen Rat holen für den Umgang mit der jeweiligen Situation und den betreffenden Menschen.
Über welche Themen sprechen Sie mit den Menschen, die Ihr Angebot nutzen?
Forro: Es sind tatsächlich alle möglichen Lebensthemen, natürlich auch aus dem Sport: Kommunikationsschwierigkeiten, das Beziehungsverhältnis zwischen Trainer:innen und Athlet:innen, teilweise auch das der Trainerinnen untereinander. Es gibt alle möglichen Themen innerhalb des Sports bis hin zu Themen wie Trauerbewältigung und Verlusterfahrungen. Auch das Thema Identität spielt bei Kindern und Jugendlichen eine Rolle, wenn man die Leistung zum Beispiel nicht mehr bringen kann oder sich zu sehr über den Sport identifiziert und gar nicht mehr weiß, wer man eigentlich ist ohne den Sport.
Es kamen auch schon Eltern zu mir, die innerhalb ihres Familiensystems ihre eigene Rolle nochmal neu finden müssen, gerade wenn die Kinder langsam erwachsen werden.
Paul Krombach studiert Fachjournalistik Geschichte, Evangelische Theologie und Geschichte an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Außerdem ist er als freier Mitarbeiter im Öffentlichkeitsreferat des Evangelischen Dekanats an der Dill tätig. Im März und April 2026 schreibt er als Praktikant für die Redaktion von evangelisch.de.
Was haben Sie persönlich als wichtiges Thema identifiziert?
Forro: Was ich überall heraushöre, ist das Thema Kommunikation. Auch innerhalb des Sports ist sie ganz wichtig, gerade, weil hier Themen auch medial und gesamtgesellschaftlich aufkommen mit Missbrauchsskandalen usw., bei denen man merkt: Es ist innerhalb der einzelnen Sportverbände wichtig, über bestimmte Problematiken und Herausforderungen zu sprechen. Es besteht teilweise einfach noch keine gute Kommunikationskultur um über diese herausfordernden Themen sprechen zu können, sodass das oft mit Verletzungen verbunden ist.
Es geht darum, wirklich zu lernen, bestimmte Problemfelder benennen zu können, ohne dass zum Beispiel Trainer:innen sich gleich irgendwie schuldig fühlen, weil jetzt jemand denkt: Oh, da bin ich jetzt vielleicht die letzten Jahre auch mal reingetappt oder so.
Nehmen wir mal irgendeinen Missbrauchsskandal als Beispiel: Da steht ja im Raum, dass Kinder und Jugendliche, meistens in der Rückschau als Erwachsene, sagen: Als Kind, als Jugendliche habe ich das als missbräuchlich erlebt oder, dass bestimmte Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen nicht beachtet oder bewusst oder unbewusst missachtet wurden. Kommunikation meine ich daher auch in dem Sinne, dass man innerhalb des Sports Kindern und Jugendlichen Räume eröffnet und aufzeigt, dass sie sich über ihre Bedürfnisse, aber vor allem auch ihre Grenzen, mitteilen, dass sie nicht nur Sachen wegschlucken, die sie dann später vielleicht therapeutisch aufarbeiten müssen. Eine Frage ist daher auch: Was brauchen die Trainer:innen an Kompetenzen, um diese Räume den Kindern und Jugendlichen zu eröffnen?
Wie erleben Sie das Thema Leistungsdruck, das ja gerade im Zuge der Missbrauchsskandale im Turnen Anfang 2025 im Fokus stand?
Forro: Spitzensport funktioniert nicht ohne Druck. Man kann keine Bestleistungen abrufen, ohne dass entweder von sich selbst oder von außen etwas von einem abverlangt wird. Ein gewisser Druck ist normal.
Worüber ich immer wieder im Gespräch mit Menschen bin, ist aber das Thema Motivation. Ist die Motivation, etwas von sich oder seinem Körper abzuverlangen, intrinsisch (innerlich, aus eigenem Antrieb), oder ist sie extrinsisch (von außen angeregt) motiviert? Es gibt ein gesundes Maß von Leistungsdruck, wenn es eine intrinsische Motivation ist, die dazu führt, dass ich bereit bin, etwas aus mir herauszuholen. Den Druck oder Antrieb von außen brauchen Athlet:innen auch durchaus - das habe ich schon mehrmals wahrgenommen aus unterschiedlichen Sportarten. Da ist auch wieder die Frage der Kommunikation: Was brauchen die Athlet:innen von einem/einer Trainer:in? Eine externe Person kann nicht Druck aufbauen, ohne zu prüfen, ob das für Athlet:innen gesund ist.
"Die wollten was erreichen, aber Spaß hatten sie keinen mehr."
Die Frage ist: Gibt es eine gesunde Mischung aus beiden Motivationen? Oder ist es ein Druck, wo die intrinsische Motivation verloren geht, so wie man das bei Missbrauchsskandalen immer wieder sieht. Da gibt es ja auch Äußerungen, wo Leute sagen, dass sie keinen Spaß mehr am Sport hatten, aber trotzdem weitergemacht haben. Die hatten natürlich Ziele, wollten was erreichen, wollten vielleicht zu Olympia, zur Weltmeisterschaft, aber Spaß hatten sie keinen mehr. Das ist, finde ich, eine Grenze, bei der man merkt, da ist was gekippt.
Wird es in diesem Kontext auch Schulungen geben?
Forro: Ja, das könnte Thema werden. Von den fünf Jahren ist jetzt ein bisschen mehr als ein Jahr vorbei und wir haben verschiedene Projektphasen definiert. Im ersten Jahr geht es darum, das Projekt zu implementieren, vorzustellen und die Zielgruppen zu erreichen. Das ist uns ganz gut gelungen bisher.
Die nächste Stufe ist es, zu überlegen, was die die Familien brauchen. Denn für eine gesunde Entwicklung der Athlet:innen spielt erstmal die Familie die größte Rolle. Es gibt natürlich Sportarten, da sind die Athlet:innen fünf, sechs Mal in der Halle, die gehen teilweise morgens vor der Schule schon ins Training und dann danach nochmal. Die haben teilweise mehr Kontakt zu ihren Trainer:innen als zu ihren Eltern. Trotzdem ist das Elternhaus natürlich ein ganz wichtiger Faktor.
"Von 100 Leuten schafft es nur ein Viertel."
Ich hatte mit der TSG Hoffenheim ein Elternmodul gemacht, einen Online-Vortrag über das Thema Kommunikation in Krisenzeiten - wie wir uns als Familie gegenseitig unterstützen können, wenn es Herausforderungen gibt, zum Beispiel durch eine verletzungsbedingte Pause, ein verletzungsbedingtes Ende des Sports oder wenn man eben nicht die Ziele erreicht die man möchte. Im Fußball zum Beispiel wollen natürlich alle Nachwuchsspieler:innen eines Profiverein den Sprung in den nächsten Kader schaffen. Von den beispielsweise 100 Leuten schafft es aber nur ein Viertel oder ein Drittel. Das ist allen bewusst. Trotzdem ist es für viele dann ein Riesenschock, wenn sie nicht weiterkommen, und auch etwas, wo sie lernen müssen, damit umzugehen.
Später schauen wir uns auch die Trainerinnen-Ebene an. Da wollen wir aus den Themen die uns in der Seelsorge begegnen auch Ideen entwickeln, was den Trainer:innen eine Unterstützung bieten könnte, damit sie die jungen Menschen im Leistungssport ganzheitlich in ihrer Persönlichkeit und nicht nur in ihrer sportlichen Begabung fördern können.
Wie sieht ein Arbeitstag bei Ihnen aus oder gibt es einen klassischen Arbeitsalltag gar nicht?
Forro: Letztes Jahr war natürlich alles neu und bei einer 50%-Stelle muss man immer schauen, wann man was möglich macht. Ich habe selber gemerkt, dass ich für mich persönlich ein bisschen Struktur brauche. Ich habe mir seit Jahresbeginn zwei feste Tage eingeplant, an denen ich tagsüber hier am Stützpunkt bin. Beim Landessportverband habe ich ein Büro. Wir haben hier in Stuttgart den VfB mit der MHP-Arena und direkt nebenan ist fußläufig erreichbar alles andere, was den Sport betrifft - das Kunstturnforum, die Halle der Leichtathlet:innen, ein Internat und der Olympiastützpunkt, mein eigentlicher Dienstort. Auf dem Weg zum Olympiastützpunkt schaue ich bei den Athlet:innen der verschiedenen Sportarten vorbei.
Die anderen Tage plane ich dann je nach Bedarf mit einzelnen Terminen und Aufgaben. Vor den Osterferien hatten wir beispielsweise ein Konfi-Projekt: eine Woche mit Konfirmand:innen aus dem Leistungssport, die sonst nicht die Möglichkeit zu Konfi-Unterricht hätten, in der Landessportschule in Ruit. "Konfi Kompakt Sport" haben wir jetzt das erste Mal gemacht und solche Dinge müssen natürlich geplant, organisiert und vorbereitet werden. Ein Teil sind administrative Aufgaben oder Gremienarbeit und der andere Teil füllt sich dann mit Gesprächen, entweder hier im Büro oder auch mal auf einem Spaziergang auf dem Gelände. Wesentlich ist für mich, dass ich versuche, zwei- bis dreimal die Woche sichtbar da zu sein. Ich trage T-Shirts oder eine Trainingsjacke vom Olympiastützpunkt, aber hinten auf dem Rücken steht ganz groß Sportseelsorge. Wenn man mich immer wieder herumlaufen sieht, erhoffe ich mir, dass es auch eine gewisse Niederschwelligkeit hat, mich anzusprechen oder mich zu kontaktieren.
Bis zu welchem Punkt können Sie helfen und wann verweisen sie an psychologische Beratung und Psychotherapie?
Forro: Es gibt verschiedene Sportpsycholog:innen, die über den Stützpunkt erreichbar sind. Einer vergibt über seine Homepage Termine hier vor Ort. In anderen Fällen muss man sich über den Stützpunkt melden, um Sportpsycholog:innen zu erreichen. Das macht nicht jeder.
Die Sportseelsorge sehe ich eher als was Präventiveres. Im besten Falle noch, bevor sich etwas auf Dauer so intensiviert, dass das wirklich psychologisch oder therapeutisch aufgearbeitet werden muss und sich möglicherweise ein Krankheitsbild entwickelt. Die Seelsorge ist ein Angebot, wo die Leute sich wahrnehmen, ihre Themen sortieren und eine Spur finden, bevor sie zu lange Dinge rumschleppen. Von meiner Profession her, auch als systemischer Berater und Therapeut, weiß ich natürlich, wo meine Grenzen sind und bei welchen Themen es jemanden mit einer anderen Profession braucht. Manchmal hole ich mir anonymisiert auch selbst Rat zu bestimmten Themen die mir in der Seelsorge begegnen.
Mittlerweile habe ich aber auch schon einzelne Kontakte zu Sportpsycholog:innen und anderem Fachpersonal, an die ich weitervermitteln kann. Manchmal braucht es vielleicht ein anderes Angebot, oder die Leute wollen lieber externe Hilfe. Der Seelsorge geht es ja erstmal nur darum, dass die Menschen einen Raum haben, sich mitzuteilen, dass man Dinge miteinander aushält, dass die Leute dadurch eine gewisse Energie zurückgewinnen, vielleicht auch Dinge bewusst anzugehen, die sie dann nicht mit mir weiterbearbeiten, sondern eben mit einem Therapeuten oder Psychologen. Das gehört quasi zu meiner Aufgabe, zu schauen, was jemand braucht und eine entsprechende Empfehlung auszusprechen, aber letzten Endes kann ich auch niemanden dazu drängen.
Was wollen Sie in den nächsten vier Jahren noch erreichen?
Forro: Für die Athlet:innen, mit denen ich in Kontakt komme oder die bei mir ein Gespräch suchen, wäre mein Ziel, ihnen ihren Wert als Mensch zu zeigen, den sie haben, auch über den Sport hinaus. Viele identifizieren sich tatsächlich über den Sport und sehen auch ihren Wert oft nur darin.
"Du bist wertvoll, so wie du bist, egal mit welcher Leistung."
Ich finde es unglaublich, welche Kompetenzen sich Athlet:innen im Leistungssport erwerben, die sie gar nicht als Kompetenzen wahrnehmen, also zum Beispiel Disziplin und Tagesstrukturen. Da ist ja alles durchterminiert, von der Physiotherapie bis hin zum Studium und zum Training. Bei meiner Einsetzung hatte ich gesagt: Wenn ich eine geistliche Botschaft habe, dann ist es die: Du bist wertvoll, so wie du bist, egal mit welcher Leistung. Dieses Gefühl möchte ich den Athlet:innen weitergeben.
Für die Elternebene hätte ich den Wunsch, einfach jemand zu sein, der Ihnen gut helfen kann, einen guten Blick dafür zu haben, wie sie Ihre Kinder bestmöglich unterstützen können – sowohl im Sport als auch in der Entwicklung der Persönlichkeit.
Für Trainer:innen und für den Sport als System, dem sie ja angehören, wünsche ich mir, dass ich hoffentlich die richtigen Themen finde und wahrnehme, für die wir Ihnen auch etwas anbieten können über Fortbildungen oder Ausbildungsformate, die einen Mehrwert bringen.
Natürlich habe ich auch das Ziel, dass es gelingt, dass diese Stelle über fünf Jahre hinausgeht.
Sie sind selbst in einer schwierigen Lage, etwas belastet Sie und Sie haben das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen? Melden Sie sich bei der Telefonseelsorge unter 0800 1110111 / 0800 1110222 oder 116 123 oder per Mail/Chat über www.telefonseelsorge.de.




