TV-Tipp: "Der Lehrer"

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28. Mai, RTL, 20.15
TV-Tipp: "Der Lehrer"
Weil seinem Nachfolger (Simon Böer) als Titelfigur des 2009 gestarteten RTL-Klassikers "Der Lehrer" deutlich weniger Erfolg beschieden war und ohnehin kein anderer als Hendrik Duryn in dieser Rolle vorstellbar ist, gibt es nun nach fünf Jahren ein Wiedersehen...

Genau genommen müsste zumindest die erste Folge "Der Tischler" heißen: In Staffel neun (2021) hat Stefan Vollmer seine Berufung hinter sich gelassen und ist ausgestiegen. Weil seinem Nachfolger (Simon Böer) als Titelfigur des 2009 gestarteten RTL-Klassikers "Der Lehrer" deutlich weniger Erfolg beschieden war und ohnehin kein anderer als Hendrik Duryn in dieser Rolle vorstellbar ist, gibt es nun nach fünf Jahren ein Wiedersehen: Vollmer schließt seinen Betrieb, vermeintlich vorübergehend, denn eigentlich will er bloß für zwei Wochen in den Beruf als Chemielehrer zurückkehren.

Das Comeback hat das Drehbuchteam rund um Yannick Posse, der seit Staffel zwei dabei ist und zuletzt stets Chefautor war, clever eingefädelt: An einer Ampel läuft die junge Tilda vor Vollmers Auto. Sie nutzt die Gelegenheit und klaut sein Portemonnaie, verliert dabei aber ein Schulbuch. Was für Vollmer wie ein bizarrer Zufall wirkt – Chemie, Jahrgangsstufe neun –, entpuppt sich als Wink des Schicksals, denn das Buch führt ihn zur Lilienthal Oberschule, wo er prompt ein Déjà-vu erlebt.

In zwei Wochen ist Abschlussprüfung, die Teenager werden mit Pauken und Trompeten durchfallen, und weil die Schulleiterin keinerlei Interesse offenbart, an den Missständen was zu ändern, erklärt sich Vollmer bereit, die Klasse beim Endspurt zu begleiten. Der von Ferne an "Der Club der toten Dichter" (1989) erinnernde Schluss der ersten von sechs Episoden hat allerdings zur Folge, dass alle Beteiligten ein weiteres Schuljahr miteinander verbringen werden.

Gerade in den ersten beiden Episoden legt Dominic Müller, der mit Duryn schon bei "Dünentod" (ebenfalls RTL) zusammengearbeitet und fürs ZDF diverse überwiegend sehenswerte "Wilsberg"- und "Friesland"-Krimis inszeniert hat, ein beachtliches Tempo vor. Mindestens ebenso wichtig wie die Schulzeit war stets Vollmers Privatleben. Gerade in den Staffeln zwei bis sieben ließen sich diese beiden Ebenen wegen der On/Off-Romanze mit Kollegin Karin (Jessica Ginkel) ohnehin nicht trennen.

Diesmal gibt’s eine Überschneidung der anderen Art: Schüler Max (Luke Matt Röntgen) ist der Sohn von Vollmers neuer Nachbarin Nadia. Schulleiterin Bohm (Tanja Schleiff) erklärt die Krankenschwester kurzerhand zur Vorsitzenden der Elternpflegschaft und Vollmer zum Verbindungslehrer. Die erste Begegnung der beiden ist der typische Auftakt zu einer romantischen Komödie, zumal sich Duryn und Birte Hanusrichter beim Schlagabtausch auf dem Balkon oder im Treppenhaus nichts schuldig bleiben und mit ihrem Ex (Kai Albrecht) immer wieder mal der klassische Nebenbuhler dazwischen funkt.

Zentrales Handlungsmotiv sind trotzdem die Schulgeschichten, bei denen Vollmer wie gewohnt im Zweifel auf der Seite der Schülerinnen und Schüler steht. Der erzählerische Ansatz ist grundsätzlich positiv, selbst wenn es zunächst nicht danach aussieht; sogar Tilda (Kya-Celina Barucki) hatte beim Diebstahl der Geldbörse eigentlich Gutes im Sinn. Die Themen stammen aus dem Schulalltag, werden tiefgründig behandelt und dienen daher nicht als Vorwand für schnelle Gags.

In Folge zwei wird ein Junge nach Strich und Faden gemobbt, in Folge drei sorgt Vollmer dafür, dass drei seiner Schutzbefohlenen hochgestuft werden, damit sie den Realschulabschluss machen können; und ausgerechnet Anton (Nevio Wendt), ein Schnösel mit vermögenden Eltern, soll der aus armen Verhältnissen stammenden Eileen (Acelya Sezer) Nachhilfe geben. Auch wenn die jeweiligen Wendungen nicht weiter überraschen mögen, zumal Rektorin Bohm regelmäßig erwartbar damit scheitert, Vollmer nach den diversen Zwischenfällen "über die Klinge springen zu lassen".

Wie die Geschichten die Kurve kriegen, ist jedes Mal die reine Freude. Anders als die etwas stereotypen Mitglieder des Kollegiums, allen voran Mathelehrer Naumann (Marian Kindermann), der Mobbing für ganz normale Gruppendynamik und Vollmers engagierte Plädoyers für "idealistisches Geblubber" hält, sind die Jugendlichen komplexe Charaktere; und allesamt ausgezeichnet gespielt. Davon abgesehen gelingt auch der zehnten Staffel jene Gratwanderung, die von Anfang an ein weiteres Merkmal der Serie war.

Es gibt zwar witzige Slapstickzenen, aber die Pointen sind dank der geistreichen Dialoge nie plump. Die behandelten Themen haben ohnehin eine hohe Relevanz; es geht um Angst vor der Angst, Einsamkeit, Homosexualität und allzu frühe Schwangerschaft. Höhepunkte der Folgen sind Vollmers Monologe, darunter ein Appell an die Klasse, Mut zur Verletzlichkeit zu zeigen, oder ans Kollegium, den Schülerinnen und Schülern die Freiheit zu geben, ihre Persönlichkeit zu entfalten. RTL zeigt heute die ersten drei Folgen, der Rest folgt nächsten Donnerstag.