Fast unscheinbar sieht das einstöckige Holzgebäude im niedersächsischen Knesebeck aus, durch die Fenster dringt warmes Licht nach draußen. Knesebeck, ein Ort nahe Gifhorn an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, beherbergt in einer alten Pfarrscheune gegenüber der Kirche eine von bundesweit 700 evangelischen öffentlichen Büchereien. Drinnen sortiert die ehrenamtliche Leiterin Bettina Winter gerade neue Bücher in die Regale. "Wir sind klein, aber fein", sagt sie lächelnd.
Zu den 2.600 Büchern in den Regalen zählen Thriller, Kochbücher oder Anleitungen zum Stricken. Auf der Fensterbank hat der Heimatverein Literatur zur Ortsgeschichte zusammengestellt. Ein Buch im rosafarbenen Einband blättert Winter kurz durch und sortiert es dann bei den Romanen ein.
Weiter hinten im etwa 50 Quadratmeter großen Raum sitzt Doris Lemberger am PC und scannt Bücher zum Ausleihen ein. Die 60-Jährige ist eine von neun ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen. Zum Schluss stempelt sie ganz analog noch das Rückgabedatum ins Buch.
Die Mitgliedschaft in der Bücherei ist für die rund 350 aktiven Leserinnen und Leser kostenfrei, es gibt auch keine Mahngebühren. Für manche sei der Ort viel mehr als nur eine Quelle für neuen Lesestoff, sagt Lemberger. "Viele kommen her, um einfach mal was loszuwerden, was ihnen auf der Seele liegt."
Das bestätigt auch Angelika Brauns, Geschäftsführerin der Büchereizentrale Niedersachsen: Das Bild der Bibliotheken habe sich in den vergangenen Jahren gewandelt. "Es sind eben nicht mehr nur Ausleihstellen, sondern Orte für Menschen." Insbesondere auf dem Land seien Bibliotheken oft die einzigen verbliebenen öffentlichen Orte ohne Konsumzwang. Von den bundesweit rund 10.000 Bibliotheken sind 4.000 von evangelischen oder katholischen Kirchengemeinden organisiert und häufig in kleineren Ortschaften zu finden.
Schachspielen und Strick-Treffs
Menschen kämen einfach zum Zeitung lesen, zum Schachspielen, besuchten Veranstaltungen oder organisierten Strick-Treffs, erzählt Angelika Brauns. Bibliotheken zählten außerdem zu den wenigen Orten, die sich an alle Menschen richteten, egal ob groß oder klein, mit oder ohne Migrationshintergrund, alt oder jung. Die Einrichtungen nähmen eine wichtige Rolle in der Leseförderung von Kindern ein und seien auch für Ältere wichtig, beispielsweise mit Angeboten zur Tablet-Schulung. So seien sie Orte für "lebenslanges Lernen" und aus ihrer Sicht als neutrale Einrichtungen bedeutend für Demokratiebildung sowie den Zusammenhalt der Gesellschaft.
Auch in der einstigen Pfarrscheune in Knesebeck liegt ein Schwerpunkt auf der Bildungsarbeit. Schulklassen der benachbarten Grundschule kommen regelmäßig in die Bücherei. Gleich am Eingang halten kniehohe Holzregale schon Bilderbücher für die Kleinsten bereit: Titel wie "Das kleine Stinktier riecht so gut", Geschichten über Barbie oder Bücher zum Computerspiel "Minecraft".
Ganz beliebt seien auch Sachbücher für die Themen im Unterricht, weiß die frühere Knesebecker Konrektorin Bärbel Guntermann, die seit ein paar Jahren zum Bücherei-Team gehört. "Insbesondere die Kinderbücher sind so wichtig, weil in den Familien immer weniger gelesen wird." Manche Kinder nähmen nachmittags auch ihre Eltern mit, die oft ganz erstaunt seien über die Auswahl. Bücher in ukrainischer und arabischer Sprache für geflüchtete Kinder gehören zum Angebot.
Regelmäßig nimmt das ehrenamtliche Team Bücherwünsche entgegen. Die Mitarbeiterinnen fahren in die nahegelegene Stadt und machen sich im Buchladen auf die Suche nach Neuzugängen. "Wir gehen gerne selbst gucken", sagt Winter. Ältere Bücher werden dann aussortiert, aber nicht einfach entsorgt.
Upcycling für ausgemusterte Bücher
Aus den gebundenen Seiten fertigt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Regina Friedrichs Postkartenständer oder kunstvolle Lesezeichen. Neben der Tür hängt auch ein "Museum" - eine Sammlung zurückgelassener Lesezeichen.
Die Knesebecker Bücherei hat dreimal in der Woche geöffnet, die Bücher können über eine Box am Eingang aber jederzeit zurückgebracht werden. Die eingeschränkten Öffnungszeiten sind laut Brauns oft das einzige Defizit der Büchereien auf dem Land. Manche, wie die Bibliothek in Adendorf in der Nähe von Lüneburg, haben das Modell einer sogenannten Open Library eingeführt: Leserinnen und Leser können rund um die Uhr per Bibliotheksausweis die Tür öffnen und die Bücher am Selbstbedienungsautomaten ausleihen.
Während ein solches Modell laut Brauns in Skandinavien bereits weitverbreitet ist, ist es in Deutschland aus finanziellen Gründen eher die Ausnahme. Die Knesebecker hätten sich gut mit den drei Öffnungstagen in der Woche arrangiert, sagt Leiterin Winter. Auch die 85-jährige Margret Schulze ist dankbar, dass sie als "fleißige Leserin" regelmäßig nach neuer Lektüre stöbern kann: "Ohne die Bücherei ", sagt sie, "würde uns hier im Ort wirklich etwas fehlen."
Öffnungszeiten der Evangelischen Bücherei Knesebeck: dienstags von 9 - 12.30 Uhr, mittwochs von 9 - 12.30 Uhr, donnerstags von 16-18 Uhr.
Evangelische Bücherei Knesebeck, Kirchstraße 1, 29379 Wittingen



