Der Mann wiegt gut und gern drei Zentner, das ist natürlich grundsätzlich schon mal problematisch. Außerdem leidet er unter einem Hexenschuss, aber den lächelt er weg; jedenfalls nach der Spritze, die ihm Nora Kaminski (Tanja Wedhorn) verabreicht hat. Anstatt ihrem Rat zu folgen und sich in der Klinik gründlich untersuchen zu lassen, damit ausgeschlossen werden kann, dass die Rückenschmerzen womöglich eine ganz andere Ursache haben, fährt er schnurstracks in seine Strandbar zurück, und das Stammpublikum von "Praxis mit Meerblick" ahnt: Das wird kein gutes Ende nehmen.
Damit aber nicht genug: Fassungslos steht Ole Feet (Marc Zwinz) vor den rauchenden Überresten seines Lokals. Offenbar war die Fritteuse noch eingeschaltet, das Fett hat sich erhitzt, das Feuer hat die Küche völlig zerstört. Ole ist überzeugt, dass ein Brandstifter am Werk war. Seine Wut richtet sich gegen einen Konkurrenten, der schon lange scharf auf seine Bar ist, aber der Mann hat überhaupt kein Interesse mehr an dem Lokal. Was also ist passiert?
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Marcus Hertneck, neben den Reihenschöpfern Lars Albaum und Michael Vershinin sowie Anja Flade-Kruse seit Jahren Stammautor von "Praxis mit Meerblick", bringt auf diese Weise nicht nur etwas Action, sondern tatsächlich eine moderate Krimispannung in diesen Film. Der Titel "Der Dickkopf" bezieht sich natürlich auf Ole. Der Mann ist ein Hüne, aber irgendwann ist auch einer wie er am Ende seiner Kräfte. Spätestens angesichts seines Zusammenbruchs ist klar: Ein Hexenschuss wäre noch sein kleinstes Problem. Die Botschaft ist unmissverständlich: Aus falschem Stolz auf Hilfe zu verzichten führt vielleicht nicht immer ins Verderben, ist aber schlicht dumm; ebenso wie die Überzeugung, medizinische Empfehlungen ignorieren zu können.
Beim ersten Mal ist Ole aus dem Krankenhaus abgehauen, beim zweiten Mal ist er dazu gar nicht mehr in der Lage. Immerhin erklärt die Krankheit seine Aussetzer: Die Schmerzen haben, wie es Doktor Heckmann formuliert, einen "Sturm im Gehirn" ausgelöst. Bei einer langlaufenden Reihe wie "Praxis mit Meerblick" besteht die große Kunst nicht darin, Geschichten fortzuführen, die sich andere ausgedacht haben; entscheidend ist vielmehr, dass die Übergänge derart reibungslos sind, als stammten alle Filme vom selben Team.
Das hat neben den Figuren auch viel mit dem Ensemble zu tun, aber entscheidend ist die Tonalität, und die ergibt sich nicht zuletzt aus der zuverlässigen Mischung. Einige Handlungsstränge sind dramatisch, andere heiter, doch die Vorzeichen können wechseln, selbst wenn einige Figuren klar umrissene Aufgaben haben. Heckmann zum Beispiel, der ärztliche Klinikdirektor, balanciert stets auf dem schmalen Grad zwischen Drama und Comedy, wobei es immer wieder eine große Freude ist, wie Patrick Heyn aus seinen oftmals kleinen Szenen große Auftritte macht.
Für vergnügliche Momente sorgt auch die Fortsetzung jenes Erzählstrangs, den Flade-Kruse in der letzten Episode eingeführt hat: Auf der Kinderstation des Krankenhauses gab’s einen Wasserschaden; Heckmann hofft, mit einem Beachvolleyball-Turnier genug Geld für Renovierung und neues Spielzeug einzusammeln. Planung und Organisation gestalten sich zwar schwieriger als gedacht, aber Noras Idee, die Teams auszulosen, führt sie ein weiteres Mal mit Tierarzt Doktor Mandel (Marco Girnth) zusammen; die regelmäßigen Begegnungen der beiden sind zuverlässig amüsant.
Davon abgesehen ist es durchaus eindrucksvoll, wie es regelmäßig gelingt, das gesamte Ensemble in die Handlung miteinzubeziehen, ohne die jeweiligen Beteiligungen wie ein Vorwand wirken zu lassen. Meist genügen kleine Ideen: Noras Schwester Franziska (Tina Amon Amonsen) muss aufgrund einer Renovierung vorübergehend ihre Wohnung räumen, zieht kurzerhand zu Nora in die Remise und würde am liebsten eine WG gründen. Jenseits der medizinische Ebene ist die 2017 gestartete Reihe ohnehin vor allem eine familiäre Erzählung. "Familie" bezieht zwar auch die Wahlverwandtschaften mit ein, aber zweite Episodenhauptfigur neben Ole ist diesmal Noras Sohn Kai (Lukas Zumbrock).
Der junge Anwalt ist mitsamt seiner Verlobten, Sophie (Maxine Kazis), zu Besuch auf Rügen, hat aber gar keine Zeit für Nora oder seinen Vater (Dirk Borchardt), weil er mitten in komplizierten Vertragsverhandlungen steckt. Der Stress ist offenkundig enorm, zwischendurch nimmt er Tabletten; die Quittung für sein selbstzerstörerisches Verhalten beschert dem Film einen fiesen Cliffhanger. Die Inszenierung (wie zuletzt Franziska Hörisch) bewegt sich ohnehin regelmäßig auf einem guten Niveau.



