Die sozialen Medien waren für ihn "technischer Krimpkramp", der vom Lesen ablenkte: Günter Grass (1927-2015) besaß bis zu seinem Tod am 13. April 2015 weder Smartphone noch Computer. Seine Manuskripte schrieb der Nobelpreisträger zunächst mit Füller und tippte sie dann auf seiner "Olivetti" ab, einer italienischen Schreibmaschine.
Grass lebte in einer rein analogen Welt. Er umgab sich mit Gegenständen, die ihn zu seinem umfassenden Werk inspirierten. Entsprechend vielfältig ist sein Nachlass. Ein Teil davon kommt nun ins Günter Grass-Haus nach Lübeck. Das Museum kaufte im vergangenen Jahr rund 800 Objekte aus dem Privatbesitz des Künstlers an, hinzu kommt seine Bibliothek mit rund 4.500 Bänden.
Bislang verfügte das Haus über Manuskripte und Zeichnungen, aber kaum über persönliche Gegenstände von Grass. Nun gehören allein 17 Pfeifen des passionierten Rauchers dazu. Auch eine Zigarrendose ist mit einer Inventarnummer versehen. Die ursprünglich darin befindlichen "Wilden Havanas" sind schon lange geraucht. Stattdessen liegen Steine, Bernsteine, Tierknochen und ein mumifizierter Molch in der Schachtel - alles Fundstücke, die Grass von seinen Spaziergängen mit nach Hause brachte. Sie werden für die internationale Forschung digital erfasst und sollen 2027 anlässlich seines 100. Geburtstags im Günter Grass-Haus in einer Ausstellung gezeigt werden.
"Herausfordernde Sisyphos-Arbeit"
Die Digitalisierung seines Nachlasses bezeichnet die Lübeckerin Hilke Ohsoling als "herausfordernde Sisyphos-Arbeit". 20 Jahre lang war sie Grass' Sekretärin. Sie erstellte Computerfassungen von seinen Manuskripten, koordinierte seine Termine und Reisen. Oft arbeitete sie mit Grass in dessen Werkstatt, die sich neben seinem Privathaus in Behlendorf befand, 25 Kilometer von Lübeck entfernt. Unten hatte Grass sich Schreibraum und Tonwerkstatt eingerichtet, oben stand sein Zeichendeck mit Blick auf den Elbe-Lübeck-Kanal. Nach seinem Tod fertigte Ohsoling akribisch eine Liste mit den wichtigsten Objekten an, 800 Stück an der Zahl.
Anschließend besuchte Museums-Volontär Carl Manzey mit einem kleinen Team achtmal die Werkstatt, um die Objekte auf der Liste einzusammeln. Dazu gehörten auch der Reisepass des Autors mit zahlreichen Länderstempeln, ein historischer Stadtplan von Grass' Geburtsstadt Danzig und eine "Mon Chéri"-Pralinenschachtel. Einmal stolperte Manzey regelrecht über eine Baumwurzel, die nicht auf der Liste stand. "Wir ließen sie zunächst liegen. Dann erfuhren wir aber, dass sie ein wichtiges Motiv in Grass' letztem Buch 'Vonne Endlichkait' ist", sagt Manzey. Jetzt hat auch die Baumwurzel eine Inventarnummer.
Arbeitete bis zu seinem Tod
Im Jahr 1999 wurde Grass mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Größte Erfolge waren "Die Blechtrommel" (1959) und "Der Butt" (1977). Er war aber auch Zeichner und Bildhauer. Sein Leben lang wechselten sich Phasen des Schreibens und des Zeichnens ab. Bücher wie sein Erzählband "Mein Jahrhundert" (1999) sind Literatur und Bildkunst in einem. 1983 trat er in die SPD ein und 1993 nach Beschlüssen zur Asylpolitik wieder aus.
Er galt nicht nur als Multitalent, sondern auch als unbequemer Mahner. Unermüdlich warnte er vor einem Wiederaufleben des Nationalismus. 2006 räumte Grass öffentlich ein, dass er kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs als 17-Jähriger Mitglied der Waffen-SS war. Zwar hatte er aus seiner Nazi-Begeisterung als Jugendlicher nie ein Hehl gemacht, doch viele nahmen ihm den späten Zeitpunkt des Geständnisses übel.
Günter Grass starb am 13. April 2015 mit 87 Jahren überraschend an einer Lungenentzündung. Bis zum Schluss schrieb und zeichnete er, warnte in mehreren Zeitungsinterviews vor einer Eskalation des Ukraine-Konflikts. Sein Werk umfasst mehr als 70 Titel in rund 40 Sprachen. "Sein Tod war ein Schock. Aber so konnte er bis zum Schluss tun, was ihn glücklich machte, nämlich arbeiten. Das habe ich ihm gegönnt", sagte Ohsoling.
Privathaus steht zum Verkauf
In seinem Testament hatte Grass sich einen öffentlichen Träger für sein Privathaus gewünscht, in dem er mit seiner Frau Ute von 1986 bis zu seinem Tod 2015 lebte. Die Lübecker Bürgerschaft stimmte im vergangenen Jahr aber aus Kostengründen gegen eine Übernahme. Mittlerweile steht die kleine Villa samt Nebengebäude für 1,6 Millionen Euro zum Verkauf. "Das ist natürlich jammerschade. Aber es gibt derzeit keinen realisierbaren Weg, das Haus für die Öffentlichkeit einzurichten", findet Ohsoling.
Dass sein Nachlass für die künftige Forschung aufbereitet wird, würde Grass aber vermutlich freuen. Angesichts der zunehmenden Digitalisierung machte er sich zu Lebzeiten Gedanken darüber, was von seinem Werk bleiben würde. "Gibt es noch Leser, gibt es noch Menschen, die neugierig sind, sich mit einem Buch allein zu befinden?", fragte Grass 2011 in einem Interview für die Initiative "Mein Erbe tut Gutes". Wenn er zwei, drei Bücher geschrieben habe, die später noch gelesen würden - das sei schon was, fand Grass.



