Was unter St. Marien in Lübeck ans Licht kommt

Detailaufnahme eines Gesichtes einer teilweise freigelegten Gruft im nördlichen Seitenschiff der Kirche.
Heiko Brandner
Detailaufnahme eines Gesichtes einer teilweise freigelegten Gruft im nördlichen Seitenschiff der Kirche. Das Mauerwerk wurde verputzt und bemalt.
Sensationsfund im Backstein
Was unter St. Marien in Lübeck ans Licht kommt
Die Sanierung von St. Marien in Lübeck lässt jahrhundertealte Stadt- und Kirchengeschichte wieder auferstehen. Bei Ausgrabungen stießen Archäologen auf Grüfte mächtiger Kaufleute. Die Rede ist von einem Sensationsfund.

Pastor Robert Pfeifer schaut durch hohe Fenster seines Büros direkt rüber auf den roten Backstein von St. Marien. Er sagt: "Wir legen einen Hotspot der Stadtgeschichte frei." Weil die Kirche eine neue Fußbodenheizung bekommt, müssen 15 Löcher gegraben und sogenannte Bodenstationen in die Erde eingebracht werden. Sie blasen später warme Luft in die Kirche. Zuvor aber werde der Boden untersucht, um zu prüfen, ob die Anlage eingesetzt werden kann. Was die Archäolog:innen dabei freilegen, sei ein Sensationsfund, so Pfeifer. Man sei unter anderem auf alte Grabkammern aus dem 17. Jahrhundert gestoßen. 

Die Kirche habe früher Geld damit verdient, dass sich die reichen Leute in den Gotteshäusern beisetzen ließen, erklärt der Pastor. In der Zeit der Werkgerechtigkeit, besonders im Mittelalter, dachte man, man könne Gott korrumpieren und ihn mit vermeintlich guten Werken gnädig stimmen. "Von reichen Damen beispielsweise wurde der Kirche ganz viel Schmuck geschenkt. Die wollten sich ein paar Jahre Hölle und Fegefeuer ersparen. Wenn Familien genug Geld hatten, wurden sie sogar in einer eigenen Kapelle beigesetzt." Doch es sei längst nicht alles freigelegt, denn man vermutet in noch älteren Schichten eine romanische Vorgängerkirche. "Die Fundamente im Chor sind schon entdeckt worden. Vielleicht befindet sich darunter eine Steinholzkirche aus der ersten Zeit der Stadtbesiedlung. Das ist wirklich spannend."

An mehreren Stellen im Innenraum sind die offenen Grüfte, gesichert als Baustelle, zu bestaunen. Schautafeln informieren über die Grabungsarbeiten. Unaufhörlich laufen Besucher:innen in die Kirche und schlendern durch die sakralen Höhen. Die Angaben zu den Touristenzahlen schwanken. Pfeifer spricht von bis zu 500.000 Besucher:innen im Jahr. Sie müssen den sogenannten "Marientaler" in Höhe von fünf Euro entrichten. "Die fünf Euro sind ausdrücklich kein Eintritt, sondern ein Erhaltungsbeitrag, ohne den die Kirche für Tourist:innen nicht mehr zugänglich wäre", stellt der Pastor klar.

Schichten mit vier Särgen übereinander

Man habe die Arbeit in zwei "Grabungskampagnen" von November 2025 bis April 2026 und nach einer Pause von Oktober 2026 bis Ende April 2027 unterteilt. Zuerst habe man die Grüfte im nördlichen und südlichen Seitenschiff und im Chor gefunden. Dieser solle dann ab Oktober auf sein historisches Niveau zurück gebaut werden. "Ich wusste, dass die Kirche eine Grabfläche ist und auf einem riesengroßen Friedhof steht", sagt Pastor Pfeifer und zeigt auf ein altes Ölgemälde in seinem Büro. Tatsächlich ist der Boden überall mit Grabplatten bedeckt. Die Archäologen graben bis zu vier Meter tief. "Man findet Schichten mit vier Särgen übereinander, weil die Grüfte immer wieder neu vermietet und die Menschen über Jahrhunderte übereinander beigesetzt wurden."

Blick ins Innere von St. Marien.

Der Pastor ist in den wöchentlichen Baubesprechungen dabei und hat sich mittlerweile jede Menge Bauphysik angeeignet. Er erklärt: "Man redet nicht vom Beheizen, sondern von der Temperierung der Kirche. Wir erreichen im Jahresdurchschnitt Temperaturen von zehn, zwölf Grad, in den Spitzen werden es 16 Grad." Es sei weniger die Temperatur, sondern die relative Luftfeuchtigkeit in der Kirche wichtig. "Die Kunstwerke brauchen ein gleichbleibendes Klima, damit sie keinen Schaden nehmen. Die Archäolog:innen finden immer neue Details, und wir entscheiden, was wir damit machen." Oft müssten die Bauarbeiten mit den Veranstaltungen in der Kirche abgestimmt werden.

St. Marien gehört zum UNESCO-Welterbe. "Wegen der Kirchtürme Lübecks kommen die Tourist:innen zu uns. Das ist das Wichtigste, was die Stadt zu bieten hat", so Pfeifer. Saniert wird zunächst die sogenannte Raumschale. Dazu gehören die Wandmalereien im Gewölbe und an den Wänden und Pfeilern sowie die Fenster. Die müssen alle ausgebaut, entrostet und neu verkittet werden. Das gehört zum natürlichen Alterungsprozess der Materialien. In etwa 70 Jahren muss die nächste Generation das erneut machen. Die Sanierung kostet 28 Millionen Euro. Vom Bund kommen 14 Millionen. Im Moment warte man noch auf den Zuwendungsbescheid. Weitere 14 Millionen wurden co-finanziert unter anderem durch die Stadt, die Sparkassen-Stiftung und durch Privatspenden.

Hier wird eine Gruft im südlichen Seitenschiff gezeigt. Der Bibelvers der an der Wand ist fast vollständig freigelegt.

Wenn das Geld da ist, werde etwa zwei bis fünf Jahre gebaut, sagt Pfeifer. Die Archäolog:innen seien zu recht euphorisch, weil man an die Schätze aus früheren Zeiten jetzt herandürfe. "Das wird lange nicht mehr passieren, denn ich weiß nicht, ob irgendjemand noch einmal so viel Geld aufbringen kann." Gerade arbeite man an einer Gruft, in der Reste von einem Sarg mit reich verzierten Beschlägen und Griffen zu sehen sind. Man überlege, mindestens eine Gruft offen zu lassen, erzählt Pfeifer, und beispielsweise eine Glasplatte darüber zu legen, so dass sie für Besucher:innen sichtbar bleiben.

"Lübeck ist auf Stadtgeschichte gebaut", sagt Pfeifer. "Überall, wo man in der Innenstadt einen Spaten in den Boden rammt, kommt irgendwas zutage." Die Kirche werde in diesem Jahr ab Anfang Oktober bis Ende April geschlossen sein. Dann wird die neue Fußbodenheizung verlegt.

Ob denn alle einverstanden seien mit den Summen, die die Sanierung verschlingt? Es gebe unterschiedliche Meinungen dazu, sagt Pfeifer. Manche sagen, das Geld sei für Infrastruktur oder Bildung besser investiert. "Ich verstehe die Argumente", sagt der Pastor, aber er geht es pragmatisch an. "Wir haben ja nicht angefangen zu graben, weil wir sagen, wir wollen jetzt graben. Wir möchten das Gedächtnis unserer Stadt erhalten." Auch dafür wurde im Februar ein Blog aufgelegt, der mit dem Titel "Unter St. Marien – Chroniken aus der Tiefe" die faszinierende Grabungsgeschichte begleitet. Die Kirche war Aushängeschild für Macht und Prestige, und der Begriff "steinreich" komme nicht von ungefähr, sagt der Pastor noch, und so ist der alte Backstein von damals der digitale Content von heute.

Als Jahr der Stadtgründung Lübecks wird 1143 genannt. St. Marien gilt als "Mutterkirche" der nord-deutschen Backsteingotik. Zwischen 1265 und 1351 erbaut, diente sie als Vorbild für rund 70 Kirchen im Ostseeraum. Als drittgrößte Kirche Deutschlands besitzt sie mit 38,5 Metern das höchste Backsteingewölbe der Welt.