Außerdem hat er nicht ganz Unrecht: Die Bevölkerung von Ouessant, dem westlichsten europäischen Zipfel Frankreichs, ist genauso rau und unzugänglich wie die Insel und das dort vorherrschende Atlantikklima. Entsprechend oft gibt es in diesem dreizehnten Film der ARD-Reihe "Kommissar Dupin" Aufnahmen von schroffen Felsen und mächtigen Wellen, die sich an den Klippen brechen. Wer kein Fischer ist, geht zur Marine; daher heißt Ouessant auch "Insel der Frauen". Fremden begegnen die Einheimischen grundsätzlich mit Misstrauen; abergläubisch sind sie auch.
Schon allein dieser Hintergrund ist überaus reizvoll, aber "Bretonische Sehnsucht" hat weit mehr zu bieten als bloß imposante Bilder. Der Film beginnt mit dem Fund einer männlichen Leiche: In einer regelmäßig von der Flut heimgesuchten Höhle, die den Teenagern des Eilands als Refugium für ungestörte Momente dient, finden die Zärtlichkeiten eines jungen Liebespaars ein abruptes Ende. Es gibt zwar einen Polizeiposten, aber da der Mann offenkundig gewaltsam aus dem Leben geschieden ist, machen sich Georges Dupin und sein Mitarbeiter Kadeg (Pasquale Aleardi, Jan Georg Schütte) auf den Weg zu der rund zwanzig Kilometer vom Festland entfernten Insel.
In den Sachen des Opfers findet sich das Foto einer Bombarde, eines alten keltischen Holzblasinstruments. Die Spur führt daher umgehend zur Wohngemeinschaft dreier junger Frauen, die unter dem Namen "Drei Schwestern" traditionelle bretonische Musik machen. Der Tote war ein Antiquitätenhändler aus Brest und womöglich auf der Suche nach seltenen Instrumenten, aber das Trio verwendet Nachbauten; Originale wären viel zu wertvoll, um damit zu musizieren.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Wie Anja Gurres und ihr Kameramann Michael Throne die Atmosphäre dieser unwirtlichen Gegend illustriert haben, ist eindrucksvoll. "Bretonische Sehnsucht" ist nach einem allerdings kaum der Rede werten Beitrag für den "Flensburg-Krimi" ("Wechselspiele", 2024) die zweite Arbeit der Regisseurin für den Donnerstags-Krimi im "Ersten". Auch dort war die Bildgestaltung (ebenfalls von Throne) vorzüglich, aber es mangelte dem Film erheblich an Krimispannung oder emotionaler Dramatik. Das ist hier ganz anders, zumal Kadeg nach der offiziellen Verabschiedung der geliebten Nolwenn (Franziska Wulf) sichtlich aus dem Tritt ist. Zwar nicht prominent, aber treffend besetzt sind auch die Rollen der Einheimischen, wobei Hildegard Schmahl als "Inselhexe" die düstersten Akzente setzt. Dank ihrer besonderen Ausstrahlung empfängt sie das polizeiliche Duo aus Concarneau mit einem Blick, der in zweitklassigen Romanen gern mit der Redewendung "misstrauisch beäugt" umschrieben wird und nichts Gutes ahnen lässt. Später erzählt sie von Monstern aus dem Meer, die mitunter menschliche Gestalt annehmen.
Der Rest ist eine richtig gute Krimistory, die sich schließlich zur Tragödie wandelt. Eckhard Vollmar hat seit dem sechsten Film ("Bretonisches Leuchten", 2018) sämtliche Adaptionen der jeweils gleichnamigen Bretagne-Romane von Jean-Luc Bannalec verfasst. Größtes Rätsel der Geschichte ist ein Frauenname: Es gibt nur ein Wirtshaus auf der Insel, und weil Dupin im gleichen Zimmer wie das Mordopfer nächtigt, entdeckt er am Morgen auf dem beschlagenen Fenster, dass der Mann aus Brest dutzendfach "Simone" auf die Scheibe geschrieben hat; so heißt jedoch keine der drei "Schwestern". Ein Mysterium ist auch die großflächige und offenbar erst kürzlich vorgenommene Tätowierung eines keltischen Symbols auf der Brust des Opfers. Neben den Haken, die die Handlung mehrfach schlägt, lebt "Bretonische Sehnsucht" nicht zuletzt von den Gefühlsmomenten. Das gilt auch für Dupin: Als sich die Witwe erkundigt, ob er einen vergleichbaren Verlust erlebt habe, berichtet der Kommissar vom frühen Tod des vor seinen Augen erschossenen Vaters. Auf die sonst üblichen kleinen Heiterkeiten hat Vollmar ausnahmsweise verzichtet, selbst wenn es durchaus verblüffend ist, wie der Kommissar seine gewohnte Fallanalyse diesmal mit Hilfe von Gläsern, Weinkorken und Zahnstochern konstruiert. Die gleichfalls unverzichtbaren Rückblenden sind hier vor allem akustischer Natur, was die geschilderten Ereignisse noch grausiger wirken lässt.



