TV-Tipp: "Das Lehrerzimmer"

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4. Mai, ZDF, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Das Lehrerzimmer"
Misstrauen statt Vertrauen, Denunziation statt Solidarität: Carla (Leonie Benesch) will als Lehrerin alles richtig machen. Doch als sie in einem Diebstahlsfall selbst zur Ermittlerin wird, gerät sie in einen Strudel aus Lügen, Mobbing und Rufmord.

Bespitzelung, Denunziation, Verleumdung, Rufmord, dazu der Vorwurf der illegalen Videoüberwachung: Ausgerechnet Carla, die doch alles richtig machen wollte, erlebt einen regelrechten Spießrutenlauf. Ein Elternabend wird zum Tribunal, ein Interview mit der Schulzeitung artet in eine Vernehmung aus; am Ende sieht die junge Klassenlehrerin, die ihre Stelle mit hehren Idealen angetreten hat, keine andere Möglichkeit, als die Schule zu verlassen. Dabei schien sich zunächst alles perfekt zu entwickeln: Ihre siebte Klasse mag sie und macht sogar bereitwillig das etwas kindliche allmorgendliche Begrüßungsritual mit. Carla (Leonie Benesch) ist nicht nur zugewandt und um größtmögliche Fairness bemüht, sie schafft es sogar, Mathematik auf eine Weise zu vermitteln, die selbst Mathe-Hassern Spaß macht. Als ein Kollege (Michael Klammer) bestohlen wird und den Klassensprecher mit subtilem Druck dazu bringt, einen Mitschüler zu verdächtigen, beobachtet sie die Aktion mit großem Unbehagen; erst recht, als es zu einer Art Razzia im Klassenzimmer kommt, weil die Rektorin (Anne-Kathrin Gummich) Verfechterin einer Null-Toleranz-Politik ist. 

Damit ist das Vorzeichen gesetzt: Fortan ist die Atmosphäre des Films von Misstrauen geprägt; und Carla, von Leonie Benesch in sämtlichen Gefühlsschattierungen bis hin zur Panikattacke jederzeit glaubwürdig verkörpert, hat maßgeblichen Anteil daran. Die Eltern des Jungen haben zwar eine Erklärung dafür, warum ihr Sohn so viel Geld dabei hat, aber weil in solchen Fällen trotzdem immer was hängen bleibt, nimmt Carla die Ermittlungen selbst in die Hand und findet mit Hilfe einer im Lehrerzimmer gestellten Falle heraus, dass es sich bei der Diebin offenbar um die Schulsekretärin (Eva Löbau) handelt. Die Frau reagiert empört und streitet alles ab, obwohl Carla einen allerdings nicht restlos zweifelsfreien Videobeweis hat. Nun nimmt die Sache eine Eigendynamik an, die das Kollegium entzweit und das Schulklima vergiftet. Die Dinge eskalieren, als Carlas begabter Schüler Oskar, der Sohn der Sekretärin, zum Mobbingopfer wird und in seiner Verzweiflung schließlich buchstäblich zum Gegenangriff übergeht. 

Abgesehen von Benesch, dank ihrer Mitwirkung in Serien wie "In achtzig Tagen um die Welt" oder "Der Schwarm" längst auch international gefragt, beeindruckt "Das Lehrerzimmer" vor allem durch Authentizität und Lebensnähe. Nicht nur die Erwachsenen, auch die Kinder machen ihre Sache ganz vorzüglich; die Szenen im Klassenzimmer wirken nie gespielt. Als Naturtalent erweist sich Michael Klammers Sohn Leonard Stettnisch in der Rolle von Oskar. Der Junge ist auch in den wortlosen Szenen als besonders ausdrucksstark, was zum allerdings etwas unbefriedigenden Finale sehr wichtig ist. "Veritas omnia vincula vincit", "Die Wahrheit überwindet alle Grenzen", steht in großen Lettern an der Wand im Redaktionsraum der Schulzeitung; ans Licht kommt sie dennoch nicht immer.

Großen Anteil an der Qualität des Films hat neben der sparsam eingesetzten, aber sehr präsenten Musik (Marvin Miller) die Bildgestaltung. Regisseur Ilker Çatak, der mit Koautor Johannes Duncker viele eigene Erinnerungen im Drehbuch verarbeitet hat, sowie Kamerafrau Judith Kaufmann haben sich für das unübliche Format 4 zu 3 entschieden. Auf diese Weise wirken die Figuren auch optisch voneinander isoliert. Das Polaroidformat sorgt zudem für einen gewissen nostalgischen Effekt; Geschichten wie diese wecken fast zwangsläufig Erinnerungen an die eigene Schulzeit. Obwohl die Handlung bis auf ganz wenige Außenaufnahmen ausschließlich in der Schule spielt, sorgt die agile Kameraführung für viel Dynamik. Zur Beschränkung der Schauplätze auf Klassen- und Lehrerzimmer sowie die dunklen Flure – der Film ist in einer in den Sechzigern gebauten ehemaligen Hamburger Theaterakademie gedreht worden – passt die Reduzierung Carlas auf ihren Beruf: Private Details bleiben praktisch komplett ausgespart. 

Çatak hat unter anderem mit "Borowski und der gute Mensch" (2021) den Abschluss der "Tatort"-Trilogie mit Lars Eidinger als "stiller Gast" gedreht. Zuletzt hat der gebürtige Berliner mit "Gelbe Briefe" ein in der Türkei angesiedeltes, aber in Deutschland entstandenes fesselndes Drama über den Protest gegen das demokratiefeindliche Regime und die Beschränkung der künstlerischen Freiheit inszeniert. "Das Lehrerzimmer" ist 2023 mit fünf Deutschen Filmpreisen geehrt worden (bester Film sowie für Regie, Kamera, Schnitt und die beste Hauptdarstellerin) und war 2024 für den "Oscar" als bester internationaler Film nominiert.