evangelisch.de: Herr Kremer, Menschen, die Seelsorge leisten, müssen sich oft schwerer Gefühle anderer annehmen. Das ist ihr Job. Wie nimmt man sowas nicht mit nach Hause?
Raimar Kremer: Menschen in der Seelsorge begegnen oft Leid, Verzweiflung oder existenziellen Fragen. Das berührt, und das soll es auch. Entscheidend ist nicht, nichts mitzunehmen, sondern anders damit umzugehen. Viele Seelsorgende entwickeln im Laufe der Zeit eine innere Haltung, die ich "mitfühlende Distanz" nenne: Ich bin ganz da, höre zu, lasse mich anrühren, aber ich trage die Last nicht allein. Hilfreich ist ein bewusstes Ritual am Ende eines Einsatzes: ein Gebet, ein kurzer Moment der Stille, ein Spaziergang, ein Satz wie "Ich lege diesen Menschen in Gottes Hand". Das schafft eine Grenze zwischen dem, was ich tun kann, und dem, was ich nicht tragen muss.
Welche Situationen gehen den Mitarbeitenden besonders nah?
Sarah Neder ist Redakteurin bei evangelisch.de und arbeitet daneben als freie Journalistin und Autorin. Nach Stationen bei der FAZ und der Offenbach-Post zog sie nach Manchester, wo sie unter anderem für den Tagesspiegel und den Dumont-Reiseverlag schreibt. Seit November 2020 gehört sie zum evangelisch.de-Team.
Kremer: Besonders nahe gehen Situationen, in denen Menschen völlig unverschuldet aus dem Leben gerissen werden: Unfälle, plötzliche Todesfälle, Schicksale von Kindern. Auch Begegnungen, in denen jemand zutiefst einsam ist oder keine Bezugsperson mehr hat, berühren viele sehr. Und manchmal sind es nicht die "großen" Katastrophen, sondern ein einzelner Satz, ein Blick, ein Moment, der hängen bleibt. Seelsorge ist Beziehung; und Beziehungen berühren.
Als Gemeindepfarrer hatte ich bei manchen Beerdigungen einen Kloß im Hals, besonders bei Frauen, die mich an meine Großmutter erinnerten, weil sie ein ähnliches Schicksal von Krieg und Vertreibung getragen hatten.
Muss man als Seelsorgende:r ein "dickes Fell" haben? Was halten Sie von diesem Ausdruck?
Kremer: Ein "dickes Fell" klingt nach Abhärtung, nach Unempfindlichkeit. Das halte ich für ein Missverständnis. Seelsorge lebt davon, dass Menschen empfindsam bleiben, dass sie Resonanz spüren. Was wir brauchen, ist nicht ein dickes Fell, sondern ein gutes Fundament: innere Stabilität, Selbstkenntnis, Teamrückhalt und die Fähigkeit, Grenzen zu setzen. Wer sich unverwundbar macht, verliert den Zugang zu den Menschen. Wer aber zu durchlässig ist, erschöpft sich. Die Kunst liegt dazwischen. Und: Innere Distanz heißt nicht, sich zu entfernen, sondern sich selbst nicht zu verlieren.
"Was wir brauchen, ist nicht ein dickes Fell, sondern ein gutes Fundament"
Gibt es bestimmte Techniken oder Strategien, die Sie Menschen in der Seelsorge an die Hand geben, um eine innere Distanz zur Arbeit aufzubauen?
Kremer: Ja, und sie sind weniger "Technik" als Haltung. Ich habe hier einmal einige Beispiele aufgelistet:
Atem holen: Ein bewusster Atemzug kann den inneren Raum weiten.
Boden spüren: Sich körperlich verankern, um nicht von Emotionen mitgerissen zu werden.
Rolle klären: Ich bin Begleiter, nicht Retter.
Teamkultur: Austausch, Supervision, kollegiale Beratung – niemand trägt allein.
Selbstfürsorge: Schlaf, Pausen, Bewegung, Humor.
Spiritualität: Für viele ist das Vertrauen, dass Gott mitgeht, eine wichtige Ressource.
Wie schöpfen Seelsorgende Kraft? Gibt es Seelsorge für Menschen, die in der Seelsorge arbeiten?
Kremer: Unbedingt. Wer andere begleitet, braucht selbst Orte, an denen er gehalten wird. Kraftquellen sind sehr unterschiedlich: Stille, Musik, Natur, Gebet, Gespräche, Familie, Rituale, Sport. Und ja: Es gibt Seelsorge für Seelsorgende. Supervision, geistliche Begleitung, kollegiale Beratung, Fortbildungen, aber auch informelle Gespräche im Team sind Formen von "Seelsorge für die Seelsorge". Niemand kann dauerhaft geben, ohne selbst zu empfangen. Professionelle Seelsorge lebt davon, dass Menschen gut für sich sorgen – damit sie anderen gut tun können.
Das Zentrum für Seelsorge und Beratung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) berät, unterstützt und qualifiziert Pfarrerinnen, Pfarrer und weitere kirchliche Mitarbeitende fachlich in den vielfältigen Bereichen kirchlicher Seelsorge und psychologischer Beratung. Dabei entwickelt es Seelsorgekonzepte, begleitet Arbeitsfelder wie Notfall-, Behinderten- oder Telefonseelsorge, bietet Aus- und Fortbildungen an und berät kirchliche Gremien und Träger in organisatorischen und konzeptionellen Fragen.



