"Es gibt noch viel zu tun, wenn man nichts mehr machen kann"

Hand wird gehalten im "Letzte Hilfe Kurs" neben Kerze und Blumen.
epd-bild/Anna-Lisa Lange
An der Uni Münster kann man Seelsorge, Spiritual Care, studieren.
Seelsorge-Studium in Münster
"Es gibt noch viel zu tun, wenn man nichts mehr machen kann"
Auch wenn nach religiösem Verständnis jeder Christ zur Seelsorge des Beistehens berufen und befähigt ist, kann die Begleitung und Unterstützung von Menschen in Lebenskrisen und Extremsituationen erlernt werden. An der Universität Münster initiierte Professor Traugott Roser den deutschlandweit ersten Masterstudiengang Spiritual Care, der Kurs "Klinische Seelsorgeausbildung" ist ein Teil davon. In einem Gespräch mit evangelisch.de-Redakteurin Alexandra Barone erklärt der evangelische Theologe, was Seelsorge von Hospiz- und Palliativversorgung lernen kann.

evangelisch.de: Was kann man sich unter dem Kurs "Klinische Seelsorgeausbildung" vorstellen? Welche Themen werden angesprochen? 

Traugott Roser: Der Kurs "Klinische Seelsorgeausbildung" ist in unserem Studiengang Spiritual Care Teil des Praxismoduls im 3. Fachsemester. Sein primäres Ziel ist es, in pastoralpsychologischer Tradition Erfahrungen zu machen mit der Praxis, mit der eigenen Person und mit dem Verhalten in zwischenmenschlicher Kommunikation in Gruppenkontexten.

"Klinisch" bezieht sich dabei nicht sosehr auf den Ort "Klinik", sondern auf das Konzept erfahrungsorientierten Lernens, das eben nur durch Erfahrungen in der Praxis und ihre Reflexion unter Peers, also mit den anderen Kursteilnehmenden gemeinsam möglich ist. Die Studierenden besuchen also Patient:innen auf Stationen der Uniklinikums in Münster, führen über diese Besuche – im Rahmen von Vertraulichkeit – Protokoll und analysieren die Themen und Verläufe intensiv. Welche Themen dabei ‚nach oben‘ kommen, hängt also von den Begegnungen selbst ab.

Wie bereitet der Kurs Studenten speziell auf existenzielle Krisen, Schuld- oder Todeserfahrungen vor? 

Roser: Die Grundsituation von Seelsorge ist die Frage, wie Menschen mit Vulnerabilität umgehen, mit eigener Verletzlichkeit, mit dem Verletzt-Sein durch Krankheit oder andere schicksalhafte Ereignisse. Das berührt immer auch die Begleitenden, also auch Seelsorgende. Deshalb gehört die Auseinandersetzung mit existenziellen Krisen – denen von Patient:innen und ihren Zugehörigen, aber auch den eigenen – zur Ausbildung dazu.

Der Kurs "Klinische Seelsorgeausbildung" wird darum flankiert durch eine Reihe von Seminaren und Übungen, darunter einem Seminar, in dem es speziell um den Umgang mit Tod, Sterben und Trauer, übrigens in unterschiedlichen religiösen Traditionen, geht. Ein anderes Seminar widmet sich dem Umgang mit existenziellen Themen und Abschiednehmen durch Rituale. Und nicht zu vergessen sind auch die forschenden Zugänge zum Umgang mit den genannten Themen, zu konkreten Bedürfnissen und vorhandenen Ressourcen, auf die Menschen zurückgreifen können.

Herr Roser, Sie waren selbst Seelsorger in der Palliativmedizin an der Klinik der LMU München. Wie gehen Seelsorger mit eigener Ohnmacht um, gerade in Palliativsituationen? 

Roser: Krankenhausseelsorge unterscheidet sich – auch wenn sie sich als Gesundheitsberuf versteht – von anderen therapeutischen Berufen dadurch, dass sie häufig in Situationen agiert, in denen sie scheinbar ‚nichts machen‘ machen: nicht therapeutisch handeln oder heilen. Aber sie kann trotzdem viel tun, allein durch Präsenz, durch das Dasein und das Dabei-Bleiben, durch kommunikative Fähigkeiten, die Wahrnehmung und Zuhören verbinden mit Überlegungen, wie sie ihr Gegenüber unterstützen können. 

"Wenn Seelsorge Menschen ermutigt, das Leben bis zum Ende zu leben – zum Beispiel mit geliebten Menschen - dann ist das alles andere als eine Ohnmachtserfahrung, auch wenn und, gerade weil man nicht mehr alles gut machen kann"

Seelsorge hat hier viel mit Hospiz- und Palliativversorgung gemeinsam und viel davon gelernt. Immerhin ist es ein Credo der Hospizbewegung, dass noch viel zu tun ist, wenn man nichts mehr machen kann. "Palliative Situationen" sind ja vielmehr Situationen des Lebens als Situationen des Todes: Leben findet bis zum letzten Atemzug statt. Wenn Seelsorge Menschen ermutigt, das Leben bis zum Ende zu leben – zum Beispiel mit geliebten Menschen - dann ist das alles andere als eine Ohnmachtserfahrung, auch wenn und, gerade weil man nicht mehr alles "gut machen kann".

Der Kurs "Klinische Seelsorgeausbildung" ist Teil des Masterstudiengangs Spiritual Care. Welche Rolle spielt die Spiritualität bei der Seelsorge? 

Roser: Das zentrale Thema des Studiengangs ist die Auseinandersetzung mit Spiritualität im Kontext von Krankheit und Gesundheit. Wir arbeiten dabei mit einem sehr offenen Spiritualitätsbegriff, der ebenso anschlussfähig ist für Menschen mit einer ausgeprägten Religiosität als auch für Menschen ohne religiöse Bindung oder Prägung. Seelsorger:innen müssen sich also auf unterschiedliche Formen von Spiritualität einlassen können, sie müssen sie wahrnehmen können und verstehen lernen, bevor sie Angebote machen können, wie sie ihr Gegenüber konkret begleiten können. 

Der evangelische Theologe Traugott Roser ist spezialisiert auf Seelsorge, insbesondere Spiritual Care und Palliative Care.

Ein offener Spiritualitätsbegriff ist deswegen nicht beliebig, sondern er ist subjektzentriert: jedes Gegenüber – also jeder Patient, jede Mitarbeiterin in einem Krankenhaus – ist in eigener Weise spirituell, hat Bedürfnisse und Nöte, aber auch Ressourcen. Unsere Studierenden lernen, wie sie diese erfassen können und wie sie ihr Gesprächspartner:in unterstützen können. Ihre Unterstützung gilt nicht nur den Mitgliedern der eigenen Religionsgemeinschaft.

"Christliche Theologie bezieht sich auf den Schatz spiritueller Traditionen und Glaubenszeugnissen, die helfen, heutige Situationen im Horizont des Glaubens an einen mitfühlenden und barmherzigen, gerechten und rettenden Gott zu verstehen"

Warum reicht theologisches Wissen allein für gute Seelsorge nicht aus? 

Roser: Zuallererst lassen Sie mich betonen, dass theologisches Wissen enorm wichtig ist für gute Seelsorge. Die Theologie als eine Wissenschaft, die sehr breites Wissen vermittelt, fördert vor allem die Fähigkeit, aktuelle Situationen in ihren Zusammenhängen zu verstehen. Als christliche Theologie bezieht sie sich dabei auf den Schatz spiritueller Traditionen und Glaubenszeugnissen, der in den biblischen Texten vorhanden ist und die dazu helfen, heutige Situationen im Horizont des Glaubens an einen mitfühlenden und barmherzigen, gerechten und rettenden Gott zu verstehen. 

Wir bilden unsere Studierenden aber gezielt für ein Umfeld aus, das durch Medizin, Pflege, Psychologie und Ökonomie geprägt ist. Das heißt, dass alles, was im Krankenhaus oder in Reha- und Altenpflegeeinrichtungen oder auch im Hospiz geschieht, gute Gründe haben muss. In der Medizin heißt das: evidenzbasiert – alle Maßnahmen müssen durch Studien und Praxiserfahrung begründbar sein oder als Konsens unter Expert:innen vereinbart sein. 

"Seelsorger müssen die eigenen Vorerfahrungen und Einstellungen, Vorurteile und unbewussten Verhaltensmuster kritisch und selbstkritisch zur Kenntnis nehmen und dazu lernen"

Alle Maßnahmen müssen ethischen Regeln entsprechen, die Entscheidungsautonomie von Patient:innen respektieren und auch der Gerechtigkeit entsprechen, die keine Bevorzugung der einen gegen andere kennt. Die Ausbildung von Seelsorger:innen muss also in Grundfragen der Ethik, in ein Verständnis des Krankenhauses als einer Organisation und in ein medizinisch-pflegerisches Verständnis von Krankheiten, Therapien und Gesundheit einführen. Das ergänzt und bereichert theologisches Wissen.  

Was müssen angehende Seelsorger verlernen, bevor sie wirklich zuhören können? 

Roser: Sie müssen erst einmal ihre eigenen inneren Impulse, helfen zu wollen, wahrnehmen und kritisch verstehen. Verlernen müssen sie eigentlich nichts, aber die eigenen Vorerfahrungen und Einstellungen, Vorurteile und unbewussten Verhaltensmuster müssen sie kritisch – in dem Fall selbstkritisch – zur Kenntnis nehmen und dazu lernen.

Was hat sich an der Anforderung an Seelsorger geändert, was vor 30 Jahren keine Rolle spielte? 

Roser: Die Arbeit als Seelsorger:in im Gesundheitswesen muss sich einer doppelten Transformation stellen. Erstens: die Bedeutung und der Stellenwert von Kirche und Religion hat sich geändert. Es gibt eine Pluralität von Religionen und Weltanschauungen und gleichzeitig eine Abnahme der Kirchenzugehörigkeit. Das heißt, dass viele Menschen nicht mehr wissen, was Seelsorge ist, wer sie in Anspruch nehmen kann und wie sie arbeitet. Hier müssen Seelsorgende sehr viel mehr als früher transparent machen, was ihr Angebot ist, das ja mehr und anderes kann als Begleitung beim Sterben. 

Zweitens: das Gesundheitswesen hat sich enorm geändert und ändert sich laufend. Die Aufenthaltszeiten im Krankenhaus sind deutlich kürzer, die Versorgung wird in den ambulanten Bereich verlagert. Und die medizinisch-therapeutischen Möglichkeiten sind natürlich auch andere. Für Seelsorge heißt das, dass die Zeitfenster für Besuche kürzer werden und die Orte der Begleitung sich verändern. Im Bereich von Reha-Einrichtungen und ambulanter Versorgung wie in der Ambulanten Palliativversorgung muss sich Seelsorge gut einbringen können – hier haben wir leider noch zu wenige Strukturen und vor allem keine ausreichende finanzielle und personelle Basis. 

Gibt es Momente im Kurs, in denen Studierende merken: Seelsorge ist nichts für mich? 

"Wir erleben Momente, dass Menschen durch den Kurs entdecken, welches Charisma in ihnen steckt, anderen menschlich und professionell beistehen zu können"

Roser: Das ist durchaus schon vorgekommen, dass sich nach einem Seelsorgepraktikum Studierende entscheiden, sich zunächst auf ein anderes Berufsfeld zu konzentrieren. Dafür bin ich dankbar, weil es dazu hilft, achtsam mit den eigenen Ressourcen und auch dem umzugehen, was man als Rucksack aus dem Leben schon mitbringt.

Wir erleben aber auch Momente, dass Menschen durch den Kurs entdecken, welches Charisma in ihnen steckt, anderen menschlich und professionell beistehen zu können. Das ist vor allem für die Studierenden aufregend, die aus der Erfahrung eines Gesundheitsberufes kommen und sagen: das ist genau das, was ich eigentlich weiter machen möchte.

Welche sind Ihrer Erfahrung nach, die größten Hürden bei der Umsetzung von Theorie in Praxis? Wo scheitert Seelsorge in der Praxis am häufigsten und warum? 

Roser: Die zentralen Hürden sind leider aktuell die begrenzten Ressourcen. Der Ansatz von Spiritual Care in der Theorie ist, dass alle Menschen ein Anrecht auf spirituell-seelsorgliche Begleitung und Versorgung haben. In der Praxis mangelt es an Geld zur Finanzierung von ausreichend Personal. Es mangelt leider auch immer wieder an Vorschriften, etwa wenn Seelsorger:innen keinen Zugang zu Informationen haben, und damit auch kein Angebot machen können, das speziell auf einen bestimmten Patienten  ausgerichtet ist. 

Wenn sie keinen Zugang zu den Informationen haben, können sie auch nicht dokumentieren, dass sie den Patienten oder die Patientin begleiten oder begleitet haben. Dann fehlen dem Behandlungsteam möglicherweise wichtige Informationen. Auch hier gibt es Bedarf an verlässlichen Regeln.

An den Kursen bzw. Studiengang nehmen nicht nur Pfarrer teil, sondern auch "weitere Interessierte": Aus welchen Interessierten setzt sich so ein Masterstudiengang zusammen?  

Roser: Unter unseren Studierenden sind sowohl Menschen, die bereits eine theologische Ausbildung haben – als Religionslehrer:in und Diakon:in, angehende Pfarrer:in oder Pastoralreferent:in – als auch Menschen, die aus einem Gesundheitsberuf stammen: Apotheker:in, Logotherapie, Hospizkoordinator:in und Äzrtin. Einige der Kurse belegen sie getrennt, die meisten aber gemeinsam. Das ist ungemein bereichernd, auch für die Dozentinnen und Dozenten.