Preise für Autoren und Verlage - weiter Streit um Weimar

Besucherin stöbert in illustrierten Büchern
epd-bild/Jens Schulze
Insgesamt 2.044 Verlage und Medienunternehmen aus 54 Ländern beteiligen sich bis Sonntag in Leipzig an dem Frühjahrsbranchentreff. Ein Schwerpunkt der Buchmesse ist in diesem Jahr die Literatur des Donauraums.
Leipziger Buchmesse
Preise für Autoren und Verlage - weiter Streit um Weimar
Die Literaturwelt blickt noch bis Sonntag nach Leipzig: Die Hallen der Buchmesse sind voll, zudem wurde der Hauptpreis des Branchentreffs vergeben. Der Belletristik-Preis geht an Katerina Poladjan und "Goldstrand". Misstöne gab es indes bei der Eröffnungsveranstaltung im Streit um zurückgenommene Preise für drei unabhängige Buchläden.

Bis Sonntag beteiligen sich in Leipzig an der  Buchmesse insgesamt 2.044 Verlage und Medienunternehmen aus 54 Ländern. Ein Schwerpunkt ist in diesem Jahr die Literatur des Donauraums. Unter dem Motto "Donau - Unter Strom und zwischen Welten" sind dazu fast 30 Veranstaltungen geplant.

Der diesjährige Preis der Buchmesse in der Sparte Belletristik wurde  an die 1971 in Moskau geborene Katerina Poladjan für ihren Roman "Goldstrand" vergeben. Der Preis ist mit insgesamt 60.000 Euro dotiert und wurde in drei Sparten verliehen. 

Poladjan führe meisterlich vor, wie eine Biografie aus Selbstbefragung und Erfindung entstehe. Ihre Sprache sei dabei "leicht und abgründig zugleich". In "Goldstrand", erschienen bei S. Fischer, geht es um Eli, einen Regisseur bildgewaltiger Filme, der in einer bröckelnden römischen Villa lebt und dessen Biografie sich in ausschweifenden Erinnerungen entfaltet.

Preisträger für Sachbuch und Übersetzung

In der Sparte Sachbuch/Essayistik ging die Auszeichnung an die Münchner Geschichtsprofessorin Marie-Janine Calic. Mit ihrem Buch "Balkan-Odyssee, 1933-1941. Auf der Flucht vor Hitler durch Südosteuropa" (C.H. Beck) schließt sie nach Überzeugung der Jury eine Lücke in der Exilforschung. Sie erzähle die wechselvolle Geschichte der Balkanroute anhand vieler Einzelschicksale. Den Preis für die beste Übersetzung erhielt der 1964 in Wien geborene Manfred Gmeiner. Er hatte das Buch "Unten leben" des peruanischen Autors Gustavo Faverón Patriau aus dem Spanischen übersetzt. Für den Preis der Leipziger Buchmesse hatten 177 Verlage insgesamt 485 Titel eingereicht. Der Preis wurde in diesem Jahr zum 22. Mal verliehen.

Buch aus Verzweiflung verfasst

Beim Eröffnungsfestakt wurde auch der Buchpreis zur Europäischen Verständigung an den kroatisch-bosnischen Schriftsteller Miljenko Jergovic verliehen. Gewürdigt wird damit sein Werk "Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro Remastered". Darin schildert Jergovic in Erzählungen das tägliche Überleben im belagerten Sarajevo während des Bosnienkrieges in den 1990er Jahren.

Zur Entstehung sagte der Autor auf der Buchmesse, er habe es in einem Zustand der Verzweiflung geschrieben und in einem idealistischen Versuch, die Welt, wie er sie kenne, zu retten: "Ich dachte, ich und alles um mich herum würde verschwinden." Zentraler Bestandteil der Buchmesse ist das Lesefestival "Leipzig liest" mit 3.000 Veranstaltungen im gesamten Stadtgebiet.

Die Edition Tiamat aus Berlin wurde mit dem Kurt-Wolff-Preis ausgezeichnet. Der Preis wurde am Freitag auf der Leipziger Buchmesse verliehen. Die Ehrung ist mit 35.000 Euro dotiert. Zur Begründung hieß es von der Kurt Wolff Stiftung, seit mehr als 45 Jahren bereichere Verleger Klaus Bittermann die publizistische Landschaft mit politischen Essays und Büchern. Ein Schwerpunkt werde auf die Themen Holocaust, Antisemitismus und Nationalismus gelegt. Die Publikationen von Edition Tiamat seien "wichtige Stimmen im Meinungsstreit mit Unbequemem, Gesellschaftskritischem, historisch wie aktuell Relevantem".

Förderpreis geht nach Fürth

Der Kurt-Wolff-Preis wird seit 2001 jährlich verliehen. Er würdigt vor allem verlegerische Leistungen abseits des Mainstreams. Der Kurt-Wolff-Förderpreis ging in diesem Jahr an den Verlag Starfruit Publications aus Fürth. Seit 2009 publiziere Verleger Manfred Rothenberger dort ein Programm, das "spartenübergreifende Kollaborationen fördert", Lyrik wie Sachbücher, Biografien und Kunstbücher. Dabei werde "vermeintlich Abseitiges" ins Licht gehoben. Der Förderpreis ist mit 15.000 Euro dotiert.

Staatsminister Weimer weiter in der Kritik

Am ersten Öffnungstag wollte eigentlich auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) einen Rundgang absolvieren, sagte diesen Programmpunkt jedoch kurz zuvor ab. Er war wegen umstrittener kulturpolitischer Entscheidungen in die Kritik geraten. So hatte er unter anderem drei linke Buchläden von der Nominierungsliste für den Deutschen Buchhandlungspreis gestrichen. Bei der feierlichen Eröffnung der Buchmesse am Mittwochabend im Leipziger Gewandhaus gab es Buhrufe für den Kulturstaatsminister. Protest gab es zudem auf der Straße vor dem Gewandhaus.

Börsenverein schlägt Gutachten vor

Im Streit um den Ausschluss dreier Buchläden vom Deutschen Buchhandlungspreis sind die Fronten verhärtet. Der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandlungspreises, Guggolz, macht aber einen Vorschlag: Er schlägt ein unabhängiges Gutachten vor. Das könne klären, was genau den Buchhandlungen vorgeworfen wird. "Diese Möglichkeit besteht, aber davon macht Weimer nicht Gebrauch", sagte der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Freitag).

Er habe den Verdacht, dass der Kulturstaatsminister entgegen seiner Aussage schon irgendwie informiert wurde, worin die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes bestehen, "und dass diese, wenn er sie veröffentlichen würde, wahrscheinlich einfach so schwach sind, dass seine ganze Argumentation bröckeln würde". Wenn in der Mitteilung "wirkliche gravierende Sachen drin wären, hätte er das schon längst veröffentlicht".

Preisverleihung abgesagt

Weimer hatte die drei Buchhandlungen "Rote Straße" in Göttingen, "Golden Shop" in Bremen und "Zur schwankenden Weltkugel" in Berlin wegen "verfassungsschutzrelevanter Erkenntnisse" von der Liste der Preisträger genommen. Die Buchbranche reagierte empört. Wegen des Streits sagte Weimer die ursprünglich für die laufende Leipziger Buchmesse geplante Preisverleihung ab.

Der Börsenverein fordere weiterhin, dass der Ausschluss der drei Buchläden rückgängig gemacht wird, wenn keine Gründe vorliegen, sagte Guggolz. Weimer habe zwar seine Hand ausgestreckt, wolle über den Buchhandlungspreis sprechen, über eine neue Organisation. "Dem verschließen wir uns nicht, weil es unser Hauptziel ist, diesen so wichtigen Buchhandlungspreis zu erhalten", sagte der Börsenvereins-Vorsteher. Das entbinde den Kulturstaatsminister allerdings nicht von der Aufgabe, erst einmal darzulegen, auf welcher Basis er seine Entscheidung getroffen hat. "Das sind linke, keine linksextremen Buchhandlungen", sagte Guggolz. Das müsse man immer wieder betonen.

Buchläden werfen Weimar Rufschädigung vor

Die von der Liste der Preisträger gestrichene Berliner Buchhandlung "Zur schwankenden Weltkugel" schickte Weimer eine Abmahnung für seine in der Wochenzeitung "Die Zeit" getätigte Aussage, bei den drei Buchläden handele es sich um "politische Extremisten". Die Bezeichnung Extremist sei stigmatisierend, rufschädigend und damit rechtlich unzulässig, teilten die Rechtsanwälte der drei Geschäfte in Göttingen, Bremen und Berlin gemeinsam mit.

Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jasper Prigge erklärte, Bewertungen staatlicher Stellen müssten auf einer ausreichenden Tatsachengrundlage beruhen: "Sollte Herr Weimer seine Diffamierung nicht zurücknehmen, wird er also vor Gericht darlegen müssen, was gegen die Buchläden vorliegen soll. Er kann sich nicht weiter hinter einem angeblichen Geheimschutz verstecken." Prigge vertritt die Berliner Buchhandlung. Die Anwälte fordern Weimer in ihrem Schreiben auf, seine Aussage nicht zu wiederholen. Dem Schreiben, das dem Evangelischen Pressedienst vorliegt, ist eine bis zum Montag (23. März) zu unterschreibende Unterlassungsverpflichtungserklärung beigefügt.