TV-Tipp: "So haben wir dich nicht erzogen"

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18. März, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "So haben wir dich nicht erzogen"
Als Tochter Hedwig ihren Eltern eröffnet, dass sie heiraten will, einen Mann, gerät das Weltbild ihrer feministischen Familie ins Wanken. In der pointierten Komödie "So haben wir dich nicht erzogen" prallen Überzeugungen, Lebensentwürfe und Generationen aufeinander, mit viel Witz und überraschenden Geständnissen.

Eltern wünschen sich für ihre Kinder in der Regel nur das Beste. Mitunter haben die Söhne und Töchter jedoch gänzlich andere Vorstellungen. Wenn sich die unterschiedlichen Erwartungen beim besten Willen nicht in Einklang bringen ließen, hieß es früher, der Nachwuchs sei "aus der Art geschlagen". So ähnlich reagieren auch Balbina und Inka, als die nach der Frauenrechtlerin Hedwig Dohm benannte Tochter sie in ihre Zukunftspläne einweiht: Hedwig will heiraten; und zwar einen Mann. Das ist vor allem aus Sicht von Feministin Balbina ein Skandal, schließlich ist die Ehe die patriarchale Institution schlechthin.

Komplettiert wird das Schreckensszenario durch eine mutmaßliche Schwangerschaft. Prompt malt Balbina die Zukunft der Tochter in düstersten Farben: ein Dasein als verkümmertes Heimchen am Herd, während sich der Gatte selbst verwirklicht. Dabei übersieht sie, dass ihre Gefährtin Inka in den letzten gut 24 Jahren exakt dieses Leben geführt hat.
Diese Ignoranz ist nur einer von vielen blinden Flecken, die Uli Brée mit chirurgischer Präzision freilegt. Der seit Jahren in Tirol lebende Deutsche ist Autor unter anderem von Komödien wie "Die Spätzünder" (2010/2013), der auch hierzulande sehr beliebten österreichischen Serie "Vorstadtweiber" (seit 2015) sowie zuletzt der ARD-Trilogie "Faltenfrei", "Ungeschminkt" und "Makellos" (2021 bis 2026) mit Adele Neuhauser. Mit seinem jüngsten Drehbuch erweist er sich erneut als herausragender Dialogschreiber. Dank des ausgezeichneten Ensembles lässt sich daher ohne Weiteres verschmerzen, dass "So haben wir dich nicht erzogen" über weite Strecken wie adaptiertes Bühnenstück wirkt, zumal sich die Handlung größtenteils im Haus der Wiener Familie zuträgt (Regie: Michael Kreihsl). Davon abgesehen ist die Geschichte ohnehin derart turbulent, dass dies kaum ins Gewicht fällt.

Besonders gelungen ist der regelmäßige Wechsel zwischen dem Wissensvorsprung des Publikums und diversen Überraschungen. Zum Auftakt konfrontiert Hedwig (Alina Schaller) ihren Freund Andi (Julian Pichler) auf dem Weg zum Elternhaus mit allerlei scherzhaft gemeinten Schreckensszenarien; die Wirklichkeit entpuppt sich aus Sicht des bedauernswerten jungen Mannes allerdings als ungleich größere Herausforderung. Gemäß dieser Prämisse hat Brée sein gesamtes Drehbuch komponiert. Das gilt vor allem für die Perspektive von Balbina (Brigitte Hobmeier): Immer, wenn sie denkt, schlimmer könnt’s nicht mehr kommen, muss sie einen weiteren Tiefschlag verkraften.

Höhepunkt in dieser Hinsicht ist die Konfrontation mit Andis Eltern (Carmen Gratl, Roland Silbernagl), die in voller Tracht auf dem Weg zu einem "Tirolerball" sind und unerwartet ins Haus schneien, weil sie in der Wohnung ihres Sohnes übernachten wollen und den Schlüssel brauchen; prompt prallen zwei scheinbar unvereinbare Weltanschauungen aufeinander. Allerdings stellt sich im Verlauf des Abends heraus, dass es einige verblüffende Überschneidungen gibt. Die Komödie erfreut ohnehin durch immer wieder neue Geständnisse und Bekenntnisse, die der feministischen Fassade des weiblichen Paares einige Risse zufügen.

Wem das alles bekannt vorkommt: Zumindest hinsichtlich der Grundidee hat sich Brée durch einen fast fünfzig Jahre alten Klassiker inspirieren lassen. In dem Hollywood-Drama "Rate mal, wer zum Essen kommt" (1967) spielen Spencer Tracy und Katharine Hepburn ein liberales Ehepaar, dessen Toleranz auf eine erhebliche Probe gestellt wird, als sie den Verlobten ihrer Tochter kennenlernen: Er ist schwarz. Ausgerechnet der Vater, als Journalist stets ein Vorkämpfer für Gleichberechtigung, hat im Gegensatz zu seiner Frau erhebliche Vorbehalte gegen den jungen Mann, dessen Eltern später auch noch auftauchen.

Brées Transfer in die Gegenwart und auf feministische Verhältnisse hat aus dem mit einem "Oscar" ausgezeichneten Originaldrehbuch von William Rose allerdings eine völlig neue und zudem satirisch konsequent zugespitzte Geschichte gemacht. Gerade an Balbina (Brigitte Hobmeier) und ihrem aktuellen Projekt, einer feministischen Version des Alten Testaments, hat sich Brée regelrecht lustvoll abgearbeitet.

Witzigste Figur ist jedoch ein mit dem Paar befreundeter katholischer Pastor: Edgar (Thomas Mraz), damals noch nicht zum Priester geweiht, musste als Scheinpartner Inkas (Gerti Drassl) herhalten, um ihre künstliche Befruchtung mit einer anonymen Samenspende zu ermöglichen. Er dient dem Autor als Alter Ego und spricht all’ das aus, was angesichts von Balbinas narzisstischer Scheinheiligkeit vermutlich auch einem Großteil des Publikums durch den Kopf gehen wird.