Der Kreuzgang im Aachener Dom, der jüdische Friedhof in Mannheim, das Mittelmeerhaus von 1904 im Berliner Botanischen Garten: Rund 35 Millionen Euro werden mit dem jüngsten Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes für 144 Sanierungsvorhaben in allen Teilen Deutschlands bereitgestellt. Eines davon betrifft die evangelische Marienkirche im brandenburgischen Gransee.
Eine meterhohe Feldsteinmauer umgibt das Eingangsportal der bereits sanierten monumentalen Westfassade, darüber Ziegelmauerwerk mit Spitzbogenfenstern und ganz oben zwei Turmspitzen, die eine gemauert, die andere aus Holz und mit Schiefer gedeckt. Doch auf der Ostseite der mehr als 60 Meter hohen spätgotischen Backsteinkirche sieht es ganz anders aus. Rot-weißes Flatterband soll Neugierige auf Abstand halten. Denn ab und zu brechen Ziersteine ab und fallen hinunter.
"Es bröckelt schon eine ganze Weile", erzählt Pfarrer Sebastian Wilhelm: "Viele Steine haben Risse." Der östliche Ziergiebel stehe deshalb bei der Dringlichkeit der noch anstehenden Sanierungsmaßnahmen ganz oben. Und dafür bekommt die Kirche nun erstmals auch Geld vom Bund. Knapp 205.000 Euro der Denkmal-Sondermittel können für die insgesamt 412.000 Euro teure Sanierung eingesetzt werden.
Dass auch die Marienkirche im Denkmalschutz-Sonderprogramm aus bundesweit 520 förderfähigen Anträgen mit einem Gesamtvolumen von rund 243 Millionen Euro ausgewählt wurde, trifft in Gransee auf deutlichen Zuspruch. "Das kann man gar nicht sagen, so sehr freuen wir uns", sagt der Superintendent des Kirchenkreises Oberes Havelland, Uwe Simon. Das Denkmal sei prägend für Gransee, eine der größten Kirchen nördlich von Berlin und so etwas wie das "Wohnzimmer der Stadt", betont Pfarrer Wilhelm.
Brände und Fontane
Die Kirche hat mehrere Brände und den Dreißigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert überstanden. Auch in der Literatur hat sie Spuren hinterlassen: Der Schriftsteller Theodor Fontane widmet ihr in seinen veröffentlichten "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" einen Abschnitt und würdigt dort die "reiche Verwendung des vierblättrigen Kleeblatts" als Ornament. Die unterschiedlich gestalteten Turmspitzen erklärt er mit diplomatischer "Rücksicht auf die rivalisierenden Mächte der Maurer- und Zimmermeister".
Auf einer Bank an der Bushaltestelle am Rand des Kirchplatzes sitzen zwei ältere Damen, die per Bahn aus Berlin gekommen sind, um sich die Stadt anzusehen. "Wir sind Rentnerinnen auf der Suche nach sinnvoller Freizeitbeschäftigung", sagt die eine und lacht: "Wir gucken uns das Umland an." Dass für die Kirchensanierung nun Bundesmittel fließen sollen, findet sie in Ordnung. "Wenn so ein Kulturgut verrottet, ist das ja auch blöd", sagt sie: "Von mir aus soll die Kirche saniert werden."
Ein paar Schritte entfernt läuft eine Frau mit gut gefüllter Einkauftasche über den Kirchplatz, auch sie Rentnerin, aber aus Gransee. In der Kirche sei es recht schön, und dass es nun Bundesmittel für die Sanierung geben soll, finde sie sinnvoll, sagt sie: "So alte Bauwerke müssen ja instand gehalten werden."
Gut 4.000 Menschen leben heute in der einst wohlhabenden kleinen Ackerbürgerstadt, die an zwei früheren Handelsstraßen liegt. Für ein Viertel von ihnen hätte die Kirche Platz, wenn die Menschen nebeneinander stehen, sagt Pfarrer Wilhelm und erzählt, die Stadt habe im Mittelalter mit der Kirche ein "Statement nach außen" setzen und die eigene Bedeutung betonen wollen.
Für den Ziergiebel der Marienkirche müssen noch weitere gut 200.000 Euro aufgetrieben werden. Ein Teil davon werde aus kirchlichen Mitteln kommen, sagt Superintendent Simon: "Den Rest kriegen wir dann auch noch hin." 2027 sollen die Arbeiten beginnen.


